, und ein früher Tod ist die Folge seines stillen Grams.
Eine weit glücklichere Ehe könnte durch ein klügeres Betragen ein Mädchen sich und ihrem Gatten schaffen. Sie müsste ihren Liebhaber etwas entfernter halten, sich von ihm um einen Besuch als um eine gefälligkeit bitten lassen, und nicht in jeder Stunde ihm den Zutritt erlauben. Sie müsste sorgen, dass auch andre Unterhaltungen als Küssen und Tändeln unter ihnen Statt fänden. Sie muss ihrem Liebhaber achtung einzuflössen suchen. Ehrerbietung für ihre Tugend von seiner Seite, und Schamhaftigkeit von der ihrigen, sind die besten Mittel, ihre Unschuld zu sichern. Sie darf nie Zweideutigkeiten anhören und bloss lächeln, oder nur ein scherzhaftes: Pfuy doch! sagen. Ein Frauenzimmer, das gleichgültig oder gar mit Wohlgefallen Zweideutigkeiten anhört, wird den Männern verächtlich, und wenn man einen jungen Mann in Gegenwart seiner Geliebten freie Reden führen hört, so kann man sicher schliessen, dass ihr Umgang seine Reinigkeit verloren hat. Sind solche Reden nicht an das Frauenzimmer selbst gerichtet, so ist es am besten, wenn sie tut, als bemerkte sie dieselben gar nicht. Ist man aber so unverschämt, ihr selbst so etwas zu sagen, so wird ein verächtlicher blick ohne weitere Antwort das Beste sein. Ein Mädchen muss, dünkt mich, wenn sie merkt, dass Unanständigkeiten gesagt werden, auf eine schickliche Art das Zimmer verlassen, und in Zukunft sich mit grösserer Zurückhaltung gegen den betragen, der einen solchen Ton anfieng.
Ist ein Mädchen genötigt, viele Stunden des tages mit ihrem Liebhaber zuzubringen, so sind wohl die besten Gegenmittel, um das Allzueinförmige ihres Umgangs zu verhüten, diese, dass sie sich in Musik, Malerei, Naturgeschichte, Sprachen oder etwas dergleichen, welches er besser versteht als sie, unterrichten lässt. Oder geht dieses nicht an, so suche sie, durch gemeinschafliches Lesen, auch wohl durch Schach und andere solche Spiele, den Geist auf eine angenehme und nützliche Art zu beschäftigen. Auch im Ehestande sind diese Mittel sehr gut, um den Mann stets Geschmack an der Gesellschaft seiner Frau finden zu lassen. Und das ist doch wohl das beste eheliche Glück, wenn beide Teile das grösste Vergnügen in ihrem gegenseitigen Umgange schmecken? Da dieses aber wirklich bei dem steten Zusammensein unter ihnen schwer ist, so sind solche Mittel um desto notwendiger. Sie müssen auch beim Anfang der Ehe sogleich ihre Geschäfte besorgen, damit sie nicht den Magen so sehr mit Süssigkeiten überladen, dass ihnen nachher auf immer davor ekelt.
Nun wahrhaftig! der Bogen ist beinahe voll, und meine S o p h i e lacht gewiss über die Moralistinn. Ich will auch kein Wörtchen mehr sagen, und von einer andern Sache anfangen. Es ist zwar dazu jetzt nicht der rechte Zeitpunkt, aber ich kann dem vielen Drängen nicht länger widerstehen.
Es gibt einen jungen Mann, der Sie heftig liebt, meine Freundinn, und sein Schicksal mit dem Ihrigen zu verbinden wünscht. – Raten Sie ihn nicht? – Nicht? – Aber, liebes Kind, warum erröten Sie denn? – Nun wenn Sie denn seinen Namen gar nicht raten können: so muss ich ihn wohl aufs Papier schreiben. Er heisst: – – W i l h e l m . Ich kenne ihn von einer sehr vorzüglichen Seite, und bemerkte bei ihm bald nach seiner Ankunft unverkennbare Zeichen von leidenschaft für Sie. Auch Sie fällten ein günstiges Urteil von ihm; also entstand bei mir der Wunsch, ein paar Menschen, die einer des andern so wert zu sein schienen, näher vereinigt zu sehen. Sie schlossen aus einem Ringe – zu Ihrer Beruhigung melde ich Ihnen hiemit, dass es das Portrait seiner Schwester ist – dass er versprochen wäre. Ich widersprach dieser Vermutung nicht, weil sie mir günstig schien, um ihm Ihre Freundschaft zu verschaffen, wenn Sie sich im Punkt der Liebe sicher bei ihm glaubten.
Sie verzeihen mir doch diese unschuldige List, liebe S o p h i e ? Sie werden am besten von seiner Liebe urteilen können, wenn Sie beiliegenden Brief lesen, welchen er an meinen Mann schrieb. Ich versiegelte ihn, damit Sie denselben nicht, ohne vorbereitet zu sein, lesen sollten. Wilhelm ist ein Mensch von dem edelsten Charakter, von seltner Wissenschaft und von ausserordentlichem Fleiss. Von dem Angenehmen seines Umgangs können Sie selbst urteilen. Andre Ueberredungsgründe will ich Ihnen nicht schreiben. Ihr Herz muss seine Antwort bestimmen. Schreiben Sie mir doch recht bald wieder, meine S o p h i e . Ich sehne mich immer von unsrer M a r i o Nachricht zu haben, und nehme den lebhaftesten Anteil an allem, was sie betrifft. – K a r l s h e i m , welcher sich Ihnen empfiehlt, drängt mich zu schliessen. Ich schreibe also nur noch den Namen
Ihrer
Julie.
Dreiundneunzigster Brief
Sophie an Julien
Vielen Dank für Ihren schönen Brief, meine Julie. Er hat mich zu lehrreichen Betrachtungen veranlasst. Nicht ganz so zufrieden aber bin ich mit dem zweiten teil Ihres briefes; denn in meiner jetzigen Lage wird es mir sehr schwer, einen solchen Antrag zu beantworten. Ich will Ihnen den Eindruck nicht läugnen, den W i l h e l m auf mich gemacht hat. Ich halte ihn für einen in allem Betracht liebenswürdigen Mann, aber es ist mir schlechterdings unmöglich, jetzt eine neue Liebe anzufangen; denn der Anblick meiner leidenden Freundinn lässt meinem Herzen die dazu erforderliche Stimmung nicht zu. Weil aber M a r i