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erregten meine Neugier und Erwartung. Gestalten, wie ich sie noch nie sah, wandelten um mich her, eine fremde Sprache, ein fremder Boden; fast überlief mich ein Grausen, wenn ich die fremdartigen Gesichter sah, aber allentalben stiessen wir auf frohe, singende Menschen, die in Stellung und Gebehrde Demut äusserten, ohne von harten Sklavensinn niedergedrückt zu scheinen. Mein Reisegefährte machte mich auf alles aufmerksam und erklärte es mir, aber wie viel er mich auch von Petersburg's Pracht hatte erwarten lassen, wurde ich doch zum höchsten Erstaunen hingerissen, als ich die Grösse und Pracht dieser bewundernswürdigen Stadt sah. Der Pallast des Fürsten lag im Admiralitätsteile, und sein Inneres entsprach der ungemeinen Pracht seiner Aussenseite. Allein ein unbekanntes Grausen befiel mich, als ich, die ich immer jemand von meinem Geschlechte um nich gehabt hatte, mich unter ein ganzes volles Haus von Männern versetzt sah. Unter dem zahlreichen Hausgesinde hatte ich nur zwei Mädchen bemerkt, eine dicke geschminkte Russin, und eine Kalmuckin zur gröbsten Hausarbeit. Mir wies der Haushofmeister prächtige Zimmer an, und ich begriff aus seiner Pantomime, dass die Fürstin sie bewohne, wenn sie sich in Petersburg aufhalte.

Es war mir unmöglich, mich in dieser Pracht einheimisch zu fühlen; ich starrte darauf hin, ohne sie mir anzueignen. Der Gedanke: was bin ich in diesem Pallaste? fiel mir abermals zentnerschwer aufs Herz. Der Fürst besuchte mich in meinem Zimmer; er bemerkte meinen Missmut, und weil er mich erriet, liess er mich nicht zu Worte kommen. – Ich verstehe die Tränen in diesen lieblichen Augen, sie sollen mir nicht lange mehr Vorwürfe machen. Aber Ida, darf ich auf keinen, nicht einen Beweis Ihrer Zuneigung rechnen? hält dieses schöne Herz auch nicht e i n mal mich einer Täuschung wert? – Mein Prinz, wenn Sie zu der Wohltat, mich aus den Händen der Gläubiger meines Mannes gerettet zu haben, auch die noch hinzufügen: mir eine, meinem stand angemessne, Bestimmung festzusetzen, so rechnen Sie auf das dankbarste aller Herzen. – Ida, wenn Sie mich lieben, so ist Ihr los auf immer festgesetzt. – Ich war schwach genug, eine hoffnungerregende Antwort zu geben, und nun – o der Angst! – konnte nur mein noch wacher Schutzgeist mich von seiner Zudringlichkeit und meiner erregten Sinnlichkeit erretten. Ich wage es nicht, irgend etwas zu meiner Enschuldigung anzuführen. Ich rang gegen die Wut seiner Umarmungen; aber sein Arm umschlang mich mit einer Kraft, der ich nicht widerstehen konnte. Ich sank vom Widerstreben matt zu Boden, und fiel gegen die Ecke des Sopha's so hart, dass im Augenblicke mein Kleid und der Fussteppich mit Blut überströmt waren. Der Prinz hob mich auf, jammerte, und rief nach hülfe; mein Kopf war gefährlich verwundet; ich fiel in Ohnmacht, und als ich wieder zu mich kam, sah ich mich mit fremden Gesichtern umgeben. Ganz besonders fiel mir ein altes ehrwürdiges, mit weissem Barte, auf. Der Mann sah mich freundlich an, sprach aber kein Wort. Als ich ihn um etwas fragen wollte, legte er mir den Finger auf den Mund, und sagte gebrochen Deutsch: 'Fieber haben, nicht reden.' – Diese alte Gestalt war mir zum besonderen Trost, weil ich keine person meines Geschlechts zu meiner Bedienung um mich sah. Der Fürst trat herein, und sagte zu dem Alten freundlich: bist Du da, Michael Popoff? Ich vernahm nun, dass es ein russischer Priester sei, der bei den Hausoffizianten einen Kapellan abgab. Michael verliess mein Bette nicht; und als er mir erlaubte zu sprechen, fragte er freundlich: wer bist Du? Mädchen oder Frau? – Frau! – sagt' ich beherzt; fühlte aber meine Wange sich röten. – Warst Du gut, ehe Du in dieses Haus kamst? (er sprach alles gebrochen Deutsch), Was willst Du hier werden? Frau! – Ich antwortete nicht; mein blick sank beschämt von dem ehrwürdigen Gesicht auf meine Decke, – Wird die Fürstin Dich sehen? – Die Fürstin? die Mutter des Fürsten? – Nicht Mutter! Frau, Gemahlin! – Er stand auf, und zeigte auf ein schönes weibliches Bild, welches ich für ein Ideal gehalten hatte. Verstört, aufgeschreckt rief ich aus: wie? ist der Fürst vermählt? – Ja, mit Eudoxia, aus dem haus 'P ... – Gott, Gott! darum die Ungewissheit, das Zögern, sich zu erklären! Was bin ich nun? o, grässlich! grässlich! – Weib, hast Du einen Vater? – fragte Michael. – O schweig', alter ehrwürdiger Mann, mein Fall in diesen Abgrund wird ihn umgebracht haben! – Ich fiel in eine Raserei, die Wunde fing aufs neue an zu bluten, und Michael bat mich um sein Leben willen, ihn nicht zu verraten. Ich wurde etwas ruhiger, als er mir versprach, mein Vermittler zu werden, und mich in eine anständigere Lage zu bringen.

Bald nachher erschien der Prinz. Ich zwang mich, wenigstens still zu sein. Nachdem ich eine Zeitlang geschwiegen hatte, zeigte ich auf das Portrait, und fragte: wer ist dies himmlische Gesicht? – Ein Ideal, Ida; was geht das Sie an? Sie sind tausendmal schöner. – Geht das Bild auch S i e nicht an? Prinz! – Er wurde rot. Ida,