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nicht etwa Zeit und Gewohnheit ihren wohltätigen Einfluss auf uns beweisen. Wir könnten hier ein paradiesisches Leben führen, in einer solchen Gegend, unter diesen Menschen, in so günstiger Glückslage! – Karoline ist alles, was eine Frau sein muss; und es scheint mir oft, als habe es so sein müssen, wie alles gewesen ist, damit jede ihrer schönen Anlagen sich entwickeln konnte. Der Oberste betet sie, ihrer Tugenden wegen, an; kein Fürstenstamm, sagt er mir oft, hätte ihm eine solche Gattin zu geben vermocht. Die Gutsbewohner nennen sie Mutter, und sie verdient es. Sie hat sich die geschichte des Dörfchens T r a u b e n h e i m zum Muster genommen, und führt aus, was hier zu land ausführbar und anwendbar ist. Wahrlich, wen Gott lieb hat, dem gibt er solch' ein Weib! – – Sie schafft mit Kopf und Händen; ihr Mann geht ihr treu zur Seite, und spart keinen Aufwand, ihre edle Tätigkeit zu unterstützen. Wie der elende Mensch, den Falk mein' ich, wie der dieses Kleinod verkannt hat! Seinen Namen nur zu nennen, ist mir fatal; und doch muss ich zu der traurigen notwendigkeit schreiten, ihn in öffentlichen Blättern zitiren zu lassen, damit die Unglückliche an dieser unseligen Fessel nicht durch's ganze Leben zu schleppen habe. Den letzteren Nachrichten zufolge, ist er von Hamburg, wo er eine Zeitlang, auf Kosten eines angesehenen Handelshauses, figurirt hat, nach Amerika, dem letzten Freihaven aller Taugnichtse, gegangen, und ist nun Schulmeister in German Town. – Er hat Karolinen in einem zurückgelassnen Briefe gebeten, ihn wie einen Gestorbenen anzusehen. Wegen der armen Verirrten sagt er: alle Schuld läge auf ihm; er habe sich in sie, beim ersten Anblick, verliebt, und gleich den Vorsatz gefasst, sie zu verstricken; sie habe seinen Lockungen nicht widerstehen können; man müsse in der Familie es ihrer Unerfahrenheit nicht zu hoch anrechnen. Was nachher erfolgt sei, käme ebenfalls auf Rechnung seines Leichtsinnes, und des bösen Beispieles, welches sie an ihm gehabt. Er selbst habe dem Russen Anleitung gegeben, sich ihrer Eitelkeit zu ihrem Fall zu bedienen; das habe ihm die Reisekosten und den ersten Aufwand in Hamburg bestreiten helfen. O, der Verruchte! er hat sein eigenes Weib verkuppelt! meine Tochter! und doch bittet er: ich solle ihm meinen Fluch nicht über's Meer nachschikken! Ach freilich, freilich wär's unrecht! und dann so heisst es ja: 'Vergieb uns unsre Schuld, so wie wir vergeben unsern Schuldnern.' O, du allergesegnetste Religion, wie veredelst Du unsre arme gebrechliche Menschennatur! Denn, sagen Sie, Eiche, liegt es nicht klar in unsrer Menschennatur, diesen Menschen zu hassen, und bis an's Ende der Welt zu verfolgen?

Bereiten Sie sich, mein Freund, nächstens meiner armen Tochter begebenheiten und Bekenntnisse zu erhalten. Sie hat in verschiedenen Absätzen daran geschrieben. Nahe wird es Ihnen gehen, mein Lieber, diese Glorie der Unschuld ihrem Bilde entnommen zu sehen. Für diese Welt ist sie dahin; aber das Unglück, die Angst der bittersten Reue, hat ihren Sinn und Willen gereinigt. Sie s o l l fortschreiten auf dem Wege der Rechtschaffenheit, und so weiss werden, wie sie gewesen ist. Ach, Lieber, sie ist sehr weich und demütig! wo man sie nur anrührt schmerzt es ihr; jede Erwähnung einer bessern Tugend, als die ihrige gewesen ist, betrübt sie aufs empfindlichste. Da werden Sie sich vorstellen, dass an Vorwürfe nicht zu denken ist. Ich gedenke mir den Apostel Paulus, wie er vor dem Festus und der Drusilla von der Gerechtigkeit und Keuschheit redete, und da durch schwerer ihre Herzen traf, als wenn er gesagt hätte: D u bist der Ungerechte! D u bist die Unkeusche! Indem er ihr Selbstgefühl beleidigte, hätte er sie aufgebracht, aber der kluge Mann sprach von den entgegengesetzten Tugenden. Das soll mir ein Vorbild sein. Aber meine arme Juliane ist doch bei weitem keine Drusilla!

Ich gehe jetzt zu ihr, sie wird mir ihre wehmütigen Aufsätze geben, und ich werde in Schmerz versenkt werden. Leben Sie wohl, und gedenken Ihres jammernden Freundes

G r ü n t h a l ."

Julchen an ihren Vater.

"Mein Herz wird schwach, und mein Mut verlässt mich, wenn ich an diese traurige Arbeit gehe. Wer vermag sein Innerstes mit festem blick zu beschauen, wenn er so fehlte wie ich? Ich schaudre bei jedem neuen Beginnen, und verzage an meinen Kräften. Ja, wahrlich! wenn ich's beschaue, so ist meine beste Tugend wie ein beflecktes Gewand, wie die Schrift sich ausdrückt. Ich weiss keine Worte für meine Torheit; Torheit? o, wär' es die nur! es war gottloser Hochverrat an meiner bessern Überzeugung. Das weiss, das fühl' ich im Innersten. Wenn gleich selbstgefällige Eigenliebe mir heimlich zuflüsterte: Dein Vater legte den Grund durch seine Nachgiebigkeit, Karoline riss Dich durch ihre romanhafte Aufopferung in den Abgrund; – so kann ich es mir doch nicht läugnen, dass bei jedem Schritte, denn ich im Labyrinte meiner Verirrungen forttaumelte, eine innere stimme, – mag sie das Gewissen oder anders heissen, – dass diese stimme mir unablässig zurief: steh' still! geh' nicht weiter! auf Deinem Wege lauern