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flüsterte mir zu: er zieht Dich den andern vor, er ist ein Fürst, und kann Dich zu sich hinaufziehen. Die Not des Augenblicks, gefängnis, Armut und Verachtung standen in grässlichen Gestalten vor mir. An der Hand des Fürsten winkten mir Reichtum und Wohlleben, und der Müssiggang, dem ich mich besonders im letzten Abschnitte meines Lebens geweihet hatte, stand in der Perspektive. Auch keinen einzigen Augenblick stand ich an, das Anerbieten des Fürsten anzunehmen. Auf die Einwendung, die der Wohlstand, doch nur ganz leise, machte, antwortete ich: er bringt Dich ja zu seiner Mutter! unter welcher Gestalt? untersuchte ich nicht.

Mir blieb auch wenig Zeit zur Unentschlüssigkeit und Untersuchung übrig. Ein junger Mensch, dem ich einiges Gute erwiesen hatte, schickte mir einen Zettel, worin es hiess: Retten Sie sich sobald Sie können. Diesen Abend werden Sie an der Stelle Ihres Mannes, für den Sie mit Ihrer Habe haften sollen, arretirt. Ich nutzte den Wink, und spornte meine Tätigkeit zur Eile. – Nun erst vermisste ich Jungfer Babette, meine besten Kleider, und einige Juweelen; ich war aber bei diesem Verlust ganz gleichgültig, bei der Mutter des Fürsten sollte ich ja mit allem versorgt werden. Um 4 Uhr Nachmittags erwartete ich, zur Reise gerüstet, meinen Begleiter. Um 5 Uhr erschien sein Kammerdiener in einer Mietkutsche, und brachte mich an den Ort, wo sein Herr mit den Postpferden auf mich wartete. Fühllos verliess ich das Haus, worin ich durch ein schweres Vergehen Frau geworden, und mein innerer Zustand eine aneinanderhängende Marter gewesen war. Mit einem andern Herzen wandte ich der Stadt den rücken, worin sich eine zweite Periode meines Lebens angesponnen, und nun so über alle Erwartung schrecklich entwickelt hatte. Als ich, an der Seite des Fürsten, mich im Freien fühlte, ergriff mich der Gedanke: was hast Du vor? wie ein gieriges Raubtier. Ich verbarg mein Gesicht, und konnte dem mann nicht ins Auge blicken, dessen Willkühr ich nun so unbedingt mich übergeben hatte. Wir fuhren durch das nämliche Tor, in welches meine brave Mutter mich hereingebracht hatte. Mein Elend zu verstärken, erkannte ich jeden Baum, jeden Feldweg wieder, wie ich ihn mir beim ersten lebhaften Anschauen gemerkt hatte. Stumm, und in den tiefsten Schmerz versenkt, sass ich da; mein Reisegefährte bot seinen ganzen Witz auf, mich aus mir selbst herauszuziehen, aber er erhielt nichts, als endlich die dringende Bitte, mich zurückzubringen. Wie? wohin wollen Sie? fragte er besorgt; soll ich Sie ihren Verfolgern ausliefern? trauen Sie meinem Ehrenworte nicht? sollt' ich die, die meine ganze Seele liebt, nicht ehrenwert halten? – Die Frage: was werde' ich Ihnen, was Ihrer Mutter sein? schwebte mir auf den Lippen, aber die Furcht, jetzt schon aus meinem Wahne gerissen zu werden, hielt sie zurück. Und dann: er sah so gut, so ehrlich aus; seine Bedienten bezeigten mir Ehrfurcht bis zur Demut; ich hoffte, die Äusserung, dass ich seine Gemahlin werden wurde, sollte ihm entwischen; aber noch immer hatte er sich nicht bestimmt erklärt. Ich war nicht schlau genug, die Veranlassung herbeizuführen; doch als er in mich drang, ihm die Ursache meiner Betrübniss zu entdecken, sagt' ich listig genug: aber, Fürst, ich bin die Frau eines andern, wie kann ich bei Ihnen mit Anstand sein? – Wenn dieser Andre mir seine Rechte gegen ein Equivalent abtritt, sind Sie dann nicht die meinige? Die gesetz meiner Kirche achten die Verpflichtungen, welche Ihnen die Ihrige auflegt, für ungültig. unsrer Liebe steht nichts im Wege, meine Ida! (denn von nun an war ich Ida. Juliane, Julchen! – o, der teure Mund, der dies sprach! – der Name soll unentweiht bis auf bessere Tage ruhen). Da ich diese unbestimmte Äusserung des Fürsten für eine Art von Erklärung gelten liess, so beruhigte ich mich; ich wurde erträglich, bis es Nacht wurde, und die Dunkelheit mir gelegenheit gab, von den äussern Gegenständen ab-, und in mich selbst hereinzugehen. Der Traum der vorigen Nacht ruhete, gleich einer schweren Last, auf mir, und ein teil desselben ging schon in buchstäbliche Erfüllung. Die glänzende Gestalt, mit Ehrenzeichen behangen, reichte mir die Hand, mich aus dem Kerker zu befreien. Auch sie wird's sein, die mich mit eiserner Kraft in den Abgrund schleudert. Im Hintergrunde stand der Vater, aber ein schwer beleidigter zürnender Vater, und Brüder, die mich verachten mussten. Wie übermütig hatte ich oft auf den Bruder, der jetzt ein Handwerksgenosse war, herabgesehn! Wie konnte nun er, der Fleissige, der Rechtliche, auf seine Schwester herabblicken? Wie musste es ihm bei seinen Genossen zum Vorwurf gereichen, wenn es hiess: sie ist mit einen Russen durchgegangen! – Als dessen Frau? – Nein, als seine – – – O, mein Gott, wie erniedrigend war einem jeden von uns das Wort Mätresse! Des redlichen, aller Orten geachteten Amtmanns Tochter ist nun zur Mätresse eines Fremden herabgesunken! Diese und ähnliche nagende Betrachtungen zerrütteten meine Gesundheit, und ich sah mit tränenschwerem Auge, blass und erschöpft, den Morgen anbrechen. Der Fürst war mir nun zuwider; ich sah ihn im Nachtkleide, von allen Orden und Ehrenzeichen entblösst, im schlichten Reiserock, mit ungeordnetem Haarputz