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Sünde und Verderben; aber die übertäubende Eitelkeit fand den Sieg der Schönheit grösser und lockender, als das stille Bewusstsein der Selbstüberwindung. Ach Bewusstsein, wie hast Du Dich gerächt! wie in jeder Minute mir Trost und Beruhigung geraubt! wie jede erheiternde Aussicht in Dunkel gehüllt! wie jede neuaufkeimende Blüte meines Herzens zerknickt! O, Du starker Rächer, wie hast Du die Quellen auch meiner besseren Freuden getrübt, wenn Du mir den Spiegel vorhieltest, und mir zuriefst: Du verdienst das nicht! Du bist eine Ehe – – – O nein, mein Vater, wenn Sie je dies Blatt in die teuren hände nehmen, wenn die Flüchtige Sie nicht mordete, so sprechen Sie das harte, entehrende Wort nicht aus! Karoline, die Sanfte, die Fromme, die C h r i s t i n , hat mir verziehen; ihr holdseliger Mund wird die Unglückliche nicht mit dieser entsetzlichen Benennung brandmarken! Ach, und doch – – –

Ich wollte die begebenheiten der Unglücklichen, nicht ihre Gefühle, die Martern ihrer Seele, erzählen. Diese folgten jenen mit entfetzlicher Eile auf dem fuss nach. Jene habe ich, wie mir's vorkommt, nicht erlebt, sondern ich bin von einer fremden unwiderstehlichen Gewalt durch ein Labyrint durchgerissen; meine Besinnung ist übertäubt; ich kann nicht sagen, wie mir in jedem einzelnen Falle zu Mute gewesen ist. Von dem Augenblicke an, da der unselige Knoten unwiderruflich zusammengezogen war, da ich von dem Herzen des gütigsten Vaters mich losgerissen hatte, ergriff mich ein Taumel, dessen Betäubung mir wohl tat; denn die Rückkehr auf mich selbst machte mich halb unsinnig. Die romanhafte idealische Liebe zerflatterte, wie sie entstanden war; wir sahen uns gegenseitig in unsrer wahren Gestalt, und heimliche Verachtung trat an die Stelle dessen, was wir Liebe genannt hatten. Mein innerer Friede war zerstört; in meinem haus war die Hölle, ich floh es, und suchte das Glück da, wo kein Vernünftiger es gefunden hat. Meine häufigen Abwesenheiten veranlassten, dass ich nur spät erst die Bemerkung machte, wie der, dessen Namen ich nun führte, seine Liebe einer Nebenbuhlerin zuwandte, und dass mein Kammermädchen diese Nebenbuhlerin war. – Ich fühlte mich gedemütigt, ohne die Beleidigung so zu empfinden, wie ich in jedem andern Verhältnisse getan haben würde. So hatte i c h ihn geraubt, so wurde er mir wieder geraubt. Nur die Arroganz des Mädchens, welches mir vorgezogen wurde, tat mir weh; doch wagt' ich nicht, mich zu beklagen, weil ich eine vorwurfsvolle Antwort besorgte. Diesem häuslichen Verdrusse gesellte sich noch der Geldmangel bei, der mich zu Einschränkungen nötigte, auf die ich nicht gerechnet hatte, indess Babet (so hiess das Mädchen) im Überflusse strotzte. Ich machte bald, auf Anraten einer meiner Bekanntinnen, Versuche, meine Finanzumstände durch das Lotto zu verbessern, und geriet dadurch in ein Labyrint von Geldverlegenheiten, aus welchem mich nur neue Vergehungen erretten konnten.

In eben diesem, für mich so kritischen Zeitpunkte wurde in der Gesellschaft, die ich am häufigsten besuchte, weil sie, die Wahrheit zu sagen, aus jungen Weibern meines Gelichters bestand, ein junger russischer Kavalier, der Fürst Demetrius , eingeführt. Er zeichnete mich bald vor den andern aus, und es entstand ein Wettstreit unter den Weibern um seine Eroberung. Ich tat damals in Wahrheit keinen Schritt, ihn für mich zu gewinnen; doch wage ich nicht, diese Untätigkeit Pflichtgefühl zu nennen, weil der, welchem ich Pflichten schuldig war, sie mir, wie ich glaubte, durch seine Untreue erlassen hatte. Der Fürst war von dem Tage seiner ersten Erscheinung an meine Partie beim Spieltische; er spielte galant, und machte den Zerstreuten. Der tägliche Gewinnst im Spiel machte meine häusliche Lage bequemer; ich bezahlte Schulden, und war nun um so leidenschaftlicher eine Spielerin. – Dem Fürsten entging dies nicht. Er verlor beständig; anfangs kleidete er diese Freigebigkeit mit äusserster Delikatesse ein, allein vielleicht glaubte er in der Folge, sich dieser Schonung überheben zu können, als er fand, dass ich um zu gewinnen spielte. In meinem haus veranlassten die Summen, durch welche ich einen beträchtlichen Aufwand bestritt, auch nie die entfernteste Neugier, und – o, des elenden Behelfs' – damit entschuldigte ich meinen entehrenden Eigennutz gegen mich selbst.

Aufgemuntert durch diese entferntern Versuche, bemühte sich der Fürst, nach und nach seinen Absichten näher zu kommen. Auf einer Redoute war er mein Führer; dies erregte Neid, und ich fand mich geschmeichelt. Unter dem Schutz der Maske wurde er kühner, und ich nachgiebiger. Er sprach von Liebe, und ich setzte ihm n u r Zweifel daran entgegen. Er beteuerte, und ich hörte ihn an. Er schlug eine Entfernung von der Gesellschaft vor, nach seinem oder einem andern haus, das weiss ich nicht. Diesesmal noch stand mir mein guter Genius zur Seite; ich verwarf den Vorschlag mit Abscheu, und der Fürst zog sich in die grenzen der Ehrerbietung zurück, weil er die Zeit mit Zuverlässigkeit berechnen konnte, wo ich mich ihm selbst überliefern würde.

Meine häusliche Verfassung wurde von da an sichtlich immer misslicher; man spielte in Gesellschaften darauf an, und gab mir Winke, die ich damals mir nicht erklären konnte. Meinen Hausgenossen sah ich zu selten, um Unruhe an ihm zu bemerken; doch fand ich eines Tages, dass er sehr tätig seine Schreibereien durchsuchte, und grosse Pakete im Kamin