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ich mir auch vernünftiger Weise sagen. Und, Kinder, war's denn nicht für den charakter des Mannes ein entschiedner guter Zug, dass er so stilles Verdienst aufzufinden und zu würdigen Sinn und Gefühl genug hatte? – Freilich, der Adel wollte mir nicht recht zu Sinn; aber wenn der Mann sonst so gut ist, wie er zu sein scheint, wer wollte ihm das zurechnen, woran er nicht Schuld hat! Das schrieb ich Ihnen, Neffe, und schrieb's auch der Nichte; denn mein Projekt, sie mit einem gewissen E i c h e zu verplempern, war mir schon an des Mannes festem Sinne gescheitert. – Nun denn, fuhr der Oberste fort, sobald ich des Onkels Brief mit der Einlage an Linen in Händen hatte, zog ich damit triumphirend in die Vorstadt. Die gute, liebe Frau wurde gar verlegen und rot, als ich ihr mein Kreditiv überreichte; sie hatte nicht bedacht, dass ein alter preussischer Soldat eine Belagerung nicht so leicht aufhebt. Sie las, und schien ihren Augen kaum zu trauen, als sie des Oheims förmliche Einwilligung, oder vielmehr Billigung, sah. Das Köpfchen sank in die kleine Patschhand. – Lieber Herr Oberst, Sie sind nicht edel, wenn Sie mich so in die Enge treiben! Ich muss von Herzen mit Ihnen sprechen: ich war verheiratet, ich liebte den Mann wie meine Seele; und sollte es nicht in mir gelegen haben, dass ich mir seine Liebe nicht erhalten konnte? Wie? wenn die Fehler, die Schwächen, welche damals meinem Glücke im Wege standen, die Sie noch nicht an mir kennen, wenn die auch jetzt Ihrem Glücke, Ihrem charakter und Temperamente entgegenständen? Und dann so müsse sie es mir gestehen, dass ihr das Schicksal eines Mannes, mit dem sie so lange im freundlichen Wahn gegenseitiger Liebe gelebt habe, nie gleichgültig werden könne; sie würde nie einen Schritt tun, ihrem Schicksale eine bestimmte Wendung zu geben, bis sie von seiner gegenwärtigen Lage unterrichtet sei. Ich musste dieses ihr Zartgefühl billigen, und die Bürgschaft meines eignen Glücks in diesen liebenden Eigenschaften ihrer Seele finden. – Aber dann, wenn ich diesen Forderungen Ihres schönen Herzens werde Genüge geleistet haben, was darf ich dann hoffen? Werden die Jahre, die ich vor Ihnen voraus habe, kein Hinderniss sein? – Lieber Oberst, altern denn die Seelen auch? Ihr Gleichmut, Ihr fleckenloses Gewissengestatten Sie mir den altväterischen AusdruckIhre feste Gesundheit, der Sie nicht durch eine Lebensart Trotz bieten, die in Ihrem stand keine Seltenheit ist; alles dieses lässt mich mit Zuversicht voraussetzen, dass Ihnen kein mürrisches, abschrekkendes Alter bevorsteht. Ich bin zwar jung, aber durch Schicksale und Beschäftigung vor der Zeit zum Ernst der mittlern Jahre gediehen. Von d e r Seite hätten sich unsre Karaktere genähert. Sie lieben muntern Scherz, ich hasse ihn nicht; und wenn mir vielleicht das Talent fehlt, selbst anziehend zu scherzen, so bin ich doch gern bei Personen, die es besitzen. Es bleibt mir weiter keine Einwendung, als Ihre Geburt und Ihre Familie. – Während dieser Unterhaltung hatte sich die Liebe, bei aller ihrer Bedächtlichkeit, doch in so fern verschnappt, dass sie sich so ein ganz klein wenig nach meinen Sitten und charakter erkundigt hatte. Das gab mir einen Mut, den alles, was sie sagte, mir nicht hatte geben können, und ich beantwortete ihre Einwürfe mit einer Forçe und Gründlichkeit, die mir wohl der liebe Gott eingeben musste; denn das liebste Weib gab nach, und nun blieb nur noch die Auskunft wegen ihres Ungetreuen. (Grüntal sah Julchen sehr unruhig werden; er fasste ihre Hand mit Rührung, und sagte zum Obersten: lieber Neffe, diesen teil Ihrer Erzählung erlassen wir Ihnen für jetzt; sagen Sie uns nur, wie es kam, als Sie mit Allem in's Reine waren). Der Oberste schlug sich drollig an die Stirn, und rief: alter Dummkopf, dass Du auch auf nichts merkst! Sein Sie ausser Sorgen, Mühmchen! Julchen errötete, dass ihr die Augen übergingen; sie neigte sich auf ihres Vaters hände, und blieb einige Minuten in dieser Stellung. – Indess war auch Karoline wieder hereingekommen. Als sie vernahm, wie weit ihr Mann in seiner Erzählung gekommen war, sagte sie: 'nun ist's an mir, Heinrich; was jetzt folgt, gehört in mein Departement, denn beim Brautwesen und Hochzeitfeiern gehören wir zu haus.'

Als der liebe Mann hier mich aus allen meinen Verschanzungen herausgetrieben hatte, und seine persönliche Trefflichkeit (hier wurde der alte Herr ordentlich ein wenig rot, und verneigte sich recht galant gegen seine Line) mich über den Übelstand ungleicher Heiraten weggehoben hatte, willigte ich mit dankbarem Herzen ein. Mein grossmütiger Bräutigam überschüttete mich nicht nur mit Geschenken, sondern erlaubte auch, dass ich einen beträchtlichen teil meines Vermögens der, nun ohne mich bestehenden, Einrichtung einer Bildungsschule für Erzieherinnen kleiner Kinder und junger Dienstmädchen geben durfte. Überhaupt gab er mir Anlass, seinen charakter täglich inniger zu schätzen, und ich ergreife gern diese gelegenheit, im Angesicht mehrerer Personen, deren Urteil mir etwas gilt, zu erklären, dass mein zweiter Brautstand reicher an ächten Freuden war, als der erste. Anfänglich dachte ich es nicht ohne Schmerz, dass ein wackerer Krieger meinetwegen eine Laufbahn verliess, die er mit Auszeichnung und Ehre gegangen war; aber seine Gründe für das