1784_Liebeskind_067_91.txt

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Dein

sehnlichwartender Freund

Wilhelm.

Zweiundneunzigster Brief

Julie an Sophien

Ihre Nachrichten von M a r i e n haben mich sehr gerührt. Möchte die sanfte Dulderinn doch schon überwunden haben! Ich bin beim Lesen dieses briefes äusserst erschüttert worden, und noch jetzt kann ich meine Tränen nicht zurückhalten, wenn ich an sie denke. Sie verdient die grösste Bewundrung, und wird noch bei der Nachwelt ein Gegenstand derselben sein! Ich verdenke es Ihnen gar nicht, liebe S o p h i e , dass Sie noch jeden Augenblick ihres Lebens bei ihr zuzubringen wünschen, und habe Ihren Onkel – (Nein, sagte er anfangs, das Mädchen wird mir ganz melancholisch, wenn sie noch länger da bleibt –) bewogen, darein zu willigen.

Ach S o p h i e ! Ihre Freundinn hat wohl Recht, dass sie die Schule des Leidens für die beste hält. Es ist gewiss, dass der ganze Charakter durch Leiden viel sanfter und biegsamer gemacht wird. Bei einigen wenigen nur hat es die wirkung, sie bitter und menschenfeindlich zu machen; bei diesen aber ist auch gewiss die ganze Grundlage des Charakters nicht gut gewesen. Menschen, auch von den besten Anlagen, welche die Vergnügungen des Lebens geniessen, ohne je durch Unglücksfälle gestört zu werden, werden dadurch leichtsinnig, betrachten ihre Nebenmenschen nur als Geschöpfe, geschaffen um sie zu vergnügen, und fühlen kein wahres Teilnehmen an dem Elend andrer. Es ist unangenehm, sich durch solche traurige Anblicke im Genuss des Vergnügens stören zu lassen, und sie eilen wenigstens diese Eindrücke wieder wegzuschaffen, ehe sie auf ihr Herz haben wirken können.

Auch der Genuss des Glücks selbst verliert von seinem Wert bei uns, wenn er gar nicht unterbrochen wird, und wir uns also daran gewöhnen; denn es geht uns Menschen ja mit allen Dingen so. Sie ekeln uns, wenn wir sie zu häufig geniessen. Wir sind mit unsern Wünschen wie die Kinder. Sie verlangen ein Spielzeug, bitten, weinen und lärmen, ehe sie es erhalten. Haben sie es einmal, so spielen sie eine kurze Zeit damit, werfen es dann in einen Winkel, und lassen es ruhig liegen, bis ein andrer es wegnehmen will; dann pflegt ihre Lust aufs neue zu erwachen. So wie man nun dem kind das Vergnügen an einer Sache lange erhalten kann, wenn man ihm den Genuss davon nur selten, und nicht jedesmal, wenn es darum bittet, erlaubt, so sollten wir Menschen auch uns dieses Mittels bedienen.

In der Liebe, glaube ich, würde es von dem grössten Nutzen sein, und ein Mädchen würde die Neigung ihres Verehrers auch in der Ehe lange erhalten können, wenn sie klug genug wäre. gewöhnlich aber handeln die Mädchen so, als wenn sie es recht darauf anlegten, diese Liebe in den ersten Monaten zu vernichten. Hat eine Schöne einmal einen begünstigten Liebhaber, so ist der Zärtlichkeit kein Ende. Sie bringen den ganzen Tag mit Liebkosungen zu; oft kommt sie ihm auch wohl damit entgegen, dringt sich ihm gar auf; wenn er weggeht, so bittet sie ihn aufs dringendste, bald wieder zu kommen. Macht er einmal eine Einwendung, so zweifelt sie an seiner Liebe, räumt alle Hindernisse aus dem Wege, damit er keins zu übersteigen findet, und so ist er ihrer bei der Hochzeitwenn er nicht früher zurücktrittschon halb satt. Nun hat sie ihn. Der arme Mann! Er muss den ganzen Tag bei ihr sein, beständig von Liebe sprechen, sie mit Küssen beinahe ersticken, sonst bekömmt er Vorwürfe über seine Kälte.

So bringt man mit Mühe kaum die Flitterwochen hin, und beide Teile sind einer des andern so herzlich satt, dass sie, um sich zu amüsiren, stets fremde Gesellschaft suchen müssen. Die junge Frau, nun einmal an das Liebeln gewöhnt, sehnt sich bald nach einem neuen gegenstand. Dieser findet sich leicht. Ist er seiner Aufwartung überdrüssig: so kommt ein andrer wieder, und so geht es immer fort. Das Hauswesen liegt ruhig. Wer wollte sich bei dem Küchenfeuer den Teint verderben? mit Schmuz von Töpfen die weissen hände besudeln, welche die jungen Herren so gern küssen? Würde nicht der unappetitliche Geruch von der Küche ihre Nasen beleidigen?

Hat sie Kinder, so bekommen sie Ammen. Denn wer wollte wohl durch Säugen die Schönheit des Busens verderben, nach welchem durch die dünne Verschleierung so viele Blicke hinschielen? Die Kinder befinden sich ja auch bei Ammen besser. Man kann sich ja des Stillens wegen nicht einsperren, sich ja nicht den Bällen und dergleichen Lustbarkeiten, welche die Milch erhitzen und verderben, entziehen? Die Amme aber kann das, die wird ja dafür bezahlt. Eben so geht es nachher mit der Erziehung und mit allem. Und der Törinn, die so handelte, wird dafür ein freudenleeres Alter, das sie oft unter der drückenden Bürde der Armut hinschleppen muss. Keiner der Toren, die sonst sie vergötterten, keine Gesellschaft, deren Seele sie ehemals zu sein schien, in welcher man mit Freundschaft und schmeichelnden Liebkosungen sie überhäufte, würdigt sie jetzt eines Blicks. Im Leben verachtet, stirbt sie auch unbemerkt. Man trägt ihre Leiche hinaus, und niemand weint eine stille mitleidige Träne auf ihr Grab. Auch das Schicksal ihres Mannes ist nicht viel besser. Entweder ergiebt er sich ebenfalls einem ausschweifenden Leben, und sucht die Unterhaltung bei Fremden, welche er bei seiner gattin nicht findet, oder er härmt sich ab