1784_Liebeskind_067_84.txt

; indessen versichre er mich, eben so fest, als ich entschlossen schiene ihn auszuschlagen, eben so fest sei er entschlossen mich zu nehmen, und es stände bei mir, zu versuchen, welcher teil durchdringen würde. Er hielte es aber für zuträglicher, wenn ich mich gleich in die Umstände schicken wollte.

Zu diesem Briefe, dessen hämischer Spott mich äusserst aufbrachte, fügte er noch die Nieterträchtigkeit hinzu, den meinigen in meines Vaters hände zu geben. Dieser begegnete mir darauf aufs härteste, sperrte mich ein, und befahl mir, mich ohne Widerrede zur Hochzeit anzuschicken, welche spätstens in acht Tagen vollzogen werden sollte.

In dieser traurigen Lage sah ich kein andres Hülfsmittel vor mir, als zu entfliehen. Ein Mädchen, das mir treu war, schaffte mir Mannskleider, um meine Flucht sichrer zu machen. Ich entfloh des Nachts, entschlossen zu Ihnen zu gehen, und um K a r o l i n e n s Vorsprache zu bitten. Diese sollte mich so lange verbergen, bis Sie auf meine Seite gebracht wären, und dann, hoffte ich, würden Sie meinen Vater zur Aenderung seines Entschlusses bewegen. Ich nahm einen Boten mit, denn ich getraute mir nicht, ein Fuhrwerk zu nehmen. Wir wurden im wald von zwei Räubern angefallen, die meine gute Kleidung gelockt hatte. Mein Gefährte nahm die Flucht, und ich bat voller Angst um mein Leben, welches sie mir nur unter der Bedingung schenkten, wenn ich ihnen folgen wollte. Die Liebe zum Leben siegte über meinen Abscheu, ich ging mit ihnen, und vier Tage waren mir höchst traurig verflossen, als Herr F e r d i n a n d durch einen ähnlichen Zufall zu uns kam.

Wir merkten bald, dass unsre Gesinnungen des Abscheus gegen diese Bande einstimmig waren, und verabredeten unsre Flucht, die wir aber doch schwerlich würden ausgesührt haben, wenn nicht dieser Herr uns behülflich gewesen wäre. Und nun, liebster, bester Oheim, was darf ich hoffen?"

"Meine Verzeihung. Aber ist die Unschuld meiner W i l h e l m i n e in keiner Gefahr gewesen? blieb dein Geschlecht verborgen?"

"Ja. Ich schlief immer allein, und in Kleidern; und man hat nicht anders geglaubt, als dass ich ein Jüngling wäre."

"Aber der zarte Bau deines Körpers?"

"Wurde für die Folge einer verzärtelten Erziehung gehalten, und oft verspottet."

"Aber, Mädchen, gewiss hatte doch ein geheimer Liebhaber Anteil an deinem Entschluss und an deinem Widerstreben?"

"Nein, bester Onkel! Ich kann darauf schwören, dass noch nie ein Mann von Liebe mit mir gesprochen hat, und dass ich auch keinen in meiner Vaterstadt kenne, der fähig wäre, auf mein Herz Eindruck zu machen."

F e r d i n a n d , der bei der Frage des Onkels ängstlich nach ihr hingeblickt hatte, erheiterte sich merklich bei dieser Antwort. Ihre Blicke begegneten einander, und beide erröteten. Nun bat der Alte uns auch um die Erzählung der Unglücksfälle, die mich und F e r d i n a n d den Räubern überliefert hätten. "Es ist doch beinahe Morgen, sprach er, ich denke, wir alle würden doch nicht viel schlafen können. Karoline wird uns Kaffee bestellen, und beim Trinken erzählen Sie mir Ihre Fata."

"Die meinigen machen mir keine Ehre," antwortete F e r d i n a n d verlegen und stark errötend, – im grund war ihm wohl das allerempfindlichste, dass er genötigt war, die geschichte mit H e n r i e t t e n in W i l h e l m i n e n s Gegenwart zu erzählen – "aber ich hoffe, die Beschämung, die ich während der Erzählung meiner Vergehungen empfinden werde, wird mich auf mein ganzes übriges Leben bessern."

Er erzählte nun aufrichtig alle seine begebenheiten, nebst dem Anteil, welchen ich daran hatte. Bei Erwähnung meines Namens errötete K a r o l i n e . Wahrscheinlich hatte sie mich von Dir einmal nennen hören, und der Name Deines Freundes rief Dein Andenken bei ihr zurück. Am Ende der Erzählung sprach F e r d i n a n d mit vieler Rührung von seinem Vater. Der geheimde Rat suchte ihn wegen seiner Gesinnung gegen denselben auszuforschen und schien zufrieden, dass F e r d i n a n d seinen Fehler bereute, dessen Sträflichkeit und schlimme Folgen er ihm auf die sanfteste Art noch einleuchtender machte.

"Sie haben vieles wieder gut zu machen, junger Mann, damit Sie das Andenken Ihrer Vergehungen vertilgen. Bleiben Sie einige Tage bei mir. Wir wollen über die Mittel nachdenken, durch welche Sie Ihren würdigen Vater zu versöhnen suchen müssen."

F e r d i n a n d war äusserst gerührt. Der Alte gab nun K a r o l i n e n den Auftrag, W i l h e l m i n e n s Kleidung in die weibliche zu verwandeln, die ihr gebührte. Auch F e r d i n a n d entfernte er unter einem Vorwande, und winkte mir, da zu bleiben. Ich glaubte, dass auch er vielleicht um unsre Freundschaft wisse, und von Dir reden wolle, aber der liebenswürdige Mann hatte eine andre Ursache. Er sagte mir: dass F e r d i n a n d s Vater sein genauer Freund