ein herzliches Lied an, überlief mich's recht, wie ein heiliger Schauder. In diesem französischen Gesinge war gar nichts dem Ähnliches. Eine schleppende Melodie, die aus einer Strophe in die andre hinein, durch fatale Nasentöne gezogen wurde. Dann der Inhalt, der ein Psalm war, in welchem David über Dog den Edomiten klagt, und um Sieg bittet, da er von Saul verfolgt wird. Ich wusste mir davon nichts auf meinen Zustand anzuwenden, und sang nicht mit; denn ich weiss ja von keiner Verfolgung, – sie müsste denn noch etwa kommen. Ich las während dessen in meinem Gesangbuche, das Sie, lieber Vater, mir zu Weihnachten geschenkt haben. Mad. Poulet liess mir aber durch eine unsrer Kleinen zuflüstern, das sei indecent, und ich sah nun meiner Nachbarinn ins Buch; aber gesungen habe ich nicht. Als der Prediger auf die Kanzel trat, ja Väterchen, das war nun wohl nicht recht, aber – da kam mir das lachen an. Er schien mir nicht viel älter als Bruder Fritz, und sah grade so aus, als wenn der sich der lieben Mutter schwarze Schürze umhing, und uns vorpredigte. Ich habe gar nicht gewusst, dass man auch so junge Prediger hat. – Und wenn ich auch recht ordentlich französisch verstünde, hätte ich von diesem doch kein Wort verstanden, so unerhört geschwind sprach er, und gebehrdete sich dabei so, als ob er mit jemand zankte. Er hatte ein weisses Schnupftuch, das breitete er über die Kanzel hinaus, als ob er an seinem Schreibtische allein wäre: und wenn er sich verschnaufte, welches ihm bei seinen heftigen Gebehrden wohl Not tun mochte, nahm er Tabak wie bei Freunden. Das mag aber wohl nur mir, die an den Ernst, – man nennt das ja wohl Würde, lieber Vater? mit der ich immer predigen hörte, gewöhnt ist, – so sonderbar vorkommen; denn es schien sonst Niemanden aufzufallen, es waren sogar einige gerührt. Ich begreife gar nicht, wie einen das Französische rühren kann; es kommt mir nur immer wie Spass vor. Nun mit einemmal war es Amen und aus. Dann wieder ein Dankpsalm für e r h a l t n e n Sieg; und nun froh und freudig auf den Kirchhof geeilt, wo der Prediger, der ein Neveu der Gouvernante ist, schon unserer wartete: Eine der grösseren fräulein nekte ihn mit seiner Predigt, aber er war der erste, der sich darüber lustig machte; überhaupt war er ganz so schäkernd und spasshaft, wie der Friseur. Das ging den ganzen Weg so fort, denn er ging mit dem ganzen zug junger Mädchen zu haus. Mit den Vornehmsten unter uns, tat er sehr schön, küsste ihnen auch mitunter die hände; mir aber begegnete er wie einem kleinen kind, obgleich er doch wohl selbst kaum aus den Kinderjahren ist. nachher bat ich Madame Brennfeld, mich in eine deutsche Kirche gehen zu lassen, damit ich alles, was vorkäme, verstehen könnte; sie schlug es mir aber ab, und sagte, ich würde es schon verstehen lernen, ich müsste mich in der Sprache vervollkommnen, und dazu würde das hören französischer Predigten viel beitragen.
Den Mittag und Nachmittag fuhren die jungen Damen eine hier, die andre dortin; sie waren so schön und so geputzt, als ich in meinem Leben noch niemand gesehen habe. Ich und die andern welche zu haus geblieben waren, wurden von der alten Französinn auf die Promenade geführt. Das ist aber ein erbärmliches Vergnügen, liebe Eltern; darum nennen sie's auch wohl eine P r o m e n a d e , damit man sich bei dem Worte Spatziergang, nicht etwa betrüge, und Vergnügen erwarte. Wir wurden in einer staubigen Allee auf- und abgetrieben. Keine darf stillstehen, oder sich umsehen, denn das ist wider den Wohlstand. Da ist an kein Vergnügen zu denken, und es vergeht einem auch wohl, wenn man in seinem besten staat, der recht geschont und vor Flecken bewahrt werden soll, eine halbe Meile auf dem Steinpflaster gegangen ist, ehe man aus der ungeheuren grossen Stadt hinaus kommt. Einige von uns drückten die neuen Schuhe so, dass sie fast ohnmächtig wurden. Dabei liefen die armen Mädchen immer, damit ich zurück bleiben sollte; denn sie schämten sich meiner, weil ich nicht nach der hiesigen Mode angezogen war: sie jammerten mich recht, so trübselig sahen sie aus.
Der Anblick so vieler wohlgekleideten Menschen war mir wohl neu, aber ganz und gar nicht angenehm. Wie gern wäre ich dafür auf unsrer schönen Wiese im Birkengrunde gewesen, und hätte in meinem leinenen Röckchen, mit meinen Brüdern und Schulzens Louischen getanzt. So aber habe ich meinen armen Fritz noch nicht einmal gesehen. Ach Gott! wie das alles so fatal und gezwungen ist! Mit seinem Bruder an einem Orte zu wohnen, und ihn nicht einmal zu sehen! Nehmen Sie mich ja recht bald aus dem fatalen Orte weg, der mich so missvergnügt macht! Liebe Eltern, Sie können mir es glauben, ich habe hier noch nicht ein einzigesmal recht von Herzen gelacht. Ich küsse Ihnen kindlich die hände, geliebte Eltern, und bin zeitlebens
Ihre
gehorsame zärtliche Tochter
J u l i a n e ."
Dieser Brief, fuhr Grüntal fort, indem er denselben mit sichtlicher Rührung wieder in seinen Umschlag legte, muss Sie überzeugen, was für eine liebe, zarte, unverdorbene