herein.
"Was macht Sie denn so tiefsinnig? Sie scheinen ja sehr gerührt zu sein."
"O Mademoiselle, Sie würden es auch sein, wenn Sie diesen Brief läsen."
"Darf ich es nicht?" sagte sie mit einer gewissen Beängstigung, als ahndete sie, wen er beträfe. Ich hielt es für einen glücklichen Zeitpunkt, sie zu heilen, und alle Hoffnung zu zernichten, die sie vielleicht noch haben könnte. –
"Er betrifft meinen Freund E d u a r d , der so glücklich war, einige Jahre bei Ihnen zuzubringen. – Sie erröten, meine Teure? Sie brauchen sich der Empfindungen nicht zu schämen, die diese Röte bei Ihnen hervorbringen. E d u a r d war ein liebenswürdiger Jüngling, wert des Anteils einer schönen gefühlvollen Seele, wie die Ihrige ist. – Ich küsste ihre Hand und führte sie zu einem Stuhl. – Glauben Sie sicher, dass er immer mit der feinsten achtung von Ihnen schrieb, und dass ihm seine Treue gegen M a r i e n manchen Kampf kostete."
"Seine Treue ist mir immer ehrwürdig gewesen. Ich
schäme mich des Eindrucks nicht, den er auf mein unerfahrnes Herz machte; aber ich bin weit davon entfernt, zu wünschen, dass er um mich seine Erstgeliebte möchte vergessen haben. Er würde mir sogar verächtlich gewesen sein, wenn er es gekonnt hätte. Aber sagen Sie mir: war seine Geliebte so treu als er?"
Ich erzählte ihr Deine geschichte, und viele Trä
nen flossen über Dein Schicksal. Ich zeigte ihr Deine letzten Briefe und den von M a r i e n .
"O Gott! – rief sie aus – welch eine Seele voll
Grösse und Edelmut! Warum musste sie von dem Jünglinge getrennt werden, der ihrer so wert war? Nein, ich würde E d u a r d hassen, wenn er nach ihr noch eine andre lieben könnte. Ich werde mich nun weit leichter über seinen Verlust beruhigen, da ich die selige erhabne Fassung M a r i e n s zum Vorbilde habe."
Ihr Onkel trat herein, und unterbrach sie.
"Nun was giebts? Ist ein neues Unglück gesche
hen? Ihr seht ja beide so weinerlich aus."
K a r o l i n e n s feines Gefühl würde zu sehr bei
einer nochmaligen Erzählung gelitten haben. Sie ging also hinaus, und ich sagte ihm die Ursache unsrer Rührung. Er sah die geschichte mit andern Augen an als wir, und sagte mir vieles, das ich nicht wiederlegen konnte, mit dessen Wiederholung ich Dich aber nicht quälen will, weil ich glaube, dass solche Reflexionen doch fruchtlos bei Dir bleiben würden. – Er sprach aber doch noch mit vieler Liebe von Dir, und bedauerte, dass die schönen Anlagen, die Du – doch wozu diese Wiederholung?
"Die Stelle, fuhr er fort, die ich ihm antrug, ist noch offen. Ich wünschte sie von einem Mann bekleidet zu sehen, der fähig genug wäre, ihr gut vorzustehen. Sie haben mir eine vorteilhafte Meinung von Ihrem moralischen Wert beigebracht. Wollten Sie mir wohl durch ein kleines Examen gelegenheit geben, Ihre wissenschaftlichen Kenntnisse zu prüfen?"
Ich dankte ihm gerührt von seiner Güte, und er prüfte mich mit so vielem Scharfsinn, dass ich erstaunte. Er war so gütig, mir seinen Beifall zu geben, und fragte mich, ob ich wohl in der Verfassung zu sein glaubte, die Stelle künftige Woche antreten zu können?
Eine Versorgung hat mir also der gütige Himmel angewiesen, früher als ich zu hoffen wagte; aber, Freund, ich habe noch andre lebhafte Wünsche, deren Erfüllung mir mehr, als Ehre und Reichtum, am Herzen liegt! Doch ich vergesse ja unsern F e r d i n a n d und W i l h e l m i n e n .
Die beiden Väter kamen den Tag nach unsrer Ankunft fast zu gleicher Zeit an. Der geheimde Rat hatte die jungen Leute zu entfernen gewusst. Ich war unter einem Vorwand zu haus geblieben, und war in einem Nebenzimmer, in welchem ich unbemerkt alles sehen und hören konnte. Beide Alten waren sehr bekümmert. Der geheimde Rat leitete zuerst das Gespräch auf W i l h e l m i n e n . Ihr Vater war noch unwillig auf sie. Sein trefflicher Bruder bemühte sich aber durch allerlei Vorstellungen sein Herz wieder zu zärtlichen Vatergefühlen für sie zu stimmen, und als er merkte, dass seine Bemühung gelang, wusste er ihm auch so sanfte treffende Vorwürfe über seine zu grosse Härte, und über die Sucht nach Reichtum, die ihn alle schlechte Eigenschaften des Herrn D. übersehen liess, zu machen, dass er höchst gerührt mit Tränen das Gelübde tat, seine Tochter nie wieder zu einer Heirat zu zwingen, wenn er so glücklich sein sollte, sie jemals wieder zu sehen. Er fürchtete aber, dass dieses Glück ihm nicht mehr aufbehalten wäre.
Seine Klagen machten, dass auch F e r d i n a n d s Vater den verlornen Sohn beweinte, und nun, da beide in rührende Klagen ausbrachen, führte sie der geheimde Rat ins Speisezimmer, und beide erblickten ihre Kinder, die, von Freude und Schrecken durchdrungen, sich zu ihren Füssen warfen. Die rührende Scene, welche nun folgte, ist unbeschreiblich.
Unser F e r d i n a n d ist durch W i l h e l