e selbst sowohl als Sie, meine Freundinn, so sehr vielen Anteil an dieser Sache zu nehmen scheinen: so halte ich es auch in dem Betracht für meine Pflicht, eine so bestimmte Antwort zu geben, als mir in meiner jetzigen Lage möglich ist:
Hat W i l h e l m Beharrlichkeit genug, mir eine Zeit lang, deren Dauer ich nicht bestimmen kann, treu zu bleiben, ohne auf eine gewisse Entscheidung zu dringen, und ist mein Herz unterdessen wieder fähig geworden, die Freuden der Liebe zu geniessen: so werde ich in ihm den Mann zu wählen glauben, mit welchem ich unter allen am glücklichsten leben zu können hoffe. Eine ausdrücklichere Erklärung kann ich jetzt nicht geben, und ich traue es der Feinheit meiner J u l i e zu, dass sie über diesen Punkt nicht weiter in mich dringen wird. M a r i e n s immer zunehmende Schwäche verstattet mir nicht, sie länger zu verlassen. Ich schliesse also diesen Brief.
Sophie.
Vierundneunzigster Brief
Julie an Sophien
Ungeduld und Liebe hatten W i l h e l m selbst zu uns getrieben. Er war zwar gegenwärtig, als Ihr Brief ankam, und seine Angst und Unruhe war sehr merklich. Ich wollte ihn ein Bisschen ängstigen, und legte sorglos den Brief hin, ohne ihn zu lesen, und gab vor, dass ich noch erst einige Geschäfte zu besorgen hätte. Nun bat er mich himmelhoch, beinahe kniend, doch erst den Brief zu öffnen. Während dass ich ihn las, verwandte er kein Auge von mir, als glaubte er, der Inhalt wäre auch auf mein Gesicht geschrieben. ich wollte ihn noch ein wenig ängstigen, aber er machte mich so weichherzig, dass ich ihm den Brief hingab. Nun war er vor Entzückung ausser sich, und gab mir so feste feurige Versichrungen seiner ewigen Liebe und Treue, als wäre ich selbst seine Geliebte gewesen. Er will in Geduld und Demut Ihre völlige Entscheidung erwarten; denn er glaubt, S o p h i e n s Besitz könne mit keinem Preise in der Welt zu teuer bezahlt werden. Doch, wenn ich alle seine Ausrufungen wiederholen wollte, so würde dieser Bogen nicht hinreichen, und meine Feder würde auch nicht fähig sein, ihnen den Reiz zu geben, den sie aus seinem mund Die junge Rätinn L..n, ist die einzige, mit welcher Leben Sie wohl, meine S o p h i e ! W i l h e l m untersteht sich nicht an Sie zu schreiben, wünschte aber sehnlich, es wagen zu dürfen. Es ist mir unmöglich, Ihnen alles das bekannt zu machen, was er an Sie mir auftrug. Wollen Sie es also durchaus wissen: so müssen Sie ihm die erlaubnis geben, es Ihnen selbst zu sagen. Bis dahin mag Ihr Scharfsinn es erraten.
Julie.
Fünfundneunzigster Brief
Amalie an Wildberg
Morgen wird unsre Hochzeit sein! Dem Himmel sei Dank, dass ich nun bald meiner beschwerlichen Verstellung überhoben sein werde! B r e d o n wird grosse Augen machen, wenn er wieder von der braunschweiger Messe zurückkömmt, und mich verheiratet findet. Doch ich werde ihm die Sache von einer solchen Seite vorzustellen wissen, dass seine Liebe zu mir noch heftiger werden soll, wenn das möglich ist; denn er liebt mich bis zum Unsinn.
Unsre Verbindung macht hier gewaltiges aufsehen, und man spricht nicht vorteilhaft davon. Mag man doch schwatzen, was man will, wenn ich nur erst A l b r e c h t s Frau bin, so bekümmre ich mich um alles das nicht. Sie werden doch morgen den Tag feiern helfen, der das Ziel meiner Wünsche, und das Grab meiner verstellten Zärtlichkeit gegen A l b r e c h t sein wird? Der Tropf! Wie muss ich über die Einfalt lachen, mit welcher er glaubt, ich sei wirklich in ihn verliebt! Ich mich in einem solchen Pinsel verlieben? Hohoho! Doch die Augen sollen ihm halb geöffnet werden.
Amalie.
Sechsundneunzigster Brief
Bartold an Eduard
Bester Freund! könntest Du doch teil an meiner Freude nehmen! Könnte ich doch an meine Brust Dich drücken, und Dir alle selige Empfindungen meines Herzens mitteilen! Ich bin der glücklichste Mensch: Karoline, das himmlische geschöpf, ist mein! Ich will mich zu einer ordentlichen Erzählung zwingen, obgleich in meinem kopf alles verwirrt unter einander liegt.
Mit jedem male, da ich K a r o l i n e n sah, mehrte sich meine Liebe und mein Kummer. Wenn sie mit liebenswürdigem Fleisse jedem weiblichen Geschäfte unnachahmliche Anmut mitteilte, wenn sie mit ihrer sanften stimme die Leidenden tröstete, und durch Leutseligkeit ihrem Almosen doppelten Wert gab, so betrachtete ich sie mit Entzücken. Aber bald schlug mich der Gedanke nieder: dieser weibliche Engel wird nie dein werden; ihr Herz ist gewiss keines andern Eindrucks der Liebe mehr fähig. So dachte ich, küsste mit einem Seufzer ihre Hand, und verliess einen Ort, der für meine Ruhe so gefährlich war.
Ihr Onkel fragte mich, warum ich so selten käme. Mit Erröten entdeckte ich ihm nach einigen vergeblichen Ausflüchten die wahre Ursache. Der vortreffliche Greis umarmte mich:
"Sie besitzen alle die Eigenschaften, die ich an dem Gatten meiner Nichte zu finden wünschte, und ich möchte auch gern bei meinem Leben noch das Mädchen verheiratet sehen. Sagen Sie ihr selbst Ihren Antrag."
"Ach Gott! das ist mir nicht möglich.