Wenn meine Dreistigkeit sie beleidigte – –
"Possen! Durch dergleichen beleidigt man kein Mädchen. Doch, wie Sie wollen. Ich kann ihr auch selbst die Sache vortragen, und, wenn sie ja Zweifel haben sollte, sie besser allein, als in Ihrem Beisein, widerlegen."
"O wie soll ich diese Güte mit genugsamer Dankbarkeit erwiedern? Und wann soll ich wiederkommen, um die Entscheidung meines Schicksals zu hören?"
"Sobald Sie wollen."
Ich ging und durchwachte die ängstlichste Nacht meines Lebens. Mit dem aufgehenden Tage ritt ich von dannen und kam so früh nach dem Gute, dass ich mich fast schämte, und bei mir überlegte, ob ich nicht noch eine Weile vor dem Tore warten wollte. Ich sah nach meiner Uhr, und nie war sie mir so unerträglich langsam gegangen. Endlich ging ich ins Haus. Der geheimde Rat rauchte eben sein Morgenpfeifchen, und lächelte über meine Eilfertigkeit. Er hatte seiner Nichte meine Wünsche gesagt, und aus ihrer Verlegenheit geschlossen, dass sie ihr nicht gleichgültig wären. – E d u a r d , welche himmlischen Töne für mein Ohr! – Sie hatte sich eine Stunde Bedenkzeit ausgebeten, und dann ihm gesagt: Meine bescheidne Liebe hätte schon lange Eindruck auf sie gemacht, und sie glaubte in mir den Mann zu finden, mit dem sie glücklich sein würde; nur bäte sie sich noch einige Zeit aus, um alle ehemaligen Eindrücke völlig aus ihrem Herzen zu vertilgen, damit sie es mir ganz rein überliefern könnte.
Mein Entzücken ging über alle Beschreibung. Ich suchte nun sie selbst auf. Sie war im Garten, und, ungeachtet es kaum sieben Uhr war, schon vollkommen anständig gekleidet. Sie hatte einen Korb am Arm, in welchen sie Gartenfrüchte pflückte, und bemerkte mich Anfangs nicht. Als sie mich sah, errötete sie sanft, und kam mit unbeschreiblicher Anmut mir entgegen. Die Empfindung, mit welcher ich nun die schöne Hand küsste, die bald mein werden sollte, ihre reizende Verlegenheit bei dem ungewohnten Feuer meines Kusses, das unschuldige Erröten, mit dem sie zum erstenmal meine heisse Wange an der ihrigen fühlte, die Freudenträne, die aus dem Auge des Alten drang – alles das vermag meine Feder nicht zu schreiben! Dir, Allwissender, sind die stummen Gefühle des Danks bekannt, welche ich auf meinen Knien zu dir hinauf sandte. Stärke du mich, Gütigster, die neubefestigten Vorsätze zur Tugend auszuführen, die mein Herz dir gelobte.
Meine Seele ist zu gedrängt von allem dem, was ich fühle. Lebe wohl, bester Freund.
Dein
Bartold.
N. S. Eben erhalte ich Briefe von unserm alten Freunde K l e i n e r t . Er meldet mir, dass H e n r i e t t e n s Mutter gestorben ist; dass die Gläubiger H e n r i e t t e n aus dem haus getrieben haben, dass sie auf einem elenden Dachkämmerchen mit einem erbärmlichen Knaben niedergekommen ist, und in äusserster Armut und Verzweiflung fast ohne alle Unterstützung lebt. Gott! wie folgt doch schon hier die Strafe dem Verbrechen so bald nach! Oder vielmehr: wie führt jedes Vergehen seine natürlichen harten Folgen hinter sich! Glücklich, wer noch so gerettet wird, wie unser F e r d i n a n d ! Er war aber auch wegen seiner Jugend und seines Mangels an Erfahrung mehr zu entschuldigen. Er ist jetzt sehr fleissig, und ich hoffe, dass er auf immer vor ähnlichen Vergehungen gesichert sein wird.
Siebenundneunzigster Brief
Albrecht an Wildberg
Ich bin nun, Deinem Rate gemäss, verheiratet, aber ich wollte, ich wäre es nicht. Meiner Frau Betragen hat sich seit ein paar Tagen so sehr verändert, dass sie mir gar dieselbe person nicht mehr zu sein scheint. Sie ist jetzt auffahrend bei der kleinsten Erinnerung, die ich ihr mache, und höchst eigensinnig.
M a r i e besorgte doch meine Haushaltung selbst, und gab in vier ganzen Wochen nicht so viel Geld aus, als jetzt in einer einzigen ausgegeben wird. Sie hielt es auch für keine Schande, selbst zu kochen, und war immer besorgt, mir meine Lieblingsspeisen zu bereiten. Sie stand früh auf, und war dann gleich für den Tag nett und ordentlich gekleidet. Ich habe sie auch nie auf das Gesinde schelten hören, und doch taten alle, was sie sollten, und liebten sie ausserordentlich.
Welch ein Unterschied ist das jetzt! Ich habe ausser den vorigen Domestiquen noch eine Köchinn und ein Putzmädchen annehmen müssen; denn meine Frau geht nicht anders in die Küche, als um zu lärmen, und den Mädchen Ohrfeigen zu geben. K a t h r i n e , die ich drei Jahre lang im Dienst hatte, ist gestern fortgelaufen, weil sie die jetzige Begegnung nicht ertragen könne, da sie es bei ihrer vorigen Frau ganz anders gewohnt gewesen sei. A m a l i e steht des M o r g e n s nie vor neun Uhr auf; dann zieht sie ein buhlerisches – ich muss es so nennen – Morgenkleid an, trinkt Kaffee und Tee, und bringt den übrigen Morgen vor dem Fenster und Spiegel zu. Des Mittags muss immer jemand mit uns speisen, weil – wie sie sagt – eine Mahlzeit bloss unter Eheleuten eine langweilige P a r t h i e sei. Des Nachmittags hat sie Gesellschaft, oder geht aus, und dann geht man vor elf bis zwölf Uhr