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g , und nun bat er mich, ihm die Briefe des Engels zu zeigen, welche die schreckliche geschichte entüllten. Ich gab ihm die ihrigen, und die Abschriften von den meinigen an Dich, erzählte ihm auch die letzten schönen Tage der Seligen. Anfangs hörte er mit stummer Verzweiflung zu, aber am Ende erweichte ich ihn, und seine Tränen flossen. Er erzählte mir die teuflischen Ränke W i l d b e r g s und noch eines verworfnen Geschöpfs, Namens A m a l i e . Diese liebte er, ehe er M a r i e n kannte, entzweite sich wegen eines Liebeshandels mit ihr, und heiratete M a r i e n . W i l d b e r g wusste nun die letzte Schwäche M a r i e n s ihm so schwarz vorzumalen, und seine schlafende Liebe für A m a l i e n , die er ihm treu und tugendhaft schilderte, so künstlich wieder aufzuwecken, dass er ihn zur Scheidung beredete.

Und nun das Schrecklichste noch! – Wie gut, dass M a r i e nichts davon wusste! – Albrecht heiratete die Buhlerinn, fand sie bei einem Liebhaber, sperrte sie ein, und findet den andern Morgen ihr Zimmer leer. Sein Johann gibt ihm einen Brief von ihr an W i l d b e r g , welcher ihm von Amaliens Mädchen zur Bestellung gegeben war. Albrecht sieht daraus die schändliche Verräterei, die man an ihm beging. Er gerät ganz von Sinnen, stellt seine M a r i e in ihrer leidenden Gestalt sich vor, will zu ihr, aber Furcht und Schaam halten ihn zurück. Und nun bekömmt er ihren Brief. Voll Verzweiflung wirft er sich aufs Pferd und eilt zu ihr. Bei ihrem Anblicke glaubt er zu vergehen. Auch noch ist sein Zustand so trostlos, dass er mir, seines Vergehens ungeachtet, Mitleid einflösst.

Ach Gott! auch ich werde den Verlust meiner M a r i e noch immer tief fühlen. Nie werde ich ihre sanfte himmlische Seele, nie die rührenden Auftritte ihres Todes vergessen! Mein Herz ist gewiss auf immer der rauschenden Freude verschlossen. – Ich muss ihren Brief an E d u a r d schicken, und Nachricht von seinem Zustande erfahren. –

Sophie.

Hundertundvierter Brief

Marie an Eduard

Mein Geist wird nun bald diese gebrechliche Hütte verlassen, und sich in jene Gefilde der Ruhe und des Friedens hinaufschwingen! Ich werde Dich nicht mehr sehen, E d u a r d ! Eine Zusammenkunft unter uns würde uns beiden nachteilig sein. Sie würde die ruhige Fassung stören, mit der ich jetzt meiner Auflösung entgegen sehe. Mein Tod würde erschwert, und meine Seele, die sich schon halb bei Gott fühlt, würde wieder zur Erde gezogen werden. Du erhältst also dieses Papier, wenn ich nicht mehr bin. O möchte es Dich beruhigen, und mit der seligen Gewissheit erfüllen, dass Du bald bei mir sein wirst! Ich werde noch in meinen letzten Augenblicken Gott bitten, dass er diese selige Fassung Dir schenke, und ich hoffe, er wird mein Gebet erhören.

Traure nicht um mich, E d u a r d . Ich fühle, dass ich glücklich sein werde. Ich gehe ja nur voran, um Dir den Weg zu bahnen; in der Gesellschaft seliger Geister will ich Deiner harren, und den Augenblick erwarten, in welchem auch Deine Seele vor Gott kommen wird. Ist es mir erlaubt, so werde ich oft Dich umschweben, und himmlischen Trost Dir einhauchen. Hörst Du dann ein sanftes Säuseln: so denke, dass es der Geist Deiner M a r i e ist, die noch jenseits mit den geläuterten Empfindungen reiner Geister Dich liebt. Aber, teurer E d u a r d , verkürze auch nicht selbst Dein Leben durch unmässigen Gram. Erhalte es sorgfältig, so lange Dein Schöpfer befiehlt, der es Dir gab! Harre geduldig, bis der Todesengel kommt, der Dich von dieser Welt abruft; und dann schwinge Deine entfesselte Seele, über Tod und Leiden erhaben, sich zu Gott empor!

Marie.

Hundertundfünfter Brief

Sophie an Julien

Gott! welch ein Auftritt war das! Man hatte M a r i e n in den Sarg gelegt, und wollte nun den Deckel befestigen, um sie auf ewig unserm Anblick zu entziehen. E d u a r d , der noch einmal ihre Leiche zu sehen gekommen war, lag sinnlos auf der Erde neben dem Sarg. Albrecht war in ein andres Zimmer gebracht, und ich stand bei dem erblichnen Leichnam der Seligen, um den letzten Kuss auf ihre blassen Lippen zu drücken. Ihr Mund schien noch sanft zu lächeln, und ihre Gesichtszügenicht verzerrt, wie sie sonst bei toten zu sein pflegenhatten noch das sanfte Gepräge der himmlischen Fassung, mit der sie verschied. Ich glaubte, meine Seele auf ihren Lippen auszuhauchen, und hieng in tiefer Schwermut über ihr, als mit fürchterlichen Blicken W i l d b e r g herein trat. Er eilte auf den Sarg zu, stiess ein schreckliches Geschrei aus, und prallte zurück:

"Du bist gerächt, M a r i e ! Hier in diesem ver

fluchten Herzen wohnt die Hölle mit allen ihren Quaalen. Eine Legion böser Geister ist in mich gefahren. O weh mir! – sie zerreissen mich! Halt! – da kommen sie! Schreckliche Gestalt, mit Blut befleckt, wer bist du? O!