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Weibern, mit welchen ich meine Zeit vertändelt hatte, einen Platz zu behaupten, die sich ausser dem Whisttische und Putzladen in armer Unbedeutsamkeit verlieren. Diese Betrachtungen waren eben nicht geschickt, mich zu einer Zusammenkunft mit meiner künftigen Beschützerin gehörig vorzubereiten. Indess war es Tag geworden; der Kammerdiener brachte mir Frühstück; ich wagte keine Frage an ihn. Bald nach ihm erschien Popoff. Sein freundliches Auge verkündigte mir lauter Gutes. Du wirst es gut haben, wenn Du willst, sprach er; Eudoxia will Dich haben, wenn Du ihr gefällst. – Ach Gott! wie muss ich sein, wenn ich ihr gefallen soll? – Sie ist den Deutschen gut. Aber, meine Tochter, etwas muss ich Dir sagen: bei ihr lebt ein Weib, das ihre Erzieherin war; sie ist eine jähzornige Französin; bitte den heiligen Christ, dass er Dir's eingiebt, wie Du das Herz dieses Weibes gewinnen mögest. – Mir sank der Mut, die Tage der Unbefangenheit waren dahin, und die Last des entkräftenden Bewusstseins lag schwer auf mir. – Was Dir auch begegnen möge, jede Erniedrigung wirst Du verdient haben! – Ich wies mir den niedrigsten Platz an, und wagte keine Klage, kein Murren. Der redliche Popoff verwies mir meine Niedergeschlagenheit. – Du bist nicht gut und dankbar, meine Tochter, sagte er; hat Gott nicht Wunder zu Deiner Errettung getan? Willst Du darum verzagen, weil er so gütig ist? Sammle Dich! in kurzem wirst Du vorgelassen; ich bleibe Dir zur Seite. Es war gut, dass er das sagte, sonst wäre ich umgesunken, als der Kammerdiener der Prinzessin erschien, um mich abzuholen.

Popoff begleitete mich. Ich wurde durch eine lange Reihe Gemächer geführt, deren Pracht mir imponirte. In einem der letzteren fand ich die Prinzessin auf einem Sopha; eine ältliche, in Braun gehüllte, Gestalt vor ihr, bediente sie mit Chokolade. Die Fürstin sah ihrem idealischen Bilde vollkommen ähnlich. Eine schöne Spitzenhaube beschattete zum teil das reizende Gesicht; ein grosses, flatterndes, hinten aufgestecktes, buntseidenes Tuch gab ihr ein fremdes, höchst reizendes Ansehn, wozu ein, im orientalischen Geschmack gesticktes und geschnittenes, weites Gewand noch mehr beitrug. Am Eingang verneigte ich mich ehrerbietig, wie ich es auf dem Teater gesehen hatte. Popoff hielt mich, und führte mich ihr näher. Sie streckte eine wunderschöne Hand nach mir aus, und hiess mich in angenehmen Französisch näher kommen. Meine Haltung mochte unter diesen Umständen noch weniger Festigkeit als gewöhnlich haben; denn die braune Französin am Tisch merkte an, dass sie wetten wolle, ich sei n u r eine Deutsche. Cet air, ce maintien, cette timidité, – sagte sie leise zur Fürstin, – zeigten sehr deutlich, zu welcher Nation ich gehöre. Was die Gebieterin antwortete, verstand ich nicht ganz; aber ich unterschied, zu meinem Trost, die beruhigenden Worte: très-aimable, und diese gaben mir Mut, mich gegen ihr Gewand hinzuneigen; sie reichte mir aber gütig die Hand zum Kuss. Ich ergriff sie, und küsste sie mit einer Innigkeit, die, so wie sie aus meinem Herzen kam, in das ihrige drang. Sie sah mich mit Wohlgefallen an, und sagte etwas auf russisch zu Popoff, der es mit dem Lächeln der Zuneigung anhörte.

Allein jetzt wurde der Auftritt bänglicher für mein Herz. Die schöne Frau erkundigte sich nach meinem vaterland, meinen Eltern, meinen Verbindungen, und endlichwas ich mit grosser Herzensbeklemmung erwartet hatteum mein verhältnis zum Fürsten. Ich entfernte mich in meinen Antworten, so wenig es sich tun liess ohne anstössig zu werden, von der reinen Wahrheit. Als ich auf die Frage: ob ich noch Eltern habe? wehmütig meinen Vater nannte, hiess sie mich mitleidig: arme Kleine; als ich aber auf die Erkundigung, ob ich mit dem Fürsten zusammen in einer Kutsche gereiset sei, Ja antwortete, umwölkte sich das schöne Auge, und sie sagte mit kleinmütigem Tone zur Lebrün etwas, wovon ich nur das trop belle verstand. Das rötete meine Wangen, und eine bittre Träne des Bewusstseins stieg in mein Auge. Ich sah traurig auf meinen ehrlichen alten Begleiter, und gab schon alles verloren. Er sprach russisch, und die Prinzessin sah mich wieder an. Was kann ich, was muss ich für Sie tun, mein Kind, (sagte sie) wenn Ihnen geholfen sein soll? Ich begreife, dass Ihre Schönheit und Jugend nicht schutzlos bleiben kann. – Mein guter Genius, oder vielmehr das dringende Bedürfniss meines Herzens, gab mir ein, vor ihr hinzuknieen, und mit Inbrunst um Aufnahme unter ihre Frauen, und Schutz von ihr, zu flehen. Popoff nickte mir freundlich seine Billigung zu, und ich hatte zur glücklichen Stunde gesprochen; die edle Frau küsste mich liebreich auf die Stirn, und gewährte warum ich bat. Jetzt entrunzelte auch die saueräugige Gouvernante ihre gelbe Stirn, und fragte mich mit offenbar neidischem Tone, was ich denn arbeiten könne? meine Landsmänninnen hätten gewöhnlich gar wenig aufzuweisen; ein wenig Stricken? ein wenig caquet? n' est ce pas? setzte sie in einer mehr boshaften als scherzenden Manier hinzu. Sie hatte leider! recht. Das gütevolle Herz der Fürstin sah meine Verlegenheit, und sagte schnell einfallend: Sie werden doch lesen können, mein Kind? Sie werden mir bei meinen kleinen arbeiten vorlesen; meine arme Lebrün leidet ohnehin an