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, so schwinden doch die Kräfte ihres Körpers immer mehr. Ach ich fürchte, dass sie nicht lange mehr bei uns sein wird. Aber ob sie gleich dem tod mit lebhafter Freude entgegen sieht, so widersetzt sie sich doch dem Gebrauch der Mittel nicht, die ihr Leben noch länger erhalten können.

"Das Leben, sagt sie, ist ein Geschenk, das Gott aus Güte mir gab. Ich darf diese Güte nicht mit Undank belohnen, und es ist meine Pflicht, alle die Mittel sorgfältig zu gebrauchen, die er zur Erhaltung desselben mir schenkte. Er muss seine weisen Absichten dabei haben, es mir so lange zu lassen; vielleicht will er meine Geduld prüfen; vielleicht hat er auch meine Leiden bloss darum über mich verhängt, um mich wieder zu sich zu ziehen, da ich von ihm abgefallen war. Ach Sophie! ich fühle es, dass Leiden unser Herz sehr bessern. Sie lassen uns unsre Abhängigkeit von Gott stärker fühlen, lassen es uns empfinden, dass wir nur schwache Geschöpfe sind, die ohne ihn nichts vermögen. Sie stärken unsre Menschenliebe, und unser Teilnehmen an dem Elend andrer, welches im Glückke so wenig Eindruck auf uns macht. O! ich will mich bemühen, deine Güte, mein Schöpfer, zu erkennen, die vielleicht mein Schicksal besser leitete, als Menschen es dachten; und ob gleich meine lebhaften Wünsche auf jene Ewigkeit gerichtet sind, so will ich doch nicht gegen deine Fügung murren, und geduldig so lange hienieden wandeln, als es dir gefällt. – O meine S o p h i e , wie danke ich Gott, dass er diesen heitern Abend auf den kummervollen Tag meines Lebens folgen liess! Wüsste ich nur, dass E d u a r d eben diese Beruhigung fühlte, dass er kein Raub der heftigen leidenschaft wäre! Dieser Gedanke ist das einzige, was mich noch quält."

Ich beruhigte sie über diesen Punkt; denn ich hatte auch wirklich erfahren, dass er nicht mehr, wie sonst, wütend im Zimmer umher ginge, und alles vernichtete, was ihm in die hände geriete. Sein Wirt hat ihn sonst für wahnsinnig gehalten und ist einige mal im Begriff gewesen, ihn binden zu lassen; aber jetzt ist er ganz ruhig, sitzt oft einige Stunden, und sieht immer auf eine Stelle, bemerkt es auch nicht, wenn jemand ins Zimmer kommt, oder heraus geht. Indessen ist er doch viel sanfter, spricht auch zuweilen mit den Leuten im haussonst konnte er keine Menschen leidenbesonders beschäftigt er sich mit dem kleinen Knaben seines Wirts. Alle seine Handlungen haben das Gepräge einer stillen Melancholie, ohne die rasende Heftigkeit, welche er sonst zeigte. –

Sagen Sie doch meinem Onkel: es wäre mir unmöglich, wieder zur Stadt zurückzukehren. Diese Schule des Leidens ist zu lehrreich für mich, und von zu grossem Vorteil für mein Herz, als dass ich sie verlassen könnte, wenn auch meine Liebe zu M a r i e n nicht so gross wäre, als sie ist. Ich halte jeden Augenblick für verloren, den ich nicht bei ihr zubringe, und ich stehle nur die Zeit zum Schreiben, wenn sie schläft, oder auf eine andre Art beschäftigt ist, die mir keine Unterhaltung mit ihr erlaubt.

Sophie.

Einundneunzigster Brief

Wilhelm an Karlsheim

Du hast mir so lange nicht geschrieben, liebster Freund, und Deine Briefe sind mir doch jetzt noch weit interessanter, als jemals, weil ich immer hoffe, ein Wörtchen von dem Frauenzimmer darin zu finden, welches ich mit so inniger Wertschätzung verehre. Ich bin jetzt nicht im stand die Hälfte von den Geschäften zu verrichten, wie sonst. Immer schwebt mir S o p h i e auf dem Papier, und ich lasse die Feder aus der Hand fallen, um mich meinen Phantasien zu überlassen, und jede ihrer Reden, ihrer kleinsten Handlungen mir zurückzurufen. Dann ist eine Stunde mir verstrichen, ehe ichs weiss, und mein Bogen Papier ist noch so ledig als vorher.

So geht es mir mit allen Geschäften. Oft, wenn Leute bei mir sind, um mir Sachen vorzutragen, scheine ich tief nachdenkend sie anzuhören, – und wenn die Erzählung zu Ende ist, und sie mich um meine Meinung fragen, antworte ich oft so verkehrt, dass die guten Leute mich mit Erstaunen ansehen, und zuweilen scheinen ihre Mienen deutlich zu sagen, dass sie glauben, es sei in meinem Gehirn nicht ganz richtig. Mit dem L'hombrespiel, welches sonst mein Lieblingszeitvertreib war, und mich in faden Gesellschaften vor der Langenweile schützte, darf ich mich gar nicht mehr abgeben, und da dieses eine Hauptbeschäftigung unsrer Zusammenkünfte ist, so spiele ich jetzt meistens den Einsiedler, zumal da unsre Gesellschaften mir jetzt mehr als jemals langweilig sind. Die schalen Witzeleien unsrer Damen erfüllen mich mit Ekel, wenn ich den lebhaften ungekünstelten Witz meiner S o p h i e mit ihrem Geplapper vergleiche.

Meiner Sophie sage ich? Gott! und vielleicht bin ich ihr ganz gleichgültig, der unbedeutendste Mensch für sie! Wie glücklich würde ich mein Schicksal preisen, wenn sie nur ein Zehnteil der innigen Liebe fühlte, die ich für sie hege! Bitte doch Deine J u l i e , ihre Gesinnung gegen mich zu erforschen, und gieb mir Nachricht, ob ich hoffen darf. Die Zeit bis dahin wird für mich die unruhigste sein, die ich je verlebte. Säume also nicht, mir so bald möglich wieder zu