diese unvergleichliche Frau. Wie schön musste diese natur sein, dass eine Lebrün nichts darin verderben konnte! – Nach dieser gefühlvollen Szene folgte eine Stille, während welcher ich mich ehrerbietig zurückzog; denn ich sah ihre Seele tief bewegt, und in sich beschäftigt. Wie aus einem Schlummer erwacht, rief sie mich; ich musste dicht neben ihr sitzen, und sie lispelte mir zu, indem sie ihre sanfte Hand auf meine Schulter stützte: Ida, ich sehe, Du liebst mich; Dein Herz steht in Deinen Augen. Es ist mir hohes Bedürfniss, ein fühlendes weibliches Herz an meiner Seite zu haben; aber um Dein, um mein und um noch eines Dritten willen, es k a n n nicht sein! ich m u ss Dich aufgeben! Erschrick nicht, meine arme; ich baue mein Glück nicht auf Deinen Untergang. Ich habe eine Jugendfreundin in Deutschland, die Herzogin von ; ihr Gemahl vernachlässigt sie; Du sollst ihr Trost sein. Ich schicke Dich zu ihr; Popoff begleitet Dich. Ich statte Dich aus, und Du bleibst, wenn gleich fern von mir, meinem Herzen stets teuer. –
Ich willigte ein; mir blieb keine Wahl. Das süsse Wort Deutschland war wie der schönste Wohllaut mir in's Ohr gefallen. Ich fühlte mich erleichtert, und doch beklommen, wenn ich mir die Trennung von diesem Engel dachte. Noch verstrichen vierzehn Tage unter ausharrender Liebe und Freundlichkeit von Seiten der Prinzessin, und herzlicher, dankbarer Ergebenheit von der meinigen. Selbst die Lebrün kam mir mit Freundschaft entgegen, sobald es ihr gewiss war, dass ich reisen würde. Nur einmal noch sah ich den Fürsten. Er trat unerwartet ins Zimmer seiner Gemahlin; sie war froh bestürzt, und sah mit einiger Unruhe auf mich hin. Ich war im Begriff, mich zu entfernen: der Fürst konnte das nicht geschehen lassen, ohne etwas zu sagen; es wäre Affektation gewesen zu schweigen. Es tut mir leid, sagte er, wenn ich jemand von einer so schönen Stelle vertreibe; er zeigte galant auf den Platz, den er, seiner Gemahlin gegenüber, eingenommen hatte. Die Fürstin nahm diese gelegenheit wahr, ihm zu sagen, dass ich sie in Kurzem verlassen würde. Die probe war stark; aber er bestand sie, und erkundigte sich mit fester stimme, wohin ich zu gehen gedächte? und warum ich ein andres Haus dem Schutze der Fürstin vorzöge? Er hoffe allerdings, dass meine Angelegenheiten in Berlin unterdessen eine günstigere Wendung genommen haben würden. – Darauf hab' ich nicht zu rechnen, – sagte ich; das übrige beantwortete die Fürstin mit der ihr eigentümlichen Klugheit. Der Prinz sagte, sich verneigend, einige russische Worte, worüber sie sehr vergnügt schien; und als er sie bald darauf verliess, fiel sie mir entzückt um den Hals. Ich danke Dir, – rief sie freudig, – ich danke Dir, dass Du ihn mir wiedergiebst! O Ida, wie kannst Du meinen heldenmütigen Demetrius aufgeben! – Meine teuerste, gnädigste Frau, sein Sie nicht ungerecht gegen sich selbst; dies Gesicht neben diesem! – Dies sprach ich mit inniger Überzeugung. Ich verlor mich gegen die strahlenden Reize dieser Frau, wie ein gemeines Blümchen am Wege gegen die prachtvolle Lilie, oder die schönste Rose. Die Wolken des Kummers waren nun von der schönen Stirn verschwunden, und ihre Reize gingen mit neuer, anziehender Kraft hervor.
Dies war die letzte Zusammenkunft, welche ich mit dem Fürsten gehabt habe. Ich habe ihn nicht wieder gesehen. Die Fürstin besorgte mütterlich meine Ausstattung, wie sie es nannte, beschenkte mich mit Kostbarkeiten von hohem Werte, worunter ihr Bild mir unschätzbar ist; und damit meine künftige Existenz gesichert sei, setzte mir die Gütige zweihundert Rubel jährliche Pension aus, die ich, so lange ich lebe, unter allen Lagen, worin ich noch kommen kann, von einem Berliner Banquier hebe.
Den Abschied aus diesem haus überhebe ich mich zu beschreiben. Ich schied wie von meinem eignen Herzen, als ich ihre Hand zum letztenmal an meinen Lippen fühlte. Da ich schon ihr Zimmer, aufgelöset in Tränen, verlassen wollte, hielt sie mich noch zurück; sie öffnete ein Kästchen, und überreichte mir ein Miniatürgemälde des Fürsten. Sie müssen ihn nicht vergessen, den edlen, – sagte sie. Alexander war nicht tugendhafter, als er die Gemahlin des Darius zurückschickte! Sein Bild und das meinige müssen ungetrennt in Ihrem Herzen leben! – Dieser Zug ihrer grossen Seele überwältigte mich. Ich sank auf meine Kniee, was ich sagte, weiss ich nicht mehr; aber sie fühlte sich mächtig ergriffen, warf mir einen Kuss zu, und verschwand, innigst erschüttert, in ihr Kabinet.
Popoff, welcher diesem Auftritte beiwohnte, flossen die alten Augen über; er schob mich sanft zur Tür hinaus, und einige Stunden nachher traten wir unsere Reise an. Sie ging über Warschau, durch einen teil von Preussen, die Neumark, u.s.w. Sobald ich mich den grenzen meines Vaterlandes näherte, erwachte mein Herz zum Dankgefühl für so manche Rettung. O, mein Vater! ich vernahm, dass Sie lebten; dass Sie Ihre ungehorsame Tochter aufgegeben hätten; dass meine besseren Brüder die Flüchtige Ihrem Herzen tausendfach ersetzten! – O, was hört' ich nicht alles, wobei ich weinte und schwieg! Seitdem ich den teuren Vater verlassen hatte, war Weinen mein los gewesen, und der Quell meiner Tränen war