e l d h e i m zu befreien, ist gar zu lebhaft. Wir wissen nur noch nicht, auf welche Art die Sache am besten anzufangen ist; denn wir dürfen nicht allein mit einander reden, und müssen überhaupt sorgfältig allen Schein eines geheimen Verständnisses vermeiden. Doch ich hoffe, der Himmel wird um des unschuldigen Feldheims willen unser Unternehmen begünstigen. Wäre nur erst der Tag der Ausführung da! Lange kann ich diese verhasste Rolle nicht mehr spielen.
Ferdinand.
Einundachtzigster Brief
Bartold an Eduard
Freue Dich mit mir, E d u a r d , wenn Du kannst. Ich bin auf eine Spur gekommen. Ich halte mich täglich in der Schenke auf, und trinke einen Krug Bier, um etwas nähere Nachricht von den Dieben zu hören. Die Bauern sitzen denn alle um mich her, und hören mit aufgesperrtem Maul und Nase zu, wenn ich von politischen Händeln und dergleichen rede. Es sind hier im dorf zwei grosse Politiker. Der eine davon ist einmal ein Jahr auf einer lateinischen Schule gewesen, hat aber, da sein älterer Bruder starb, wieder zum Pfluge zurückkehren müssen. Dieser spricht denn noch immer gern von gelehrten Sachen, und bedauert den Zufall sehr, der ihn von seiner gelehrten Laufbahn zurück rief; denn er meint, es würde einmal ein grosser Mann aus ihm geworden sein, wenn er beim Studieren hätte bleiben können. Er weiss denn auch den andern Bauern so viel von Sachen vorzuschwatzen, die er einmal hat nennen hören, und deren Namen er ganz jämmerlich verdreht, dass sie ihn für ein Wunder der Gelehrsamkeit halten.
Der andre ist der S c h m i d t des Dorfs, der, wie er sagt, weit auf Reisen gewesen ist. – Im grund aber bestehen seine ganzen Reisen darin, dass er in einem Städtchen, zwei Meilen von hier, als Schmiedegeselle gearbeitet hat. – Dieser steht denn auch – sein handfester Körper trägt dazu nicht wenig bei – hier in grossem Ansehen. Beide wollen oft mit dem Schulmeister von hohen Dingen sprechen. Dieser aber fühlt seine Schwäche gegen sie, weil er einmal in einer solchen Streitigkeit über die Farbe vom Schwanz eines Cometen, der sich vor einiger Zeit am Himmel sehen liess, von den beiden andern besiegt worden ist, und dann die Leibesstärke des Herrn Schmidts lange in seinen Knochen empfunden hat, so dass er ihnen nun immer auf die höflichste Art Recht gibt. Wollen sie durchaus Widerspruch haben, um ihre Stärke in der Widerlegung des Gegners zu zeigen, so schleicht er sich sachte davon, und überlässt die beiden Kämpfer dem Misvergnügen, das sie empfinden, ihre besonderen Gaben – das ist der Lieblingsausdruck des ehemaligen lateinischen Schülers – nicht zeigen zu können.
Es ist sehr lustig, diesen gelehrten Streitigkeiten beizuwohnen, und zu sehen, wie sich diese Leute mit den wichtigsten Mienen von der Welt über Kleinigkeiten zanken, die andern nicht einmal der Rede wert scheinen. Ich vergleiche sie oft mit unsern Gelehrten, die über ein beh und bäh, und oft über noch geringfügigere Sachen ganze Stösse von Streitschriften schreiben, die zu weiter nichts dienen, als dem Verleger Absatz zu verschaffen, wenn nämlich recht grobe persönliche Anzüglichkeiten darin stehen. Denn leider sind wir Menschen in dem verderbten Geschmack, dass die boshaft aufgedeckten Fehler unsrer Mitbrüder am meisten unsre Aufmerksamkeit reizen. Ist diess aber nicht der Fall, sondern wird bloss die Ursache des Streits abgehandelt, ohne tückische Nebenanekdoten und Schmähungen, die gar nicht zur Sache gehören, so erregen diese Schriften weiter keine Aufmerksamkeit, und dienen bloss dazu, dass der Krämer Käse hineinwickelt, oder Pfeffertüten daraus macht, wenn sie nicht zu einem noch unedlern Gebrauch angewandt werden.
Doch was gehen Dich und mich und unsre Bauern solche Kämpfe an? Die mögen die Herren Gelehrten unter sich halten, und ich will den Faden meiner Erzählung wiederum anknüpfen.
Meine Bauern sprachen denn also wirklich davon, dass die Diebesbande sich in dem benachbarten wald aufhalten müsse, und dass man es kaum wagen dürfe, diesen Weg zu passiren. Ich spitzte beide Ohren und fragte sie, ob sie denn nicht einmal mit vereinter Macht einen Ausfall auf diese Spitzbuben tun wollten?
"Da wären wir gewaltige Narren, versetzten sie, wenn wir uns der Gefahr aussetzten, von diesen Kerlen ermordet zu werden. Das mag die Obrigkeit tun, und die vornehmen reichen Leute, die von ihnen geplündert werden. Uns können sie nichts nehmen, dafür sorgt unser gnädiger Landesherr und unser Herr Amtmann. Die Abgaben, die wir zahlen müssen, die Haasen und andres Wildpret, das unsre Feldfrüchte verdirbt, und das wir doch bei Lebensstrafe nicht erschiessen dürfen, machen, dass wir selbst kaum das liebe Leben durchschleppen, geschweige denn, dass wir noch was für Diebe übrig haben sollten. Wir können also ganz unbekümmert bei allen Diebstählen sein."
"Das dächte ich doch nicht, meine Freunde; denn wenn Ihr selbst auch nicht bestohlen werden könnt, so suchen doch Eure Gutsherren von Euch den Ersatz desjenigen herauszupressen, was ihnen entwandt wird."
Die Richtigkeit dieses Satzes wurde durch ein allgemeines Fluchen bewiesen, aber dem ungeachtet hatten sie doch gar keine Neigung, ihre eigne Haut in Gefahr zu setzen. Ich muss also einen Plan ausdenken, dessen Ausführung ich allein zu übernehmen vermag. Vielleicht gibt diese Nacht mir günstige Träume ein.
Bartold.
Zweiundachtzigster Brief
Bartold an Eduard
Als ich heute früh in tiefen Gedanken über die Ausführung meines Vorhabens auf dem feld spazieren ging, begegnete mir der Lumpensammler