eine person in meinen Umständen nicht viel Wesens machen werde; er habe sein reichliches Brod, und beschäftige in der Zeit der Hoffêten über zwanzig Gesellen; er wolle eben nicht prahlen, aber er tausche mit keinem Berlinischen Kriegsrate; – ich solle mich bedenken; – es sei doch hart, andrer Leute Brod zu essen; eigner Heerd sei Geldes wert, u.s.w. – Ich stand stumm, versteinert, voll Schmerz und Reue; war es so weit mit mir gekommen? O, ehrwürdiger Eiche, wie schwer wurdest Du jetzt gerächt! – – Madame Lebrün sah mich gleichgültig an, und sagte dann störrisch: Herr Grosse, wir wollen der Madame Zeit zum Überlegen lassen; in zwei Tagen geht die Fürstin nach den Gütern zurück, und i c h verspreche Ihnen, während dieser Intervalle soll die Sache abgetan werden. – Herr Grosse, der Schneider, machte einen linkischen Bückling, und ich blieb allein; a l l e i n , in einem Augenblicke der entsetzlichsten Zerrüttung aller meiner Gemütskräfte! – Ich sah kein Mittel, mich der Fürstin zu nähern, wenn die boshafte Französin mich von ihr entfernt wissen wollte. In zwei Tagen schon verreisete sie. Dem Fürsten mich zu entdecken, war gefährlich; Michael Popoff hatte ich lange nicht gesehen. Gott, welche Verwirrung! in einem fremden land! In der fürchterlichsten Angst meiner Seele knieete ich vor meinen Stuhl hin, und das Kreuz erinnerte mich abermals an die Worte meines ehrwürdigen Alten; ich blickte sehnsuchtsvoll zum Himmel auf, und ergriff die Feder, um einige Zeilen an Popoff zu schreiben. Ich bat hn dringend, zu meiner ner Rettung herbeizueilen. W i e ich ihm dies Billet zustellen würde? wusste ich nicht. Jetzt hörte ich den Ofenheizer auf dem Gange; er war ein Kosake, mit der ehrlichsten Bildung; konnte aber kein Deutsch. ich nannte ihm den Namen Michael Popoff, er verstand mich, ich reichte ihm meinen Zettel, und zeigte ihm das Kreuz: er sollte um diesen willen mir helfen. Der ehrliche Mensch fiel demütig auf seine Kniee, küsste die Erde, verrichtete eilig seine Arbeit, und eilte dann mit dem Zettel fort. Ich war voll Angst, wie das ablaufen würde. Nach einer Stunde kam der brave Priester selbst.
Er redete mich bekümmert an, und fragte: was ist Dir, meine Tochter? Ich erzählte ihm weitläuftig den Vorgang der letzten Tage; mein Gespräch mit der Fürstin, bis auf den Abschied des Meister Grosse. Der Fürst darf es nicht erfahren, – sagte er; – aber die Fürstin musst Du sehen. Sie wird von Czarskojeselo zurückerwartet. Ich werde sie erst sprechen, und Dich dann zu ihr führen. Mit diesen Worten verliess mich mein guter Engel. Beruhigter erwartete ich nun den Ausgang.
Spät, als ich nichts mehr hoffte, kam der ehrwürdige Mann zurück, und rief mir die frohe Nachricht entgegen, dass ich sogleich zur Fürstin kommen sollte. Ich folgte seiner Anweisung mit klopfendem Herzen. Die Fürstin sass halb entkleidet, und winkte mich liebreich an sich heran. – Du bist bekümmert? Tochter! O, Du musst nicht weinen! (mir waren Tränen in's Auge gestiegen); nein, nein, ich war heute so glücklich! so unbeschreiblich glücklich! meine arme Kleine, Du sollst nicht weinen. – Aber so erzähle mir doch. – Ich sah schüchtern um mich her. – Nein, nein, sagte sie lachend; sie hört Dich nicht. – Sprich, sprich wie es aus Deiner Seele kommt. – Ich knieete neben dem Sopha, und sprach ganz nach dem Eindrucke der Kränkung, die mir widerfahren war. Die Prinzessin hörte mich geduldig an, und sagte einigemal: armes Kind! Ach freilich! – brach sie endlich mit Rührung aus, – es ist schrecklich! Demetrius und der Schneider! – Ich fiel zusammen, als ich sie so sprechen hörte. – Es ist kein Vorwurf, Liebe, (fuhr sie fort); ich kann das jetzt ruhiger sagen, da mir ein schöneres Glück aufgeht. Ida, bald hab' ich gesiegt! meine Liebe, meine Beharrlichkeit wird das schönste der Herzen überwinden. O, es ist ein Himmel, wenn die Liebe mir aus diesem strahlenden Auge lächelt! Ida, vollende, mach' mich ganz glücklich. – Ich? meine Fürstin! mein Leben – – Nichts vom Leben, Du sollst nicht sinken, um mich auf den Tron seines Herzens zu heben; aber sehen, sehen muss er diese himmelsüssen Reize nicht mehr! Jetzt nichts mehr. – Sie schellte, ihre Frauen erschienen, sie liess sich ein zierliches Nachtkleid anlegen, und war nun unwiderstehlich schön.
Nach der Abendtafel befahl sie mir, ihr zu folgen. Die Lebrün war krank; ein Schälchen zu viel hatte ihr einen Krampf zugezogen. Wir bestiegen eine kleine Schaluppe auf dem Nevakanal; es begann ein Genuss für mich, dessen ich mich nie ohne Rührung erinnern werde. In dieser unbeschreiblich lieblichen Dämmrung einer solchen Sommernacht hörte man das taktmässige Plätschern der herumrudernden Schaluppen, von welchen froher Volksgesang, zuweilen auch der majestätische Ton der russischen Jagdmusik erklang. Eudoxia sass in süssem Schlummer versenkt; ich wagte es nicht, diese heitre Stille ihrer Seele zu unterbrechen. Sie winkte ihren Jägern, mit der Waldmusik zu schweigen, liess sich die Mandoline reichen, und sang eine russische, sehr schmelzende Arie. Liebe und Bewundrung durchschauerte mein Herz gegen