die Bewegungen desselben verdächtig gewesen; jetzt fiel die ganze Gewalt meiner sonderbaren Lage auf mich. Der Zwang, unter welchem ich ihn sah, seine unverkennbare leidenschaft, sein edler Kampf; – nie, nie hatte ich ihn s o gesehen. Jetzt erschien er mir, mit allem Glanze seines Standes umgeben, leidend, und – meinetwegen! – Gesegnet sei die Vorsehung, die mich vor mir selbst rettete! denn nie war ein gefährlicherer Feind in meinem inneren gegen mich aufgetreten.
Ich wagte aufzublicken, und der Fürstin ins Auge zu sehen. Sie zwang sich sichtlich, Tränen zurückzuhalten; das Zucken ihrer niedlichen Lippe, die aufgespannte Stirn, alles zeugte davon. Sie hatte eben ihr Auge aufmerksam auf mich geheftet; aus ihrem Blicke sprach tiefe Bekümmerniss, von mir wendete sie es langsam auf den Gemahl, und da vermochte sie die erleichternde Träne nicht länger zurückzuhalten. Sie reichte im losbrechenden Gefühl eine ihrer schönen hände ihm hin, und rief mit unbeschreiblichem Ausdruck: Prinz! Demetrius! Ihre stimme verhallte süss: der Prinz widerstand nicht; er fiel auf ein Knie vor ihr nieder, küsste ihre hände, und schnell, ohne ein Wort zu sprechen, verliess er das Zimmer. Unglücklicher Weise war der Fürstin der blick nicht entgangen, mit dem er schied, und der nur für mich gewesen war. Sie wendete sich plötzlich zu mir, und auch meine unsägliche Verwirrung entging ihr nicht; denn jetzt rief sie erschöpft: es ist zu viel! nein, nein, länger trage ich das nicht! – Die Französin trat herein; als sie ihre Gebieterin so bewegt fand, erriet sie die Ursache, ergriff ziemlich unsanft meine Hand, und führte mich ins Nebenzimmer, wo sie mich meinen sorgenvollen Betrachtungen überliess; sie selbst aber eilte zur Fürstin zurück, und rief noch zur Tür hinaus: dass niemand uns störe!
Ohne mich unbescheiden der Tür zu nähern, hörte ich die Gebieterin in einem wehmütig-klagenden, und die Französin in einem heftigen, fast möchte' ich sagen gebietenden Tone sprechen. Es ahnete mich; das Resultat dieser Unterredung musste mich betreffen; krampfhafte Angst umnebelte beinahe meine Sinnen. Wie heiss wünschte ich, diesen Pallast der Sorgen nie betreten zu haben! – Nach einer halben Stunde öffnete sich die Tür wieder; die Prinzessin befiehlt, Sie sollen zu ihr kommen! sagte Madame Lebrün gebieterisch; sie selbst ging zu einer andern Tür hinaus. Ich nahete mich langsam dem Zimmer, wo mir jetzt, wie ich mir vorstellte, mein Urteil gesprochen werden sollte. – Ich fand die schöne Frau auf dem Sopha liegend, den Kopf sorgenschwer in die Hand gestützt, mit der andern reichte sie mir einen teil von Göte's Schriften hin. – Da lies, mein Kind, sagte sie; ich brauche Fassung. Ich gehorchte mit ungewisser stimme, sah aber wohl, dass sie nach Ruhe rang; denn über eine Weile sagte sie: auch das tut's nicht! – Ich hielt inne. Einigemal fing sie an: sag' mir doch, liebe Ida, – – – dann schwieg sie wieder, als schäme sie sich gleichwohl eine Schwäche zu bekennen. – Sag mir doch, – fing sie wieder an; – ich hielt mit Lesen inne. – Warst Du denn ganz allein mit dem Fürsten, als Du mit ihm reisetest? – Der menschliche Fürst erlaubte seinem Kammerdiener Françon, uns im Wagen gegenüber zu sitzen. – Immer? immer? den ganzen langen Weg über? – Ja, gnädigste Fürstin. – Ich war röter, als ich sonst in meinem Leben gewesen bin; sie sah bedenklich aus. – Und Du warst so hübsch! – fuhr sie fort, wie für sich. – Ich schlug die Augen nieder. – Der Fürst kannte Deinen Gatten? – Ja, gnädigste Frau. – Und Dein Gatte verliess Dich? – Er wurde unglücklich durch Leichtsinn. – Und – als ob sie Kräfte zu dem, was sie sagen wollte, zusammennähme, – und der Fürst liebte Dich nicht? – Sie wollte mir scharf ins Auge blicken, aber ihre stimme bebte, und ihr schönes Auge sank auf ihren Busen hin. – Des Fürsten Edelmut war seiner würdig; er rettete meinen Mann, und hatte ihm meine Befreiung versprochen. Er hat sie grossmütig ausgeführt, da er mich der Trefflichsten aller Fürstinnen übergab. – Schmeichlerin! – Aber – – – Was, aber? dachte' ich erschüttert. – Aber hat der Fürst Dir nie von Liebe vorgesagt? – Es wäre Anmassung, diesem Worte mehr Bedeutung zu geben, als es im Weltgebrauche hat, wenn Männer von Ton und Rang es gegen Geringere aussprechen. – Du weichst mir aus, Ida! die Blicke des Fürsten redeten bestimmter. Du verkennst mich, Ida! (sie zeigte auf ihr Herz). Hier liegt etwas, das die Schwächen Anderer rechtfertiget; aber sag' mir nur, Kind, ist der Fürst nicht höchst liebenswürdig? – Er ist edel und liebenswürdig, gross und gut. – Du sprichst aus meiner Seele; zum Andenken dieses Augenblicks trage dies. – Sie zog einen schönen Ring vom Finger, und steckte ihn selbst an den meinigen. Ich bückte mich, ihre Hand zu küssen; da fiel das Kreuz von Popoff aus meinem Busen in meine Hand, und mit ihm fielen mir seine Worte aufs Herz. Ich fühlte meine Errettung, und gelobte mir heilig, selbst tätig zu sein, ohne Wunder zu