Friederike Helene Unger
Julchen Grüntal
Erster teil
An den Herrn Hofrat und Doctor Heim
in Berlin.
Mein innigst verehrter Freund.
Dass ich lebe, und Kraft und Mut zur Arbeit habe, dank' ich Ihnen, mein ewig werter Freund. Sie retteten erst mir, und dann meinem Gatten das Leben, und Ihr erheiternder Freundes-Zuspruch; wirkte auf uns wieder Auflebende, wie die Frühlingssonne auf Siechende. Schon dazumal sann ich auf ein Denkmal meiner Verehrung und tief empfundnen Dankbarkeit, das dauernder wäre, als verhallende Worte. Und nun wage ichs, Ihnen dies Buch zu widmen, mit welchem ich deutscher Biederkeit ein Ehrendenkmal zu setzen gedenke. Es ist Ihrer nicht würdig; aber nehmen Sie's dennoch mit der freundlichen Nachsicht auf, an welche Sie mich gewöhnt haben, und erlauben mir, mit dem altdeutschen Reime zu sagen:
Die Gab' ist klein, Dein' Verdienst' sind gross,
Das Meer empfängt auch Bäch' in seinem Schooss.
Kurz, und ohne künstliche Wendung nenn' ich mich, Ihre mit inniger wahrer Verehrung
ergebene Freundin
Die Verfasserin.
Vorbericht
Die günstige Aufnahme, welche der erste teil von Julchen Grüntal gefunden hat, musste für die Verfasserin ein lebhafter Antrieb sein, nicht nur das angefangene Werkchen fortzusetzen und zu vollenden, sondern auch das, was davon schon herausgegeben war, so sehr als möglich zu verbessern. Der Umstand, dass es einer fremden, ihr ganz unbekannten Hand gefallen hatte, einen zweiten teil zu schreiben und drucken zu lassen, bestätigte sie noch in ihrem Vorsatz.
Sie hat jetzt ihren Entschluss ausgeführt, und überreicht denen, die sich für Julchens Schicksal schon interessirt haben, oder noch interessiren wollen, eine völlige Umarbeitung des ersten Teils, und einen ganz neuen zweit e n u n d l e t z t e n T h e i l , worin die Ereignisse der Familie Grüntal so weit erzählt werden, als sie ihr bekannt geworden sind.
Sie bittet nun für das Ganze um dieselbe Nachsicht, welche man schon der ersten Hälfte desselben in einer unvollkommnern Gestalt geschenkt hat. Sie hofft diese Nachsicht zuversichtlich bei jedem zu finden, der sich den wahren Gesichtspunkt der Beurteilung nicht verschieben und sich erinnern will, dass sie nicht für Gelehrte, sondern zunächst für ihr eigenes Geschlecht, für ihre Mitbürgerinnen schrieb, zu deren Veredlung mitwirken zu können der angelegentlichste Wunsch ihres Herzens ist. Berlin, im September 1797.
Julchen Grüntal
Nur mutig durchgesetzt, lieber Seelmann; Ihres Kindes Wohlfahrt hängt davon ab, sagte der Amtmann, indem er seine Pfeife an seinem Absatz ausklopfte, und so hastig aufsprang, dass Sultan knurrend gegen die tür fuhr. – Sie sind böse, Frau Predigerin, das sehe ich an den Falten ihres kleinen Mündchens; aber Sie werden mir wieder gut sein, das weiss ich, wenn Sie überlegt haben, dass ich aus dem Antriebe wahrer Freundschaft Ihren Plan bestreite, setzte Grüntal ruhiger hinzu, und stopfte ein neues Pfeifchen. Aber du lieber Himmel, sagte die Frau Predigerin mit süsssaurer Miene, warum sollte denn Lottchen nicht in einer Pension erzogen werden? Können wir doch, Gottlob! etwas an unser einziges Kind wenden. – Wie! sollte Lottchen nicht unter Ihrer eignen Aufsicht gut werden, wenn sie Ihrem Beispiele folgt? Ist sie nicht was sie werden muss, wenn sie eine fleissige, fromme gattin und Hausmutter ist? Und sollte sie denn das bei einer sorgfältigern Verstandesausbildung, die sie in Berlin erhalten würde, nicht auch werden können? – Da hört man es, dass Sie Berlin und die belobten und ausposaunten Pensionsanstalten, darin und umher, noch nicht kennen. Nicht einmal als Freund, sondern nur als gewöhnlich ehrlicher Mann gesprochen, rate ich Ihnen, Ihr unschuldiges, harmloses Dorflämmchen bei sich zu behalten. Hätte ich mein armes, armes Mädchen nicht dahin, leider! wohl recht d a h i n , gegeben, (er sagte dies mit schwer zurückgehaltnen Tränen,) so wär' auch ich noch ein glücklicher Gatte und Vater! Das liebe Mädchen da, die Lotte zu retten, werde ich mich entschliessen müssen, Ihnen meine ganze traurige geschichte zu erzählen.
Der Prediger und dessen Frau äusserten ein grosses Verlangen, sie zu hören. Dunkel haben wir davon gehört, sagte Madame Seelmann; aber Sie werden sich uns verbinden, wenn S i e uns die wahren Umstände derselben mitteilen.
Wenn Sie Mut haben, sich der Geschwätzigkeit eines Alten, der mitunter gern von sich selbst spricht, auszusetzen, so bin ich von Herzen dazu bereit. Wir erinnern uns so gern der Freuden, die wir in unsrer gegenwärtigen Lage vermissen. – Grüntal setzte sich in dem grossen ledernen Backenstuhl zurecht, und begann also:
Ich habe in Halle Jura studirt, und gedachte raschen Schrittes auf den Geheimenrat, und wenn es Glück gut wäre, auf den Präsidenten los zu gehen; aber ein paar blaue klare Augen verrückten mir den ganzen eitlen Plan. In meinem vierundzwanzigsten Jahre ward ich Justiziarius in H. Der dortige Amtmann B u r g nahm mich beinahe väterlich in seinem haus auf, auch nannte er mich Sohn. An einem schönen Morgen fiel es mir mit einemmal auf, dass seine einzige Tochter schöne blaue Augen, frische rosigte Wangen, und ein gutes liebes Herz hatte, und es schoss mir aufs Herz, dass ich durch dieses wackre Mädchen wohl im Ernst sein Sohn werden könne. Je öfter ich ihr in die dunkelblauen Augen kuckte, je wahrscheinlicher wurde es mir. Ich fing