Landleben leuchteten mir ein, denn durch den Tod seines ältern Bruders, dessen Güter an ihn gefallen waren, hatten die Pflichten gegen seine neuen Untertanen einen grösseren Wirkungskreis erhalten. Er forderte und erhielt einen ehrenvollen Abschied. Es hat meinem Glücke keinen geringen Zusatz gegeben, dass sein edler Bruder und seine verdienstvolle Schwester seine Wahl gebilligt haben. – Nun mag die Schwester Else in ihrem Stifte die Nase rümpfen, liebe Line, uns tut's nichts! nicht wahr?" – fiel der Oberste seiner Gemahlin ins Wort. "Es würde mir angenehm gewesen sein, antwortete sie, wenn von keinem Mitgliede Missbilligung statt gefunden hätte. Unsre Heirat feierten wir so still, als es unsrer beiderseitigen Abneigung gegen öffentliches Gepränge angemessen war. Unsäglich froh machte es uns, dass hier mein lieber, guter Oheim Vaterstelle bei mir vertrat, und nicht nur Hochzeitkleider, sondern auch Hochzeitlaune mit zu uns brachte. – Und ich darf sagen, dass es immer einer der schönsten Tage meines Lebens war, als ich diese zwei edelsten und teuersten Herzen einen schönen dauernden Bund schliessen sah, der sich auf Anerkennung ähnlicher Redlichkeit und deutscher Treue gründete. Seitdem ist mein Leben eine Kette von ungestörtem, freudigen Lebensgenuss gewesen, der nun durch die Ankunft einer so lieben Verwandtin um ein Beträchtliches erhöhet ist; denn ich setze voraus, dass uns von nun an nichts mehr trennen wird, dass der Onkel, Julchen und alles was mir wert ist, hier die Dame (sie meinte meine Wenigkeit) mit eingeschlossen, nur eine Familie ausmachen wird, und dass die junge Muhme das Häuschen auf dem Hügel von ihren Verwandten wird annehmen wollen," – "die sich eine Freude daraus machen, es ihr zum Eigentum auf ewige zeiten zu überlassen," – fiel der Oberste treuherzig ein. Julchen verneigte sich schweigend, und sagte nach einer Weile: "über meinem Verhängnisse ruht noch eine düstre Wolke; ich fühle, dass ich Ihnen jetzt die Erzählung meiner Verirrungen schuldig bin. Ich habe von Zeit zu Zeit daran gearbeitet, sie schriftlich aufzusetzen, um mir, auf den heissersehnten Fall der Wiedervereinigung, die Angst des mündlichen Selbstbekenntnisses zu ersparen. Sie sollen es erhalten, und es alsdann dieser edlen Freundin, meiner Minna, der ich es schuldig bin, mitteilen, oder, wenn Sie wollen, m i t i h r durchgehen; nur vermag ich nicht zu ertragen, dass es in meiner Gegenwart geschehe. – Sie wurde von Allen herzlich umarmt, und mit Nachsicht getröstet. Lieber Wilhelm, wenn alle Reuigen s o aufgenommen würden, wäre es ein ordentliches Verdienst um die Menschen, zu fehlen, damit ihr Edelmut ans Licht käme. Doch, ich habe meine probe überstanden, und ich hoffe auch b e s t a n d e n . Unsre Liebe ist befestigt, meine Auguste wird gut, was bleibt mir noch für ein Glück zu wünschen? Ich erwarte jetzt mit sehnsucht Deine gesunde Rückkehr, um Dich in die ehrenwerte Gesellschaft einzuführen. Lebe wohl! Ewig Deine
W i l h e l m i n e ."
Der Amtmann Grüntal an den Prediger Eiche.
"Ja, liebster Freund, Sie haben wohl recht, wenn Sie voraussetzen, dass die Freude meinem alten, von Gram geschwächten kopf zu stark sein dürfte! Die erste Freude war gross, übergross, und ich glaube, dass ich mich dabei nicht ganz so benommen habe, wie es ein gescheuter Mann und ein tief gekränkter Vater gesollt hätte; aber es ist mir mein ganzes Leben hindurch nicht gegeben gewesen, in solchen Momenten abzuwägen, und meine Empfindungen unter Zucht und Scheere zu halten. Ich habe es freilich der Wiederkehrenden leicht, wohl gar zu leicht gemacht; aber die andern haben's ja auch um nichts gescheuter angefangen. Hat nicht Karoline, die am schwersten beleidigt ist, ihr gleich beim ersten Anblick verziehen, und sie geherzt und geküsst, als wäre gar nichts von der Art vorgefallen? Der alte Oberste, der so streng auf Pflicht und Ehre hält, hat er sie nicht auch wie eine Tochter vom haus aufgenommen? Aber Sie hätten sie auch sehen sollen! Schön wie ein Engel, und gebeugt von Reue und Schaam. Wie sie ihr Engelsgesichtchen vor Karolinen in den Staub legte, und kein Auge zu ihr aufzuheben vermochte! – Könnten Sie es doch über sich erhalten, sie zu sehen! – Was sie zu werden versprach, ist nichts, gegen das, was sie geworden ist. Es ist für mich ein ordentliches Glück, dass sie gefallen ist, ich würde sonst am Ende wahrhaftig! zu viel Respekt vor ihr haben; aber, wenn mir denn wieder einfällt, dass ich ihr keinen Namen zu geben weiss, o dann, dann sehe' ich sie wehmütig an, und fühle mich geneigt, mir, allein m i r alle Schuld beizumessen! Meine schwache Nachgiebigkeit bereitete ihr den Fall; und wenn es mir denn einfällt, was jetzt aus ihr werden soll? – wie in diesem irdischen Zustande nun weiter an kein wahres inneres Glück mehr für sie zu denken ist; wie das zerstörende Bewusstsein sie noch am liebevollen Herzen der Ihrigen verfolgt; wie sie, im Schoosse der Liebe und Freundschaft selbst, am meisten verzagen muss; wie jede Liebkosung sie martert; wie jeder noch so unbefangene Rückblick ihrer Lieben ihr Tränen ablockt; – lieber E i c h e , die Freude des Wiedersehens, glauben Sie mir, hat alle Bitterkeit des Kummers, wenn