; er erschien mir wie ein gemeiner Mensch, der sich mit seinen Bedienten verwechseln liess. Es ist ein Jammer, dass wir oft unsre Ehre und das Glück der Unsrigen von einem Stückchen Bande, einem Sterne oder Kreuze abhängen lassen! Wäre mir der Fürst früher in so unscheinbarer Gestalt genaht, ich wäre schwerlich in seine hände geraten; dass es wirklich so war, wird nachher deutlicher werden.
Wir fuhren drei Tage Tag und Nacht, und rasteten endlich in einem dorf in Hinterpommern. Es war an einem Sonntage. Die Gemeinde stand in ihrem festlichen Anzuge, und erwartete den Prediger. Der Gottesdienst begann, und, angetrieben von einem unwiderstehlichen Gefühl, mischt' ich mich unter den Haufen, der zum Gotteshause wallte, und ging mit hinein. Der Gesang erschütterte mich; lange schon hatte ich keiner öffentlichen Versammlung beigewohnt, und nun unter diesen Umständen! Ich zerfloss in Wehmut. Der bejahrte, ehrwürdige Prediger sprach mit Kraft und Nachdruck über den Text: 'Es wird mehr Freude im Himmel sein über e i n e n Sünder, der Busse tut, als über neun und neunzig Gerechte.' Mancher gute Entschluss stieg in meiner Seele auf, und einmal flüsterte mein guter Engel mir zu: 'Kehre um, noch bist Du unentweiht!' – Aber wer wird's glauben? und zu wem soll ich gehen? – Jetzt trat der Fürst, der mich gesucht hatte, in die Kirche, von seinen Bedienten umgeben, in Anstand und Miene den vornehmen Mann, wenigstens mit dem angetan, was diesen Leuten das Bewusstsein ihrer Überlegenheit gibt, und meine eitle Seele wurde wieder ganz leer von guten Gedanken. Seine Zärtlichkeit wirkte allmählich auf mein Herz, und – o, der Schande! – ich wurde von da an ruhig, und immer ruhiger, bis wir hinter Riga kamen, wo ich erfuhr, dass mein unglücklicher Vater mir auf der Spur sei. Hier warf ich mich dem Fürsten zu Füssen, und flehte, mich in die arme meines Vaters zurückzugeben. Ich sprach mit dem Ungestüm einer Wahnsinnigen. Der Fürst schloss mich in seine arme; meine Ida, – sagte er, – meine einzige, womit verdiene ich ein so unzerstörbares Misstrauen? Noch lange sind wir nicht am Ziel unsrer Reise; nur wenige Zeit werde ich meinen Freunden in Petersburg schenken, dann aber erwartet uns in einer entfernteren Gegend meine Mutter, bei der meine Ida schon durch die empfehlende Eigenschaft, eine Deutsche zu sein, eine freundliche Aufnahme finden wird. – Als was? Fürst! fragt' ich unruhig. Er stand einen Augenblick an. – Ida findet gewiss eine mütterliche Aufnahme, fuhr er fort; sie wird geliebt werwerden, wo sie nur aufgenommen sein will. – Prinz, schicken Sie mich zu meinem Vater, noch ist nicht alles verloren; da er mich sucht, will er mich nicht verstossen! – Der Fürst sagte galante Gemeinplätze, und befahl heimlich seinen Leuten, mich streng zu beobachten. Sie taten es so sehr, dass ich keinen Schritt nach einem Glase wasser tun durfte, ohne von einigen um mein Geschäft befragt zu werden.
Der Jäger, ein Stockrusse, sah mich weinen. Was weinst Du? sagte er in gebrochenem Deutsch; Du wirst hoch, sehr hoch kommen! Wenn Du Fürstin bist, da weinst Du nicht mehr. – Diese einfachen, herzlich gesprochnen Worte beruhigten mich in so weit, dass ich einen Brief an meinen unglücklichen Vater schrieb, der in Riga im Postause abgegeben wurde. Mein Schmerz beim letzten Abschied, den ich ihm bot, gränzte nahe an Stumpfheit; er hatte die Höhe, welche das Herz zu fassen und zu tragen vermag, überstiegen, und nun war alles öde und abgestorben in meiner Seele. Ich gab mich, ich gab alles verloren, und achtete es nun nicht mehr der Mühe wert, durch Selbsttätigkeit eine Änderung meines Schicksals zu bewirken. Sobald ich das ewige Lebewohl an den würdigsten der Väter versiegelt hatte, sah ich mich als eine Gestorbene an, die nun der Vergeltung entgegeneilt. Das Andenken an meinen Vater hatte die Bilder meiner ersten unbefangnen Jugendjahre aufs lebhafteste in mir erneuert. Wenn ich die Grade der Verschlechterung betrachtete, die ich – einst Julchen aus Lindenau, nun die erlogne Ida eines russischen Fürsten – durchlaufen war, schien ich mir nicht mehr dasselbe Wesen; am wenigsten schien mir Rückkehr möglich, seitdem ich mich unter einen fremden Himmel, und unter ein so sehr fremdes Volk versetzt sah. Ich überliess mich nun dem waltenden Verhängnisse, wie ich es nannte, und folgte dem Fürsten still und ergeben, als wir die Reise fortsetzten.
Von Riga bis Petersburg unterliess er nichts, was die feurigste Liebe zur Beruhigung der Geliebten zu ersinnen vermag; nur auf positive Erklärung liess er sich nie ein, so vielen Mut ich auch nachher bekam, sie herbeizuführen. Endlich erklärte er sich, dass er in Petersburg meinem Schicksale eine günstige Wendung zu geben gedenke; ich solle mich auf seine Ehre, mehr aber noch auf seine Liebe verlassen.
Die unendliche Mannichfaltigkeit der Gegenstände zerstreute mich wider Willen. Mehr als alles zog mich der unaussprechliche Reiz der russischen Sommernächte an. Der sanfte Schimmer der kaum untergetauchten Sonne rötet den Horizont, und verschönert die Gegenstände. Die Erwartung der kommenden Nacht täuscht sich selbst, und man sieht sich durch eine angenehme Überraschung um den Schlaf gebracht, wenn die ersten Strahlen der Sonne schon wieder die Gipfel der Bäume vergolden. Alle Erscheinungen um mich her