1784_Liebeskind_067_82.txt

dir anvertraue. Billig

"Billig sollte ich den ganzen Plan fahren lassen; denn Ihr Mistrauen beleidigt mich sehr."

Er besänftigte meinen anscheinenden Zorn, und ich wurde nun aufs beste mit einem Rocke aus Karls des zwölften zeiten, und mit einer Perücke ausstaffiert, bekam das beste Pferd aus dem Stalle, und so eilte ich fort. Ich kam bald auf dem hof an. Ein junges Mädchen war beschäftigt, eine Menge Federvieh zu füttern, welches ganz zahm um sie herum lief. Ihre Gestalt war die schönste, die ich je sah. Ein gewisser Zug des Trauerns verbreitete ein sanftes Schmachten über ihr ganzes Wesen, das jedes Herz zu ihr zu neigen schien. Die lebhaften Rosen ihrer Wangen schienen vom Kummer in eine gewisse Blässe verwandelt zu sein, die das Gesicht noch sanfter und anziehender machte. Sie trug ein weisses Kleid, das ihren Wuchs sehr vorteilhaft zeigte. Eine blassblaue Schleife befestigte eine Rose an ihrer Brust, deren welkende Blätter ein Sinnbild von ihr zu sein schienen. Auf dem Kopf hatte sie einen weissen Hut mit einem Blumenkranz umwunden; ihr schönes blondes Haar wallte in ungekünstelten Locken auf ihren Busen herunterdass ichs kurz mache, das ganze Mädchen stellte dem Auge eine so hinreissend schöne Figur dar, dass sie sogar auf das kalte Herz deines B a r t h o l d s die stärkste wirkung machte.

Sie fragte mich mit einer stimme, die so süss und lieblich in meinen Ohren hallte, ob ich etwa zu ihrem Onkel wollte? Und auf meine bejahende Antwort führte sie mich zu ihm ins Zimmer. Er sass eben vor seinem Schreibtische, stand aber bei meiner Ankunft auf, und nötigte michobgleich meine Figur nicht vorteilhaft warsehr freundlich zum Sitzen. Ich verbat dieses:

"Ich habe Ihnen bloss einen Brief zu überreichen, dessen Inhalt von Wichtigkeit für Sie ist, und für dessen Wahrhaftigkeit ich Ihnen Bürge bin. Verzeihen Sie mir aber, dass es meine Umstände nicht erlauben, Ihnen jetzt nähere Erläuterungen zu geben. Morgen werden Sie mehr erfahren. Befolgen Sie nur aufs pünktlichste die darin angezeigten Maassregeln, und entschuldigen Sie, dass ich schleunigst wieder von hier eilen muss."

Mit diesen Worten verliess ich das Zimmer, schwang mich aufs Pferd und jagte eilig davon. Der Alte konnte vor Erstaunen kein Wort hervorbringen. Ich schrieb ihmdoch lies auch lieber selbst den Brief: "Wohlgeborner Herr, Ein Mensch, der Ihnen zwar unbekannt ist, der aber schon lange Ew. Wohlgeb. von der vortrefflichsten Seite kennt, hält es für seine Pflicht, Sie wegen eines Anschlags zu warnen, der von den schädlichsten Folgen für Sie und Ihr Haus sein könnte. Eine Bande Räuber hält sich jetzt hier in der Nähe auf, und hat den Vorsatz gefasst, Sie künftige Nacht zu plündern. Weil der Anführer Nachricht eingezogen hat, dass Ew. Wohlgeb. ausser Ihren eignen Baarschaften noch eine öffentliche Kasse in Verwahrung haben, so verspricht er sich eine reiche Beute. – Es befinden sich ausser mir noch zwei junge Leute unter dieser Bande, die durch sonderbare Unglücksfälle hineingeraten sind und wider ihren Willen einige Wochen in dieser schändlichen Verbindung haben leben müssen. Noch sind ihre hände rein von Blut, und sie wünschen aufs lebhafteste aus den Händen dieser Bösewichte gerettet zu werden. Es scheint, als wenn der Himmel diese gelegenheit veranstaltet habe, um Ew. Wohlgeb. zum Werkzeug der Rettung dieser Unschuldigen zu machen, und eine schändliche Bande zu zerstören, die hier schon so viel Unheil angerichtet hat.

Der eine von diesen jungen Leuten soll diese Nacht in Ihr Fenster steigen, und den andern die Tür öffnen. Diese wollen dann hereindringen, und, wo möglich, ganz leise alles Geld und Kostbarkeiten tauben. Finden sie aber Widerstand: so haben sie die Absicht, alles zu ermorden, was sich ihnen widersetzt. Sie sind auch stark genug, diesen abscheulichen Vorsatz auszuführen. Um aber denselben zu vernichten, wäre es meiner Meinung nach, das beste Mittel, dass Ew. Wohlgeb. ein Commando Soldaten in Ihrem haus versteckten. So bald nun die Räuber hineingelassen wären, müssten sie hervorkommen, sich ihrer bemächtigen, und sie den Händen der Gerechtigkeit überliefern.

Wir drei werden uns gleich auf die Seite der Soldaten schlagen, und hoffen alsdann, unter Ihrem dach eine Zuflucht zu finden, bis wir uns mit Sicherheit auf den Weg zu unsrer Heimat machen können. Ew. Wohlgeb. können sicher auf die Wahrheit meiner Aussage fussen, und sollte ja ein besonderer Zufall das schändliche Vorhaben diese Nacht zerstören, so wird es doch ganz gewiss die zukünftige ausgeführt werden. Ich werde durch ein lautes Zuschliessen der Tür, oder durch dergleichen zu erkennen geben, wann es Zeit für die Soldaten ist, hervorzukommen. Ich verhaare, unter der Bitte, doch ja alle Anstalten geheim zu treffen, mit der vollkommensten Hochachtung

Ew. Wohlgeb.

gehorsamster Diener.

B."

Freudig eilte ich nach unserm Aufentalte zurück. B r a n d empfieng mich voller Freuden über meine baldige Wiederkunft. Ich dichtete ihm nun eine zu unserm Vorhaben so glücklich passende geschichte vor, dass er weiter keinen Anstand nahm, den Anfall in der folgenden Nacht zu machen. Unter dem Vorwande, als wolle ich F e l d h e i m unterrichten, wie er seinen Weg vom Fenster bis zur Haustüre zu nehmen habe, gelang es mir, mit ihm allein zu sprechen. Erst wusste er nicht, ob er mir trauen könnte,