1784_Liebeskind_067_97.txt

es kann ja sein, dass wir einander doch noch einmal brauchen: – Lassen Sie die Tugendheldinn fahren. Sie sind ein gescheidter Kopf, und es wäre Schade um Sie, wenn Sie sich mit der Närrinn verbänden. Und es ist ja gar nicht einmal daran zu denken, dass sie jemals Ihre Liebe begünstigen wird. Die Grillen von übertriebner Feinheit, mit denen ihr Kopf angefüllt ist, lassen das nicht zu, und Sie sehen ja deutlich, dass die Stolze Sie verachtet.

Doch ich habe Ihnen diese Leier schon so oft fruchtlos geleiert, und fürchte fast, dass Sie in diesem Punkte nicht klüger zu machen sind. Leben Sie wohl. Ich denke, wir werden ja noch immer Freunde bleiben; also werde ich Ihnen mit nächster Post melden, wohin Sie Ihre Briefe zu addressiren haben. Ich bleibe wie immer

Ihre

Freundinn

Amalie.

Hundertunderster Brief

Sophie an Julien

Unsre M a r i e wird nun bald ein vollendeter Engel Gottes sein. Sie ist ihrer Auflösung nahe, und fühlt mit der grössten Heiterkeit ihren Tod heranrücken. Mit gefalteten Händen segnet sie die Stunde, die ihre Seele zu Gott bringen wird. Seit einigen Tagen hatte sie oft Zweifel gehabt, ob Gott ihr auch die Schwäche ihres Herzens verzeihen könnte, ob sie nicht äusserst strafbar sei, an einem andern gegenstand so fest gehangen zu haben? Auch glaubte sie, ihr Leben wäre nicht tätig und nützlich genug für ihre Nebenmenschen gewesen.

"Ach Sophie! sprach sie, wie manche Stunde habe ich über das Elend eines andern bloss geweint, statt dass ich ihm wirklich beizustehen hätte suchen sollen! Wie viele Zeit, die ich hätte nützlicher anwenden können, habe ich bloss damit zugebracht, meinem Gefühl nachzuhängen! Ich bin zwar wohltätig gegen arme gewesen, aber ich gab ihnen gewöhnlich nur von meinem Ueberfluss. Die wahre Wohltätigkeit ist, wenn man sich selbst Vergnügungen, und auch Bedürfnisse entzieht, um den Armen beizustehen; und ach wie selten tat ich das! Was ist wohl verdienstliches bei einem Almosen, welches wir bloss von dem Gelde geben, das uns ganz entbehrlich ist! Das ist nicht die Barmherzigkeit und Menschenliebe, die der Heiland uns vorschreibt, und die er selbst an uns bewies."

Ihre Rührung verstattete ihr nicht, weiter zu reden. Der einsichtsvolle Geistliche beruhigte ihr Herz, und liess sie in eben der barmherzigen Güte Gottes, von welcher sie jetzt redete, ihren Trost finden, Und nun empfieng sie in Gemeinschaft mit uns das heilige Abendmahl. O wie war ihre Seele von seligen Gefühlen der Andacht und Dankbarkeit gegen Gott durchdrungen! Wie schien sie schon so selig auf Erden zu sein, und den Vorschmack des himmels zu fühlen! O möchten doch diese Erinnerungen nie aus meiner Seele weichen, und auch mir dereinst Beruhigung in der Todesstunde sein! O Gott! stärke du meine Bemühungen, mir einen Schatz von guten Handlungen zu sammeln. Das ist ja der einzige Reichtum, den wir mit in jene Welt nehmen!

M a r i e beschäftigt sich mit Schreiben; ich glaube, sie schreibt an Albrecht; denn sie hat seit einigen Tagen davon gesprochen, dass sie ihn noch einmal zu sehen und sich mit ihm zu versöhnen wünschte. Jetzt ist sie fertig und gibt mir den Brief. Es soll sogleich ein Bote damit nach der Stadt gehen, damit sie ihn, wo möglich, noch sieht. Sie ist äusserst matt.

Welch eine rührende Scene! Eben liess sie noch einmal alles Gesinde aus dem haus, und die Kinder, an deren Unterricht sie bisher geholfen hatte, herauf kommen. Sie nahm Abschied von ihnen, hielt eine kleine Rede an sie, und ermahnte sie darinnen, stets so gut und rechtschaffen zu handeln, dass sie ruhig mit jeder Stunde ihrem tod entgegen sehen könnten. Sie schluchzten alle vor Wehmut, und nun bat sie uns insgesammt, ein schönes Lied von Gellert zu singen. Die vereinigte Andacht so vieler Menschen war ein angenehmes Opfer für den Herrn. Sie selbst sprach nun auch noch ein kurzes Gebet, und gab jedem noch einmal die Hand zum Abschiede. Gewiss war kein einziger unter allen, dessen Herz nicht von den stärksten Vorsätzen zur Frömmigkeit durchdrungen gewesen wäre. Sie konnten vor Bewegung kein Wort sprechen; sie selbst musste sich von diesem Auftritt erholen, und wird jetzt durch einen sanften Schlummer erquickt. Jetzt rührt sie sich. Sollte sie schon wieder erwachen? Ich will zu ihrem Bette eilen, damit keine Minute ihres Lebens mir verloren geht.

Sophie.

Hundertundzweiter Brief

Marie an Albrecht

Ich fühle, dass der Augenblick meines Todes herannaht, dass ich nur noch wenige Stunden zu leben habe. Diese letzten Stunden sollen dazu gewidmet sein, Dich mit mir auszusöhnen. Ich gestehe, dass ich Dir die erste Veranlassung gab, Dich von mir zu trennen. Ich war zu schwach, um dem Andenken an einen Mann zu widerstehen, den ich einst mit vieler Zärtlichkeit liebte, von dem erdichtete Erzählungen seiner Untreue mich trennten, und dessen Unschuld ich nun erfuhr. Dieses war die Ursache meines Kummers. Ich kämpfte zwischen leidenschaft und Pflicht, und mein Herz und meine Kräfte wurden durch diesen Kampf zerrissen. Aber nie kam ein sträflicher Gedanke in meine Seele, und nie verletzte ich durch irgend eine niedrige Handlung die Treue gegen Dich. Sophie kann Dir die Beweise davon geben.

Und nun, Albrecht, vergieb mir die Schwäche meines Herzens, das nicht vermochte, sich ganz unter die herrschaft meiner Vernunft zu beugen. Gott hat