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. He? war's nicht so? Sie sollte die Frau eines Pfarrers werden; aber der geistliche Herr laborirte glücklicher Weise noch an einer fehlgeschlagenen Liebe, und hatte noch einen mächtigen Korb zu verdauen. War's nicht so? Alter! so rede doch! Grüntal sah seine Tochter bekümmert an, und sagte dann: ja, ja, es war so was daran; aber erzählen Sie nur fort, Neffe. Ich hab's wahrhaftig nicht böse gemeint! – Nun, das weiss ich, das weiss ich! – Auf die Einwürfe gegen meinen Adel war ich nicht gefasst gewesen; denn ich hatte es schier vergessen, dass mir so etwas anhing. Wenn man in der Welt eine Weile mitgelaufen ist, und in allen Ständen so viel Gutes und Edles gewaht wird, und dann auch wieder Edelleute findet, die wie das liebe Vieh sind: so muss man's ja wohl endlich vergessen, dass es leider! solche Unterscheidungsprivilegien gibt, die an einer blossen Zufälligkeit kleben. Indess tat mir das, was die liebe Line gesagt hatte, im Herzen weh. Ich empfahl mich auf ihr eigenes Begehren für diesesmal, und nahm mir vor, die Sache ordentlicher durchzuarbeiten, mehr ihret- als meinetwegen. Ich läugne nicht, dass mir manches aufs Herz fiel; unter andern mein Vetter, der verstorbene Minister in Gota, der sich's noch auf seinem Krankenlager berühmte, dass in seinem langen Leben kein Bürgerlicher über seine Schwelle gekommen sei; ferner: dass es ein Kind aus meiner Familie war, welches einem grossen Arzt die Hand zu geben sich weigerte, und als der Arzt nach der Ursache dieses Eigensinns forschte, zur Antwort gab: Mama hat mir's verboten, ich soll keinem Bürgerlichen die Hand geben; vom Arzt aber zur Antwort erhielt: sag Deiner Mutter, sie wäre nicht recht klug. So rührt leider! auch aus meiner Familie die Anekdote eines fräulein von B .. her, die auf einem Ball mit einem Hrn Schmidt, dem Hofmeister des jungen Grafen von L.., tanzte. Mitten im Tanz fällt's ihr ein, ihren Mittänzer um Namen und Stand zu fragen. Als er sich nennt, lässt sie ihn stehen, mit dem Bedeuten, sie habe ihrer Mutter versprochen, mit keinem Bürgerlichen zu tanzen. Aber, mein Cousinchen wurde übel bezahlt. Herr Schmidt, der Hofmeister, klagt es seinem jungen Grafen, der es über sich nimmt, seinen Freund zu rächen. Er fordert das fräulein auf, das sich denn neben der gräflichen Moitie gar gütlich tat. Mitten im Tanz fragt der Graf: wen er die Ehre habe zum Tanz aufzuführen. Das Putchen nennt sich, und wirft sich in die Brust. Ja, da muss ich tausendmal um Verzeihung bitten, erwiedert Graf L.., ich habe meinem Vater versprochen, mit keiner andern als mit einer Gräfin zu tanzen, und das fräulein sah sich plantirt, wie sie dem Bürgerlichen getan hatte. Endlich, so war's ja meine liebe Grosstante, die Gräfin S .., gewesen, welche, als einst einer ihrer Enkel einer Bäurin, die ihn bediente, mit der Gabel nach den Augen stach, und diese sich zurückzog, meinte: es sei wenig daran gelegen, ob solch' eine Kanaille Augen hätte, oder nicht; solch' Pack müsse es sich für Ehre halten, wenn vornehme Kinder mit ihm scherzten. – Diese und noch mehr ähnliche Züge meiner ahnenstolzen Familie fielen mir schwer aufs Herz, da ich in noch langsamern Schritte, als ich gekommen war, heimritt. Ich kam gar unfreundlich bei mir an, kramte in meinen Papieren, fand mein Wappen, meinen Stammbaum, besah mir die Quartiere: – bei Dir hat's ein Ende! – dachte' ich. Mag's! es muss doch einmal ein Ende nehmen! Und was hilft's allen denen, die da ruhen, dass ihre Quartiere voll waren? und wenn Du so weit bist wie diese, was wird's dann sein, ob neben Dir unter'm Leichensteine eine Hochgebohrne, Hochwohl- oder Hochedelgebohrne ruht? – Ein andres mag's gewesen sein, zur Zeit des Faustrechts, da es noch keinen gebildeten und wohlhabenden Mittelstand gab; ja, da war es vielleicht der Verfassung des Adels angemessen, keine Leibeigne oder auch nur Freigelassne zu heiraten; aber wo liegt jetzt etwas Wesentliches in der Sache, seitdem Erziehung die bemittelten Stände gleich gemacht hat? – Die Unterscheidungslinie der beiden Stände liegt jetzt in den Vorurteilen, welche die Abneigung nur unterhalten und fortpflanzen. Und bin ich nicht Mannes genug, diesen Vorurteilen Trotz zu bieten? Habe ich kein Verdienst um mein Vaterland, als meine Geburt? Soll ich diesem Wahne das Glück und die Freude meiner alten Tage opfern? – Nein, daraus wird nichts! Frau Line muss aber auch nicht eigensinnig das Glück eines nicht unwürdigen Mannes einer Abneigung aufopfern, die in einzelnen Fällen auch zum Vorurteile herabsinkt. Ich schreibe gradezu an den Onkel; wenn er ein Mann ist, wird er auch Vorurteile zu besiegen wissen. Onkel, sprich! wie gefiel Dir mein Brief? – Er entielt Äusserungen eines Mannes, von dem mir mein Herz sagte, dass ich ihn sehr lieb gewinnen würde; und dass die Liebe in dem Herzen eines Obersten, – die in unserem Dienste keine junge Lecker zu sein pflegen, – kein vorübergehendes Flämmchen sein werde, konnte