nachher trieb ihn seine ängstliche Besorgniss für mich her.
Ich empfieng ihn mit einem zärtlichen Vorwurf über sein langes Ausbleiben, und der junge Herr erwiderte: ich hätte gestern bei der Ankunft des fremden Herrn so verlegen geschienen, und dieser hätte sich bei seinem Anblicke so sonderbar genommen, dass er gefürchtet hätte, mich zu belästigen, wenn er so bald wiederkäme.
Ich wusste denn meinem B r e d o n recht gut zu demonstriren, dass der fremde Herr ein Grobian wäre, dessen Besuche ich, meines Widerwillens ungeachtet, doch besondrer Connexionen wegen dulden müsste, dass dieser Tropf es für ein Verbrechen hielte, mit einem jungen Menschen zu reden, dass die Furcht vor seiner trocknen Moral mich etwas verlegen gemacht hätte, und dass ich auch unsers Umgangs wegen vieles erdulden müssen.
Dieses alles stellte ich ihm auf eine so einleuchtende Weise vor, dass seine Zärtlichkeit noch stärker angefacht wurde; und er belohnte mich mit einer reichen Uhr für den Kummer, welchen er mir gemacht zu haben glaubte.
Sie sehen, W i l d b e r g , dass dieser Liebhaber nicht zu verachten ist. Wenn also A l b r e c h t nicht bald fortmacht, so werde ich alle meine Segel nach diesem Liebhaber ausspannen, um ihn in ein festes Garn zu knüpfen. Ich will aber doch erst Ihren Rat erwarten. Antworten Sie also aufs schleunigste
Ihrer
Amalie.
N. S. Als ich diesen Brief nach Ihrem haus schicke, erhalte ich die Antwort, dass Herr W i l d b e r g verreist wäre. Und davon weiss ich kein Wort? Was gilts, Sie sind auf einem Ritterzuge nach Ihrer prinzessin. Ich hoffe doch aber, dass Sie den Abend wieder hier sein werden, und will alsdann nochmals fragen lassen.
Sechsundachtzigster Brief
Wildberg an Amalien
Ihre Vermutung war gegründet, A m a l i e . Ich bin auf einer verliebten Reise gewesen, habe aber leider! nicht viel Trost erlangt. Es war mir unmöglich, länger zu leben, ohne M a r i e n zu sehen, oder Nachricht von ihr zu haben; auch fürchtete ich, dass vielleicht mein Nebenbuhler seine Zeit bei ihr besser nutzen möchte, und Eifersucht und Liebe trieben mich nach ihrem dorf. Ich eilte ins Pfarrhaus; denn ich mochte mich nicht melden lassen, weil ich eine abschlägige Antwort befürchtete. Ich öffne ein Zimmer, in welchem ich reden hörte, und welch ein Anblick! Marie, oder vielmehr eine blasse abgehärmte Gestalt, mehr einem Geist ähnlich als ihr, einst der grössten Schönheit unsrer Stadt! sass auf einem Stuhl, lauter kleine Mädchen mit Arbeitszeug um sie herum. Eins davon liess sie auf ihrem Schooss lesen; ein andres stand neben ihr, begierig wartend, bis die Gespielinn fertig wäre.
Ich kann Ihnen meine Empfindung, mit welcher ich dieses alles ansah, nicht beschreiben. Vielleicht würden Sie auch nur darüber spotten. Genug, ich hatte noch nie eine so starke Erschütterung gefühlt. Sie blickte von ihrem Geschäfte auf, welches sie anfangs mich wahrzunehmen gehindert hatte, sah mich, stiess einen lauten Schrei aus, und nun stürzte eine alte Frau nebst S o p h i e n herein. Sie zeigte nach der Tür, und die Alte führte sie hinaus; denn sie vermochte nicht allein zu gehen. Die Kinder weinten, und S o p h i e sagte sehr ernstaft zu mir:
"Mich wundert, Herr W i l d b e r g , wie Sie sich erdreisten können, meiner Frundinn unter die Augen zu treten. Ihr Anblick müsste jetzt auch den ärgsten Bösewicht erschüttern, und ihn abhalten, die wenigen Tage ihres Lebens nicht noch mehr zu trüben. Haben Sie noch einen kleinen Ueberrest menschlicher Gefühle, so verlassen Sie das Haus, und entweihen diese Freistatt der leidenden Tugend nie wieder durch Ihre Gegenwart!"
"Mademoiselle, sagte ich wütend, Sie wissen nicht –"
"Mein Herr! Ihre Drohungen oder Schimpfreden, kurz, alles, was Sie mir sagen können, ist mir gleichgültig, und ich will Ihnen die gelegenheit ersparen, Ihre Galle an mir auszuschütten."
Mit diesen Worten ging sie hinaus, und liess mich in keiner rühmlichen Verfassung da stehen. Ich machte mich fort, als ich sah, dass ich nichts ausrichten konnte, voller Aerger, dass ich gekommen war. Ich kann nicht läugnen, dass M a r i e n s elender Anblick allerlei Empfindungen in mir erregte, aber den Nachrichten von ihrem nahen tod messe ich keinen Glauben bei. Frauenzimmer sterben nicht von Kummer. Sie wird ihre Gesundheit und ihr Ansehen hier auf dem land wieder erlangen, wenn erst ihr heftiger Schmerz vorüber ist. Bis dahin will ich mich gedulden, und dann die Sache schon anders einlenken; denn mein muss sie werden, es gehe wie es wolle. Ich liebe sie bis zur Raserei!
Sein Sie A l b r e c h t s wegen nur unbesorgt. Er wird nicht umkehren, dafür lassen Sie mich nur sorgen. Verdoppeln Sie nur Ihre Zärtlichkeit gegen ihn, oder spielen Sie auch einmal die Spröde. Sie kennen ja seine Schwäche besser als ich. Ihr Projekt mit dem Engländer taugt nichts. Als Liebhaber können Sie ihn immer behalten, wenn Sie es heimlich genug zu treiben wissen. Aber denken Sie ja nicht daran, dass er Sie jemals heiraten wird. Und als Maitresse würde er Ihrer bald satt werden, denn solche junge Flüchtlinge lieben die Veränderung