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mir vergeben; mit sanfter Beruhigung erfüllt dieser Gedanke mein Herz! Verzeihe auch Du mir eben so herzlich, wie ich Dir verzeihe, dass Du ohne hinlängliche Ursache mich verstiessest. Du bist völlig bei mir entschuldigt; ich weiss, dass Du gut und edel denkst, und dass man Dich mit Trug und List hinterging. Aber ich hege auch keinen Groll gegen den Störer unsrer Ruhe; ich vergebe ihm von Herzen, und bitte Dich, meinen Tod nicht an ihm zu rächen, und dem nicht vorzugreifen, der oben im Himmel unsre Schicksale regiert!

Es würde sehr zu meiner Beruhigung dienen, wenn ich Dich noch einmal sehen könnte, um mich vor dem Angesicht meines Gottes mit Dir zu versöhnen, und die überzeugung mit in jene Welt zu nehmen, dass in unsern Herzen kein Unwille gegen einander mehr wohnt. Versage mir diese Bitte nicht. Es ist die letzte, die ich an Dich tue; und wenn dieser Wunsch befriedigt ist, so werde ich mit Ruhe in jene Gefilde übergehen, deren Aussicht mein Herz aufs sanfteste erheitert. Ich will Gott bitten, dass er auch dem Deinigen eine solche Ruhe schenken wolle, damit wir in jener Welt uns wiederfinden.

Marie.

Hundertunddritter Brief

Sophie an Julien

O Julie! ihr himmlischer Geist ist entflohen, er ist jetzt gewiss schon bei Gott, und sieht unsre Tränen fliessen. Ach warum weine ich? Sie ist ja in dem seligen Genuss der Freuden einer Ewigkeit, für die sie geschaffen ward. Hätten wir andern doch auch überwunden! Ich will mich zu fassen suchen, um Ihnen die geschichte ihrer letzten Augenblicke zu geben.

Während ihres Schlummers lächelte sie, und streckte die arme aus, als wollte sie einen Gegenstand umfassen, den ihre Phantasie sah. Sie erwachte:

"Bist du verschwunden, selige Gestalt, und hast mich nicht mit dir genommen? Aber warte, ich komme!"

Sie phantasierte und wollte aus dem Bette. Ich umarmte sie:

"Liebste M a r i e , besinnen Sie sich. Sie sind noch bei uns, in den Armen Ihrer Freundinn."

Bist du's S o p h i e ? – sagte sie mich starr ansehend; aber in eben dem Augenblicke kehrte auch ihr Bewusstsein wieder. Sie sagte, dass sie im Traum ihrer Mutter Gestalt, von himmlischem Glanz umgeben, gesehen habe. Sie habe ihr gewinkt, und sei darauf unter einer Menge seliger Geister, die neben ihr gestanden, verschwunden.

Sie sprach nun noch mit Entzücken von Gott, und dem sie erwartenden Himmel, trug mir auf, für E d u a r d s Beruhigung zu sorgen, und ihm einen Brief zu geben, welchen sie zu seiner Beruhigung schrieb. Auch bat sie mich, die Erziehung ihres kleinen Lieschens zu übernehmen, legte nun, matt vom Reden, ihr Haupt aufs Kissen, und bat mich, die B a c h i s c h e Composition einiger herrlichen G e l l e r t s c h e n Lieder zu spielen, und dazu zu singen. Dieses war seit ihrer Krankheit ihre liebste Erquickung gewesen. Darauf musste unsre Pastorinn ihr aus der Bibel vorlesen. Sie hörte mit andächtiger Aufmerksamkeit zu, und winkte ihr zuweilen, inne zu halten, um über das Gelesene nachzudenken. Während einer solchen Pause stürzte Albrecht ins Zimmer, und fiel vor ihrem Bette nieder.

"Marie! himmlische Seele, voll Güte und Sanftmut, kannst du mir, deinem Mörder! vergeben?"

"O Albrecht! nicht du, die gar zu grosse Empfindlichkeit meines Herzens hat meinen schwachen Körper zu grund gerichtet. Aber ich danke Gott, dass er mich so bald zu sich nehmen will, und –"

Sie bestrebte sich noch mehr zu sagen, aber die Sprache verliess sie. Sie drückte schweigend seine Hand, und lächelte mit einem himmlischen blick ihn an. Sie bemühte sich noch einigemal vergebens, zu reden; endlich brachte sie mühsam die gebrochnen Worte hervor: "Vergieb W i l d b e r g e n und räche nicht –" Mehr konnte sie nicht sagen, die erhabne grossmütige Seele, die noch in ihren letzten Augenblicken die edelste Tugend des Menschen, die Liebe der Feinde, übte! Sie richtete nun schwach sich auf, reichte mit beiden Händen in die Höhe, ihr Gesicht wurde erhellet, und sie sank leblos zurück. Albrecht lag noch auf seinen Knien, und blickte noch mit stummer Verzweiflung starr sie an. Endlich sprang er auf, ging zum Schreibtisch und schrieb:

An Wildberg

Fühlest Du es, Verräter! dass sich ihr Geist jetzt von dannen schwang? Sankest Du nicht bebend zur Erde nieder? Die Heilige fluchte Dir nicht, sie verbot auch mir, Rache an Dir zu nehmen. Das war das letzte, was ihr sterbender Mund sprach. Ich muss ihr gehorchen; aber ich beschwöre Dich, vermeide meinen Anblick. Wenn ich Dich sähe, so würden alle ihre Bitten vernichtet werden; ich würde ihren Tod an dem Schändlichen rächen, und ihr seliger Geist würde durch meinen Ungehorsam beleidigt werden. O ich Elender! der ich mich durch einen Teufel verleiten liess, einen Engel zu verstossen! Marie, Marie! Du empfahlst mir Sanftmut, Beruhigung! Aber ach! ich bin ihrer nicht fähig. Unruhe und Gewissensvorwürfe werden meine Begleiter sein! Wäre doch mein elendes Leben geendigt!

Fortsetzung. Sophie an Julien.

Diesen Brief schickte er an den verräterischen W i l d b e r