1784_Unger_099_111.txt

den Augen. Freilich, erwiderte diese, werde ich nachgrade eine unnütze Dienerin meiner gnädigen Fürstin. – O, das nicht, liebe Lebrün, Du wirst meinem dankbaren Herzen nie entbehrlich sein! Diese junge person wird in ihren Funktionen von Dir abhängen; Deine Zurechtweisungen werden ihr nützlich sein. – Madame Lebrün liess sich nach diesem Beruhigungsmittel herab, mich zu umarmen, und meiner Wange von dem überflüssigen Taback, der an ihrer Hakennase hing, mitzuteilen, undnun war ich angenommen. Von diesem Augenblicke an nannte mich die Fürstin Du; mir wurde ein Gemach neben der Lebrün angewiesen, welches ich sogleich in Besitz nahm.

Popoff, der ehrwürdige Priester, weinte Freudentränen, als ihm sein schönes Werk gelungen war. Er segnete und küsste mich beim Abschiede, und ermahnte mich, dem heiligen Christ und meinem Schöpfer für mein Glück zu danken. Als er von mir ging, schenkte er mir ein schönes Kreuz, und befestigte es an meinem Halse, indem er sagte: gedenke Deines Erlösers, meine Tochter; aber bedenke auch, dass nicht immer Wunder zu Deiner Errettung geschehen werden. Damit verliess er mich.

Die Prinzessin hatte eine schätzbare Sammlung deutscher Klassiker aus allen Fächern. Es war mein Amt, ihr daraus vorzulesen. Sie liebte unsre Sprache, und drückte sich gut darin aus. Ihre Mutter war eine Liefländerin gewesen. Sobald das erste deutsche Wort gelesen wurde, pflegte die Lebrün mit solchen Zeichen des Widerwillens und Ekels das Zimmer zu verlassen, als ob eine, Grausen und Abscheu erregende, Operation vorgenommen würde. Die gute Fürstin bemerkte es zu ihrer Belustigung, und fand es drollig, wenn die übelgelaunte Französin ce fichu allemand! sagte.

Ich hatte nun schon eine ganze Woche mein Amt versehen, und täglich mehrere Stunden vorgelesen, aber noch immer hatte ich nicht bemerkt, dass der Fürst auch nur ein einzigesmal seine Gemahlin gesehen hätte. Sie fing an, merklich zerstreut zu werden; ich musste oft eine Stelle mehrere male lesen. Wenn ich kam, fand ich sie weinend; ihr schönes Herz erlag unter irgend einem geheimen Kummer. Einst fand ich sie schreibend; indem sie siegelte, fielen Tränen auf den Brief herab; sie wollte sie trocknen, besann sich aber, und sagte: e r soll sie sehen! Der traurige Brief war an den kaltsinnigen Gemahl gerichtet. Der Kammerdiener, der ihn überbracht hatte, brachte zur Antwort: Se Erlaucht würden noch diesen Vormittag aufwarten. – Die arme Dame geriet in eine seltsame Bewegung, die sich erst in Tränenströmen Luft machte, und dann in eine wehmütige, rührende Freude überging. arme Eudoxia! rief sie einigemal wie aus der Tiefe ihres Grams. Sie wollte Toilette machen, unterliess es aber wieder, und brachte bloss etwas mehr Nachlässigkeit in ihren Morgenanzug. Als ich ihre Befehle erwartete, ob ich gehen oder bleiben sollte, sagte sie: Du gehst; nein, Du sollst bleiben; doch, es ist besser Du gehst. – Dann lehnte sie ihren Kopf auf meine Schulter, und sagte dass es mir ins Herz schnitt: nicht wahr, Ida, ich jammere Dich? Als sie mich weinen sah, sagte sie gütig: Du bist eine sehr gute Seele, ich habe Dich recht lieb; abersetzte sie zärtlich und halb scherzhaft hinzuhier bleiben darfst Du doch nicht, wenn mein Gemahl da ist. Diese letzten Worte hörte die Lebrün, und sagte französisch: es sei besser, ich bliebe, so würde man doch sehen – – – Die Fürstin billigte den Rat, und ich blieb. Aber mit welchem Aufruhr in meinem inneren, das musste mein verstörtes Gesicht sagen; denn die Lebrün sah mich unverwandt durch ihre Brille an, und schüttelte bedenklich den Kopf.

Ich hatte nicht Zeit, mich recht zu sassen, denn in dem Augenblicke sprangen die Flügeltüren auf, und der Prinz erschien in grösster Gala. Er eilte auf seine Gemahlin zu, küsste der halb Ohnmächtigen die Stirn, und dann die hände, wobei er einige russische Worte sagte. Sie sprach keinen laut, ihre zitternden Füsse versagten die Dienste, und Demetrius führte sie mehr galant als zärtlich zum Sopha, wo er dann seinen Platz ihr gegenüber nahm. Jetzt watschelte die Französin an ihn heran, und bückte sich auf seine Hand. Sie haben uns lange verlassen, Monseigneur, – sagte sie; – aber das schöne Geschenk, was Sie uns von Ihren Reisen zurückgebracht haben, Monseigneur! – (sie deutete hämisch auf mich hin; ich versank, und wagte nicht aufzublicken). Indess hatte sich die Fürstin wieder erholt, ihr edles Herz fühlte meine Angst, und sie unterbrach den boshaften Ausfall ihrer Gouvernantin dadurch, dass sie dem Fürsten für die schöne Gabe dankte, die er ihr in mir gegeben hätte. Ich schöpfte wieder Atem. Die Worte des Fürsten machten zwar seinem verstand und Weltklugheit Ehre; aber seine Blicke, seine Bewegungen, der Ton seiner Rede, waren so unzweideutig, so ganz der Ausdruck eines unwillkührlich hervorbrechenden Gefühls, dass der Fürstin kein Zweifel über unser verhältnis auf der Reise bleiben konnte. Und ach, so muss ich denn mein Herz in seiner ganzen Schwäche darstellen! – ich härme mich, ich schäme mich dieses Momentes: aber es ist so; ich darf es nicht läugnen, da mein Vorsatz, gut zu werden, so unverrückt vor meiner Seele steht. Der ganze Zauber der Liebe umwand in diesem Augenblicke mein Herz. Schon beim Eintritt des Fürsten waren mir