Pflanze ich in dies Berlinische Treibhaus gegeben hatte. Freilich hatte ich das arme kleine Ding, nur in der beschränkten Sphäre unsers sehr einfachen häuslichen Lebens gesehen. In unserm Herzen schlummern, so lange wir einsam leben, tausend Triebe und Neigungen, und erwachen vielleicht nie, wenn das Geräusch der grossen Welt oder des vornehmen Lebens sie nicht weckt. Der, welcher sich deswegen aus irgend einem abgesonderten Orte ein Weib zur Gefährtinn seines Lebens holt, weil sie still erzogen ward, verfehlt gemeinhin seinen Zweck. Ein welterfahrner Mann hat mir gesagt, dass es darum in katolischen Ländern der guten Ehen sehr wenige gebe, weil da die meisten Frauenzimmer in Klöstern erzogen werden. Das still erzogne Mädchen musste eingezogen sein, weil es die Eltern dazu zwangen; man versetze sie aber nur auf einen grösseren Schauplatz, und ihre verborgnen Anlagen werden sich so schnell entwikkeln, dass selbst der Kenner sie sehr bald nicht mehr aus der bunten Maskerade wird heraus finden können. Sie missverstehen mich doch nicht, lieben Freunde? unterbrach sich Grüntal, – ich meine so: dass sichs nicht schickt, wenn der Orangebaum ins Kohlbeet, und die Kohlpflanze ins künstliche Treibhaus gebracht wird. Jedem ist seine Sphäre bestimmt: dem Orangebaum künstliche Behandlung, und der Kohlpflanze Gottes freie Luft.
Und weiter preise ich die Eltern seelig, die, in mannichfaltigen Verhältnissen, den geheimsten Keim eines Hanges den Seelen ihrer Kinder entlocken können! Im Kreise stiller häuslicher und ländlicher Freuden, hätte meine Tochter ihre Bestimmung sicher nicht verfehlt, denn zu diesem ihrem wahrscheinlichsten Berufe hatte ich sie zu bilden gesucht. – Mögen grossstädtische Eltern ihre Töchter für grossstädtische Verhältnisse bilden! – Einigermassen beruhigte mich ihr Brief; allein es blieben noch immer Gründe genug zu traurigen Besorgnissen, und ich fühlte nun die Lücken, die ich in ihrer Ausbildung gelassen hatte, sehr schmerzlich.
Meine Frau begriff nicht, dass das Mädchen nicht über alles, was sie sah und hörte, entzückt war. "Sie muss sich das Kritteln über ihre Vorgesetzten abgewöhnen, sagte sie, ich werde an sie schreiben." Sie tat es, und ich kam durch den Postschein dahinter, dass sie ihr ausser den Vorwürfen, noch eine nicht ganz kleine Summe in Golde, überschickt hatte. "Was soll das, mein Kind? fragt' ich verdriesslich." Lieber Mann, sagte die arme Ertappte, werde nur nicht böse! Julchen kann in Berlin doch nicht so einfach wie in Lindenau einhergehen. Sie wird das Geld an hundert Stellen brauchen. Es tut einem doch wehe, wenn man hört, dass sein Kind zurückgesetzt wird! Haben wirs doch, Gottlob! dazu. Du kannst mir die kleine Tändelei mit dem einzigen Mädchen, immer erlauben! Diese kleine Tändelei hatte indess doch die nicht unbedeutende Folge, dass die Tochter im folgenden Brief, schon so fest wie ihre arme unerfahrne Mutter überzeugt war, man habe ohne Modezuschnitt jeglicher Art keine recht eigentliche Existenz. Sie schämte sich der saubern einfachen Kleider, die wir ihr mitgegeben hatten, weil keine Stickerei drin war, und nannte eine Reihe ausländischer Namen von Zeugen her, worin sie wohl gekleidet sein möchte. Mir taten davon die Ohren wehe. Der Mutter aber funkelten die Augen, da sie den Brief las, bei dem ich in Wehmut hätte zerfliessen mögen. So wie auch das chere mère ihr im Herzen wohl tat, dass sie wie ein Kind dabei kicherte. Unserm rechtschaffnen Pfarrer E i c h e wagte ich nicht die schnellen Fortschritte des Mädchens mitzuteilen, weil ich mir innerlich vielleicht selbst noch schmeichelte, dass ich ihr wohl zu viel tun möchte, und auch gern meiner Frau schonen wollte. Also blieb mir nur der Trost, an Julchen diesen Brief zu schreiben.
"Ja, mein liebstes Kind! noch vermisse ich dich und unsern Fritz allentalben. Oft denke' ich, wenn in der Frühe meine Tür aufgeht, mein Julchen bringt den Tee und bietet mir freundlich einen guten Morgen: denn du gute Tochter warst freilich immer freundlich, das kann ich sagen. Da ich aber selbst in unsre Trennung gewilligt habe, obschon ich jetzt nicht begreife, wie das zugegangen ist, muss ich mich wohl beruhigen. Ich habe noch kein Tagebuch von dir erhalten, wohl aber Briefe, die mich mit recht traurigen Besorgnissen erfüllen. Zwar verarge ich es deiner Jugend und Unerfahrenheit nicht, dass du nach der Mode, und deiner gegenwärtigen Lage gemäss, gekleidet zu sein wünschest, und deshalb bestätige ich das Geschenk deiner Mutter. Wende es immerhin zur Tändelei an, wenn du glaubst, dass es recht sei, eine Summe zu vergeuden, von der eine arme Familie ein Jahr lang leben könnte. Verschleudre es zu Putz, in welchem du dich vielleicht schon künftigen monat, ohne dich lächerlich zu machen, nicht mehr wirst zeigen können. – Hüte dich die Schranken deines Vermögens und deiner wahrscheinlichen Bestimmung zu überschreiten. Ich muss dir sagen, dass du nicht reich bist, und zur vornehmen Klasse gehört eines Amtmanns Tochter auch nicht, wovon du dich um so mehr überzeugen wirst, wenn du dich erinnerst, dass sonst allentalben ein Amtmann nur der Pachter heisst. Das ist aber auch eine von den Inkonvenienzen der Kostschulen, dass die geringere Klasse dort mit der vornehmern über einen Leisten geschlagen wird, und alle mit einem und demselben Firniss überzogen werden. Das wird auch dein Fall sein, mein liebes Kind, wenn du zu unbesonnen der Mode fröhnst. Sie ist eine nimmersatte Hyäne; die besten Frauenzimmer