war so sicher, so voll Selbstvertrauen auf meine Kräfte; ach! ich bin dafür bestraft. Ich will es Ihnen nur gestehen. Ich liebe den einnehmenden Jüngling mit der stärksten leidenschaft. Auch scheine ich ihm nicht gleichgültig zu sein. Zwar hat er mir noch nichts von Liebe gesagt, aber seine Blicke sind so redend, sein Betragen so einnehmend, so zärtlich. – Er hat so viel Achtsamkeit auf jede meiner Bewegungen, auf meine unbedeutendsten Worte; seine Augen folgen mir allentalben, wo ich hingehe, und wenn denn unsre Blicke sich begegnen, so erröten wir beide. Doch ich bin wohl Törinn genug, Ihnen seinen Handkuss, seine Verbeugung, und alle dergleichen Kleinigkeiten zu beschreiben. Ich bitte Sie, M a r i e , spotten Sie nicht über mich, ich schäme mich vor mir selbst. Wie oft habe ich nicht sonst über die Torheiten der Verliebten gelacht, die oft so viel Aufhebens von Kleinigkeiten machen! und jetzt sind mir die unbedeutendsten Sachen so wichtig, wenn sie ihn betreffen. So viel habe ich wenigstens daraus gelernt, dass ich nie wieder über Sachen spotten will, die ich selbst noch nicht gefühlt habe. Leben Sie wohl, M a r i e , ich bitte Sie noch einmal, lachen Sie nicht über mich.
Sophie.
Sechster Brief
Marie an Sophien
O meine S o p h i e , welch eine die Menschheit entehrende Scene habe ich angesehen! Ist es möglich, dass deine Geschöpfe so ausarten können, Vater der Liebe? dass Menschen, die du schufst, um gut und barmherzig gegen einander zu sein, wie du es gegen uns bist, barbarischer gegen ihre eignen Abkömmlinge verfahren können, als die Raubtiere des Waldes? O diese sind doch noch gütig gegen ihre Kleinen. Sie entziehen sich selbst ihre Nahrung, um sie ihnen zu geben, und bewachen mit treuer Sorgfalt ihre Jungen, bis sie ihrer hülfe nicht mehr bedürfen! Doch, S o p h i e , Sie können mich nicht verstehen, wenn ich Ihnen nicht die ganze geschichte erzähle.
Mein Mann bat mich, einen kleinen Spaziergang mit ihm zu machen. Wir kehrten ganz heiter zurück, und kamen vor einem abgelegnen haus vorbei, in welchem wir ein schwaches Wimmern hörten. Ich ging nahe ans Fenster, um die Ursache davon zu entdecken, und hörte eine Mannsstimme sagen:
"Aber, Frau, ein unvernünftiges Vieh würde mehr Mitleid mit seinen Kleinen haben; ich kann das Gewinsel nicht länger anhören."
"Halt das Maul, du Schaafskopf, schrie eine weibliche stimme, oder du sollst mit dem Balge zugleich krepiren."
Wir gingen hinein. Mein Mann fragte mit starker stimme, was die Ursache des Winselns sei?
"Siehst du, Frau, sagte hier der Mann ganz furchtsam, ich sagte dir wohl, dass die Obrigkeit dazu tun würde."
Ein paar tüchtige Ohrfeigen hiessen den Mann zu seinem Sitze zurücktaumeln, und das Weib antwortete ganz frech: "es hätte sich niemand darum zu bekümmern, was in ihrem haus vorginge." Da mein Mann noch ernstlicher in sie drang, sprang sie auf, lief die Treppe hinauf, und schloss die Tür einer Dachkammer zu. Wir folgten ihr, und mein Mann stiess mit leichter Mühe die schwache Tür auf. Hier lag, o Anblick, vor dem sich die Menschheit empört! hier lag in einem Kasten mit Stroh ein sechsjähriges Kind beinahe nackend. In seinem blassen Gesicht herrschte schon der Tod, und der unerträglichste Gestank von seinem eignen Unflat, worinn es lag, war umher verbreitet. Was bedeutet dieser Anblick? fragte mein Mann, starr von Entsetzen, ein Mädchen, das uns nachgefolgt war. Das Weib hatte sich gleich fortgemacht. Ach Gott! sagte das Mädchen, die Frau hat mit diesem kind ein sehr schweres Wochenbette gehabt, und eine Brust dabei verloren, und da tat sie, denn sie ist immer ein gottloses Mensch gewesen, den Schwur, der kleine Nickel sollte für alle die Schmerzen büssen, die er ihr verursacht hätte. Sie hielt auch das arme Kind so hart, dass es einem recht jammerte, liess es halbe Tage hungern, und prügelte es aufs unbarmherzigste, wenn es vor Hunger schrie. Eine Pate des Kindes nahm es endlich aus Erbarmen zu sich, aber das teuflische Weib konnte es nicht ansehen, dass es ihm so wohl ging; sie lockte es mit List wieder ins Haus, und da die Pate starb, hatte sie freie Macht, mit ihm zu schalten, wie sie wollte. Sie quälte nun das arme Kind auf alle ersinnliche Art, bis es endlich krank wurde; da es ihr aber doch mit der Krankheit zu lange währte, ob sie es gleich ganz hülflos liegen liess, so sperrte sie es hier ein, und will es verhungern lassen, denn ein altes Weib, das man für eine Hexe hält, hat ihr prophezeiht: sie würde nicht eher gesund werden, als bis das Kind stürbe. Es ist nun schon der dritte Tag, dass es hier liegt. Es ist immer ganz stille gewesen; denn wenn es anfieng zu weinen, prügelte es die gottlose Mutter, und drohte ihm, sie wolle es todtschlagen, wenn es noch einen laut von sich gäbe. Ich habe so viel drüber geweint, und habe schon zweimal nach der Stadt laufen wollen, um hülfe für das Kind zu holen, aber sie hat mich immer wiedergekriegt, und mich so lange geschlagen, bis ich versprach