. Bei A l b r e c h t gehen Sie weit sichrer. Ich habe das Vertrauen zu Ihrer mir bekannten Klugheit, dass Sie seine Grillen zerstreuen werden, sobald Sie nur wollen, und dass ich alles wieder im besten Zustand finden werde. Es wird Ihnen auch, falls es nötig sein sollte, aus allen Kräften darin beistehen
Ihr
ergebenster
Wildberg.
Siebenundachtzigster Brief
Albrecht an Wildberg
Ich bitte Dich um Gottes Willen, W i l d b e r g , reise zu M a r i e n , und gieb mir Nachricht von ihr. Der Gedanke an sie ängstigt mich beständig und lässt mir keinen ruhigen Augenblick. Gewiss, es war Unrecht, so gegen sie zu handeln, ohne einmal ihre Verteidigung angehört zu haben, ohne selbst ihren Brief aufmerksam zu lesen! Und dieses Betragen gegen eine Frau, die immer so sanft, so nachgebend gegen mich war, an der ich nie einen schlechten Zug bemerkte. Die verdammte Empfindelei war ihr einziger Fehler. Ich kann Dir meine Unruhe nicht beschreiben. Schaffe mir doch schleunige Nachricht von ihr.
Albrecht.
Achtundachtzigster Brief
Wildberg an Albrecht
Ich bin Deinem Verlangen zuvorgekommen, lieber Freund! Ich war in dem dorf, in welchem M a r i e sich aufhält, habe aber sie selbst nicht gesprochen; denn sie liess sagen: sie wolle niemand sehen, der mit dem verhassten A l b r e c h t in Verbindung stände. Die Nachricht von der Scheidung hat sie mit vieler Freude, und mit dem Ausruf: Nun sind ja alle meine Wünsche erfüllt! – angenommen. Sie hat auch gleich darauf an E d u a r d geschrieben, und man glaubt, sie werde nächstens mit ihm fortreisen. Sie soll jetzt sehr gesund aussehen, und viel muntrer sein, als sonst.
Diese Nachrichten, welche ich von einer Bauerfrau einzog, die eine Vertraute der Pastorinn ist, werden Dich, wie ich hoffe, beruhigen. Wenigstens wüsste ich nicht, wie Dich der Verlust einer Treulosen kränken könnte, die sich freut, Deiner los geworden zu sein, bei der Du nur der Deckmantel ihrer Schande gewesen sein würdest. Gewiss ist Deine A m a l i e der winselnden M a r i e tausendmal vorzuziehen. Sie vereinigt das beste Herz mit vielem verstand und grosser Lebhaftigkeit, und besitzt ein gewisses angenehmes Wesen, welches jedermann für sie einnimmt. Es ist wahrhaftig zu bewundern, dass ein Mädchen von so vielem Reiz Dir zwei Jahre lang treu blieb, und keinem andern Liebhaber Gehör gab. Dein ungerechter Verdacht gegen sie, um dessen willen Du Dich von ihr trenntest, hat ihr viel Tränen gekostet, und doch liebte sie Dich dem ungeachtet stets mit gleicher Stärke.
Bei meiner Seele! Du verdienst das Mädchen nicht, wenn Du noch einen Augenblick bei Dir anstehen kannst, ihre treue Liebe zu belohnen. Lebe wohl, A l b r e c h t ! Ich hoffe Dich das nächste mal ohne die melancholischen Spleen zu finden, in welchen Du Deinen vorigen Brief schriebst.
Wildberg.
Neunundachtzigster Brief
Amalie an Wildberg
Dank sei es meiner Klugheit, und Ihrem gescheidten Briefe! A l b r e c h t ist wieder eben so verliebt, wie er jemals war. Ich sehe nun in Kurzem einer ernstaften Verbindung mit ihm entgegen, die er selbst sehr lebhaft zu wünschen scheint. Sie sind ein vortrefflicher Mann, W i l d b e r g , und haben sich meisterhaft bei der Sache betragen. Er erwähnt auch seit Ihrem Briefe M a r i e n s gar nicht mehr, und scheint sie ganz aus seinem Herzen verbannt zu haben. In dem meinigen sitzt der liebenswürdige Engländer desto fester, und ich erhole mich in seinen Armen auf die angenehmste Art von der Langenweile, die A l b r e c h t s Umgang mir macht. B r e d o n ist aber so gut von mir unterrichtet, dass er bei A l b r e c h t s Ankunft gleich in ein Nebenzimmer schlüpft, damit dieser ja keinen Verdacht schöpft.
Wären wir nur erst verheiratet, so wollte ich mir wahrhaftig so viele Mühe nicht geben. Wenn er auch hinter meine Liebesgeschichten käme, und tobte und fluchte: was läge daran? Er sollte mir schon wiederkommen. Tun Sie ja das Ihrige, um die Hochzeit zu beschleunigen. Es wird mir sehr sauer, die zärtliche Rolle noch länger bei ihm zu spielen.
Amalie.
Neunzigster Brief
Sophie an Julien
Der nichtswürdige W i l d b e r g musste auch noch dazu beitragen, meine M a r i e zu erschüttern! Nicht befriedigt dadurch, dass er ihren Mann gegen sie aufbrachte, und ihre Ehe trennte, kommt er auch noch an diesen einsamen Ort, um ihre Ruhe zu stören; aber dem Himmel sei Dank, dass er zu ohnmächtig dazu war. Bei seinem Anblick überfiel sie zwar ein heftiges Schrecken, aber sie beruhigte sich doch bald wieder. Sie besitzt jetzt eine Heiterkeit der Seele, welche uns allen Bewundrung auspresst. Ihre Liebe zu E d u a r d lebt zwar noch immer in gleicher Stärke bei ihr, aber sie ist ein sanftes Schmachten geworden, ohne die Heftigkeit, welche sie sonst hatte. Alle ihre Leidenschaften scheinen jetzt gemässigt zu sein, und ihre einzige Freude besteht darin, Gutes zu tun und sich in der Besiegung ihrer selbst zu üben. So sehr indessen ihre Seele mit jedem Tage grösser und erhabner zu werden scheint