– stammelte er nach einigem Schweigen, ich sehe, ich bin verraten; meine Verwandten haben mir eine Gemahlin aufgedrungen, die mich unglücklicher Weise bis zur höchsten leidenschaft liebt. Dieser zu entgehn, verliess ich mein Vaterland, und gab alle Ansprüche auf Ehrenstellen auf, zu welchen mein Rang und Vermögen mich berechtigten; ich durchreisete die südlichen Länder, kein Weib zog mich an sich, bis ich in Ihrem Berlin fand, wonach sich mein Herz so lange gesehnt hatte. Ida, nun opfern Sie mein Glück nicht einem Hirngespinnste auf! Was ist das nun, dass Eudoxia für diese Welt mein Weib ist? Mag sie immer die Teilhaberin meines Ranges und Vermögens sein, mein Herz habe ich nur für die reizende Ida! – Ich überschüttete ihn mit Vorwürfen, die er endlich, hofmännisch freundlich, damit beantwortete, dass er mich daran erinnerte, wie er kein Zwangsmittel und sehr wenig Überredung angewandt habe, mich zur Reise zu bewegen. Tief beschämt und erschüttert, wie ich es sein musste, verliess er mich, und der alte Priester trat an seine Stelle. Mein Zustand, meine bittern Tränen gingen ihm zu Herzen; er fragte zutraulich: ist es Dein Ernst, dass Du nicht werden willst eine – – – O ja, ja, ehrwürdiger Mann, wie Du mich auch retten willst, ich gehe alles ein. – Gut, so warte noch drei Tage; Deine Krankheit wird Deine Rettung ein. Aber vor allen Dingen danke Gott, danke ihm, wie Du gelernt hast mit ihm zu sprechen; er und der heilige Nikolas werden Dich beschirmen.
Der Wink des Alten fiel brennend in meine Seele. – Ach, wenn ich beten könnte! aber wie kalt, wie durchaus entfremdet ist mein Herz diesen frommen Empfindungen! – Als ich allein war, falteten sich meine hände von selbst, die beklemmte Brust arbeitete heisse Seufzer hervor, mein beträntes Auge richtete sich zum Himmel, und ich wünschte mit unbeschreiblicher Angst, dass Gott mich hören, und mich erretten möchte. War dies Gebet, so ist nie ein brünstigeres emporgestiegen.
Mein Herz war erleichtert, als der Prinz ins Zimmer trat. Er bemerkte meine ruhigere Stimmung mit Zufriedenheit, und wartete nicht, bis ich die vorhin abgebrochne Materie wieder aufnahm, sondern fing selbst an davon zu sprechen. – Ida, ein rasches Wort hat Sie vorhin beleidigt. Ich wollte das nicht; da wir aber in der Entwicklung so weit gekommen sind, muss ich als ein Mann von Ehre sprechen. Ich liebe Sie unaussprechlich, Ihre Schönheit, Ihre Anmut muss Ihnen das sagen; aber ich will Sie nicht verderben. Ob es immer in meiner Gewalt stehen würde, dem raschen jugendlichen Feuer zu gebieten, wenn so viele anziehende Reize mich umgaukeln, darf ich nicht versprechen. Ida, ich darf Ihnen nicht verschweigen, dass Michael Popoff nachdrücklich für Sie gesprochen hat; er hat meinem schlummernden Sinne für Güte und Rechtschaffenheit eine neue scharfe Richtung gegeben. Ich schlage Ihnen das Haus der Fürstin Eudoxia zum Asyl vor. Sie ist eine gutes, ein tugendhaftes Weib; Sie sollen vor ihr, als die verlassne Frau eines unglücklichen Mannes, erscheinen, der Sie mir empfohlen hat. Sie dürfen nicht erröten, Ida; Sie kommen rein und unentweiht aus meinen Händen. Ich werde Sie immer noch anbeten, aber nur selten sehen; in diesen Augen ist zu viel Gefahr für mich. –
Mit ganzem Herzen stimmte ich in den Vorschlag des Prinzen. Sein Edelmut überwältigte mich; nie war er in meinen Augen so liebenswürdig erschienen, und – dass ich alles sage, – in der tiefsten Falte meines Herzens regte sich etwas, das einem Unmute über diese freiwillige Entsagung glich. Mein Dank war so feurig, dass er dem Prinzen beinahe den edlen Sieg über sich selbst aus den Händen gerissen hätte. Popoff erschien, und die Unterredung nahm eine ruhigere Wendung.
Nach drei Tagen, in welchen ich den Prinzen nur auf kurze Augenblicke, Popoff aber beständig um mich hatte, verkündigte mir ein Getöse und Pferdetritte im hof des Pallastes die Ankunft der Fürstin. Ich kleidete mich anständig, und erwartete jeden Augenblick, dass sich etwas ereignen werden; allein es blieb diesen Tag und Abend still, selbst der alte Priester liess sich nicht sehen. Erst spät nach Mitternacht wurde es ruhig im Pallaste. Ich blieb auf, und brachte den übrigen kurzen teil der Nacht am Fenster zu. In diesen wollüstig-angenehmen Nächten verliert sich zwar in den Petersburger Strassen die geräuschvolle Tätigkeit, wird aber nicht, wie in Berlin, zur toten, bangen Stille. Überall hört man den Fusstritt von Spaziergängern, die sich häufig von Musik begleiten lassen. Auf der Newa und auf allen Kanälen schwimmen Schaluppen, von welchen der einfache melodische Gesang der Matrosen ertönt. Ich überliess mich, zum erstenmal seit langer Zeit, einer freundlich-winkenden Hoffnung besserer, unschuldvoller Tage. Die Fürstin dachte ich mir unter mannichfaltigen, lieblichen Gestalten; aber ach! wohin ich den blick wendete, war Anstrengung und Arbeitsamkeit die unerlässliche Bedingung besserer zeiten! Was konnte i c h für Talente aufweisen? was für Geschicklichkeiten hatte i c h mir erworben? Keine einzige, die mich über den Tross gemeiner Bedienten erheben konnte! O, weh mir, wie habe ich die goldnen Tage der Musse mit Armseligkeiten verschleudert! Ich fühlte es tief in der Seele, dass ich nur in die niedrigere Region einer kleinen Haushaltung gehörte; dass es etwas Leichtes gewesen war, unter den lustigen