1784_Unger_099_105.txt

verbrannte. Ich fragte um die Ursache, und erhielt zur Antwort: es sind alte Scharteken, für die man, wenn sie sich anhäuften, endlich einen zu grossen Raum haben müsste. Das war mir genug; ich forschte nicht weiter, kleidete mich an, und ging zum Tee. Meine Erscheinung erregte Verwunderung; man fragte mit bedeutenden Winken und Flüstern: wie mein Mann sich befinde? ob er zu haus, ob er allein sei? Meine Bejahung schien zu befremden; Einiger Blicke ruhten schadenfroh, andrer mitleidig auf mir, dessen erinnerte ich mich nachher. Ich setzte mich zum Spiel; der Fürst war, wie gewöhnlich, von meiner Partie. Er begleitete mich in seiner Equipage zu haus, und es fiel mir auf, das er meinem Bedienten etwas Heimliches sagte, welches mir dieser aber abläugnete, als ich mich darnach erkundigte. – In dem Arbeitszimmer des Hausherrn war noch Licht; ich ging zu Bette, wie ich das immer tat, und schlief auch wie gewöhnlich ein, ohne die Anwesenheit meines Stubengefährten abzuwarten. Ich stellte an diesem Abend, wider meine Gewohnheit, einige Betrachtungen über meine seltsame Lage an, und weil sie mich auf sehr traurige führen musste, brach ich ab, und bemühte mich, einzuschlafen. – Es gelang mir sehr schnell; aber durch die ungewohnte Anstrengung des ernstaften Denkens war mein Blut erhitzt, und meine Phantasie sonderbar rege geworden. Im Traum sah ich ein bedeutendes Bild der Schicksale, welchen ich mich entgegenstürzte. In einem dunklen Kerker erschien mir eine hässliche aber glänzende Gestalt, mit abenteuerlichen Verzierungen behangen; sie reichte mir die Hand, ich ergriff sie begierig, und plötzlich erhob sie sich mit mir zu einer steilen Anhöhe, welche mit einer spiegelglatten Fläche umgeben war. Uber derselben schwebten Gestalten, worunter ich meinen teuren Vater und meine Brüder am deutlichsten erkannte. Wie mein blick sich auf sie heftete, verloren sie sich in einen matten Schimmer weit und immer weiter hin; die glänzende Gestalt neben mir hatte sich indess in einen hässlichen braunen gestaltlosen Klumpen verwandelt, auf welchem von dem, was er zuvor gewesen, nur noch die bunten Verzierungen sichtbar geblieben waren. Im äussersten Schrecken griff ich darnach; da fühlt' ich mich von einer entsetzlichen Faust ergriffen, und von der Höhe herab auf die schlüpfrige Fläche hingeworfen. Aus der hellen Dämmrung ging meines Vaters Gestalt wieder hervor; aber ich vermochte es nicht, ihr näher zu kommen, weil meine Füsse auf der ungewohnten Glätte ausgleiteten. Ich warf mich trostlos auf den Boden, die väterliche Gestalt war mir ganz nahe, ergriff mich, und plötzlich sass ich neben ihr in einer duftenden Laube. Nun umflatterten mich bunte Traumgestalten, der feste Schlaf ging in leisen Morgenschlummer über, und dieser wurde durch das Rufen meines Namens abgebrochen. Ich erschrak, eine alte Frau, die im Hinterhause wohnte, in meinem Zimmer zu sehen. – Nehmen Sie mir's nicht übel, dass ich mich so dreist zudränge, – fing sie an; – die Zimmer stehen alle offen, es möchte ein Fremder hereinkommen. – Wo sind denn meine Leute? – Seit 4 Uhr, da der Herr abreisete, habe ich keine Seele wieder gesehen. – Voll Entsetzen sprang ich auf; eine Ahnung flog durch meine Seele; ich warf in möglichster Eile Kleider über, indem trat Fürst Demetrius G ins Zimmer. Er sah bekümmert aus; und da er mich eben in der grössten Bestürzung fand, so fragte er: Sie wissen also schon? – – Ich weiss nichts, gar nichts. – Der Kassendefekt ist heraus; heute sollte er arretirt werden. Er hat sich mir entdeckt. Durch einen angemessenen Vorschuss habe ich ihn in den Stand gesetzt, für seine Sicherheit zu sorgen, und habe ihm mein Ehrenwort gegeben, es auch für die Ihrige zu tun. Es ist ausgemacht, dass, wenn Sie nicht schnelle Massregeln ergreifen, man sich Ihrer statt seiner bemächtigen wird. – In der entsetzlichsten Betäubung stürzte ich ihm zu Füssen; ich glaube, dass ich seine hände geküsst habe, denn er wurde mächtig ergriffen, sank bei mir nieder, umfasste mich mit den heiligsten Beteurungen, und schwur, mein Schicksal sei an seine Seele gebunden; er übernehme es, mein los zum allerglücklichsten zu machen; seine überschwengliche Liebe setze ihn über jede andre Betrachtung hinweg; ich verdiene nicht nur eine Fürstin zu sein, sondern auf einen Tron erhoben zu werden. – Soll ich es sagen, dass ich mit Wohlgefallen auf seine Reden achtete? dass mir der Gedanke auch nicht einfiel, mich in der Not zum natürlichsten Asyl, zu meinem Vater zu flüchten? – Ach, die lockenden Töne der Verführung schlichen sich so süss in mein Herz, und es war gewonnen, ehe die Vernunft aus ihrem langen Schlummer erwachte! – Aber wohin? mein Fürst! – Wohin? meine Göttliche! Wo Ihr Demetrius ist, da ist Ihr Asyl; kann es für die Geliebteste ein andres geben? Aber lassen Sie uns die Zeit benutzen! Ich bestelle Pferde. Nehmen Sie nur die ersten Notwendigkeiten mit, bei meiner Mutter sollen Sie mit allem versorgt werden.

Ich würde unrecht tun, wenn ich sagte ich hätte überlegt. Nein, ich überlegte, ich dachte mir nichts deutlich; auch kann ich nicht sagen, dass mich die Liebe verführte. Der Fürst ist jung und liebenswürdig; aber nie sah ich in ihm den Mann, dem mein Herz sich hätte ergeben mögen, nur meine Eitelkeit