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, und bei seinem Anblick fiel mir eine idee ein.

"Höre, Freundsagte ich ihm, könntest du mir wohl nicht einen Bettlerhabit verschaffen? Ich wollte einen Spass damit machen. Wenn du ihn mir binnen einer Viertelstunde bringst, so sollst du diesen Louisd'or zur Belohnung haben, und wenn du schweigen kannst, noch einen Dukaten dazu."

Der arme Kerl, der vielleicht in seinem ganzen Leben noch nicht so viel Geld beisammen gesehen hatte, war vor Freuden ausser sich, und versprach alles Mögliche. Er hielt auch Wort, und brachte mir in kurzer Zeit einen recht vollständigen Bettlerhabit. Nun wanderte ich ins Holz, in der Hoffnung einen von der erhabnen Gesellschaft zu entdecken. Aber bis jetzt habe ich noch niemand gesehen. Ich trage einen Brief an F e r d i n a n d in der tasche, der ihm von meinem Vorhaben Nachricht gibt, und nun will ich mich hier schlafen legen, und das Holz nicht eher verlassen, bis ich eine Spur von ihnen entdeckt habe. Gute Nacht, Eduard.

Bartold.

Fortsetzung. Bartold an Eduard.

Ich hatte noch nicht lange gelegen, als ich menschliche Stimmen hörte. Ich fing an, so laut zu schnarchen, dass man es notwendig weit weg hören musste.

"Was Teufel gibt es denn da? sprach einer, vielleicht ein Reisender der den Weg verloren hat?"

Und nun kam man auf mich zu.

"Wahrhaftig! eine artige Figur. Das war der Mühe wert, umzulenken!"

"Ich warf mich herum, rieb die Augen und sagte: Beim Teufel, ein hartes Lager! da wird einem das Schlafen wohl sauer."

"Wie kömmst denn du Bestie hier in den Wald?"

"Je nun, ich hörte, dass hier oft vornehme Leute, so wie Ew. Gnaden, durchkämen, und da dachte' ich dann so eine kleine milde Gabe zu erhaschen."

"Es ist eine Schande, dass ein so junger rüstiger Kerl sich schon aufs Betteln legt."

"Ach! ihr Gnaden wissen meine Umstände nicht. Ich bin wohl mit zehnerlei Uebeln behaftet, habe Gicht und einen lahmen Fuss, und kriege oft das böse Wesen. Sehen Sie nur an, meine Herren."

Nun ergriff ich meinen Stab und hinkte ihnen so natürlich vor, dass sie aus vollem Halse lachten.

"Du scheinst ein lustiger Teufel zu sein, und eben nicht zum Bettler geboren."

"Nein, wahrhaftig nicht! Sie haben mich doch nun einmal überrascht, und es hat vielleicht eine bessere wirkung auf Ihre Mildtätigkeit, wenn ich aufrichtig gegen Sie bin, als wenn ich noch versuchen wollte, Sie hinters Licht zu führen. Ich bin von vornehmen Eltern geboren, die mich mit äusserstem Zwange zum Studieren anhielten. Das war nun gar mein Flauss nicht, und ich beneidete oft das glückliche Leben der Bettelbuben, die für nichts zu sorgen brauchen, und allentalben ihr Fortkommen finden. Als ich einsmals heftig gezüchtigt werden sollte, machte ich mich aus dem Staube, und seitdem habe ich diese Lebensart geführt. Des Abends sind meine Taschen reichlich angefüllt, und ich verstehe mich darauf, jedem, den ich um eine Gabe anspreche, das zu sagen, was er gern hört."

"Also gefällt dir deine Lebensart wohl sehr?"

"Nicht mehr so sehr als sonst. Meine Tätigkeit ist dabei auf zu kleine Gegenstände eingeschränkt, und es verdriesst mich immer, um ein paar Pfennige so viel Wesens machen zu müssen. Wären es Pistolen, so wollte ich meine Mühe für besser angewandt halten."

"Höre einmal, Kerl, schickst du dich wohl zum Spion?"

"O vortrefflich! Ich dringe mich unter allerlei Vorwand in Küche und Keller und in die Wohnzimmer, und unterdessen, dass mir die Leute andächtig zuhören, laufen meine Augen allentalben herum, und es gelingt mir in vornehmen Häusern sehr häufig durch die Bedienten allerlei nützliche Nachrichten von den Herrschaften einzuziehen."

"Ich glaube wahrhaftig, Kerl, du machst dir auch gar kein Gewissen daraus, zuweilen zu mausen?"

"O! was das Gewissen betrifft, das ist bei mir so delikat eben nicht. Ich darf es aber nur selten wagen; denn wenn man mich ertappte, wo sollte ich hülfe hernehmen?"

Ich führte das Gespräch immer weiter, bis ich endlich glücklich zum Ziel gelangte. Der Hauptmann B r a n d – so hiess der Einenahm mich auf. Freilich wurde mir ein fürchterlicher Schwur vorgelegt, bei dem mir die Haare aufstiegen, aber ich war durch eine List so glücklich, die Sache so zu drehen, dass sich dieser Schwur mit meinem Gewissen vereinigen liess; auch beruhigte ich mich diessmal mit dem Jesuitergrundsatz: dass man wohl einmal zu einer guten Handlung durch böse Wege gehen könne. Ich muss aufhören, die Augen fallen mir zu.

Fortsetzung. Bartold an Eduard.

Der Hauptmann nahm mich mit nach der Diebeshöhle. Die ganze Gesellschaft sass um einen langen Tisch. F e r d i n a n d war unter ihnen. Sein Anblick erschütterte mich sehr. Die wilde Verzweiflung war auf seinem gesicht; seine Augen hatten einen fürchterlichen Ausdruck bekommen. Auch den junge Menschen erkannte ich gleich, von dem F e r d i n a n d schrieb. Er zeichnete sich durch sein einnehmendes Gesicht, und durch den zarten Bau seines Körpers, der von einer vornehmen Geburt und weichlichen Erziehung zeigte,