? Jenes Gift wirkt langsamer, aber es bleibt eben so wohl Gift, als dasjenige, dessen wirkung schnell folgt, und der Gebrauch von beiden ist gleich unerlaubt. Vergieb mir diese Betrachtungen, lieber E d u a r d ! Ich wünschte, dass sie nicht ganz ohne wirkung bei Dir sein möchten!
Dein treuer
Bartold.
Achtundsiebzigster Brief
Eduard an Bartold
Da Dich das Schicksal des armen H e n r i c h s so sehr zu beunruhigen scheint, so wird Dich die Nachricht erfreuen, dass er nicht mehr bei mir ist. Seine Seele war freilich nicht für feine Gefühle geschaffen, und ich merkte wohl, dass ihm die Art, wie wir unser Leben führten, nicht recht anstand. Der Prediger hatte sich auch nach ihm erkundigt, und liess ihn zu sich holen, als er seinen Aufentalt erfuhr. Er redete ihm seinen Kummer aus dem Herzen, verschaffte ihm eine andre Stelle, und wahrscheinlich wird er bald auch eine andre Frau wählen. Er war so guterzig, teil an meinem Kummer zu nehmen, und kam zu mir, um auch mich zu bekehren. Seine treuherzigen Reden rührten mich. Ich versicherte ihn aber, dass unsre Lage und Empfindungen gar zu verschieden wären, als dass sein Trost bei mir recht wirksam sein könnte. Ich billigte seinen Entschluss, – denn freilich der wäre ein Tor, der dem Kummer nachhängen wollte, wenn sein Herz freudiger Empfindungen fähig ist, – und gab ihm eine kleine Summe zur Unterstützung seiner neuangefangnen Haushaltung.
Auch ich bin nicht mehr der trostlose E d u a r d , der ich war. Eine süsse Hoffnung hat mein Herz erfüllt. Ich habe an M a r i e n geschrieben. Mit klopfendem Herzen sehe ich der Antwort des Engels entgegen. Wenn ich einen Menschen gehen höre, so springe ich ans Fenster, und denke, er kommt von ihr, und mismütig kehre ich um, wenn ich nur einen langsam schleichenden Bauer sehe. Aber was höre ich! Man nennt meinen Namen, man fragt nach mir? Glücklicher Eduard! ein Brief von M a r i e n ?
Bartold! ich bin verloren. Sie darf, sie kann nicht die Meinige werden. O Gott! so sollen die übrigen Tage meines Lebens öd und in schrecklicher Einsamkeit dahin schleichen? Elender, unglücklicher Eduard!
Neunundsiebzigster Brief
Ferdinand an Eduard
Endlich ist es mir gelungen, ein paar Worte mit dem unglücklichen Jüngling zu sprechen, der mir, ohne dass ich weiss, wodurch? so vielen Anteil an seinem Schicksal eingeflösst hat.
B r a n d wollte vergangne Nacht einen Hauptausfall vornehmen, bei dem er nur seine geschicktesten Leute mitnahm. Wir furchtsamen Hasen – so nennt er uns, – die noch kein Pulver riechen können, blieben zurück, nebst noch einigen andern, die er aus besonderen Ursachen auch nicht mitnahm. Des Abends wurde stark gezecht. Feldheim trank unter dem Vorwand eines heftigen Kopfwehs gar nicht, und winkte auch mir verstohlen mit den Augen. Dieses wäre nicht einmal nötig gewesen, um mich vom Trinken zurückzuhalten: denn die Lust zum Weintrinken ist mir vergangen; auch erregt es immer ein äusserst peinliches Gefühl in mir, mit diesen Lotterbuben aus einem Glase zu trinken, und mich von ihnen Bruder nennen zu hören. Im Anfang sah ich mich immer ängstlich um, ob auch jemand unsre Vertraulichkeit sähe.
Die andern also machten sich unsre Mässigkeit auf eine so vorteilhafte Art zu Nutze, dass sie, von der doppelten Portion benebelt, bald auf die Bank taumelten und laut schnarchend schliefen. Sobald F e l d h e i m dieses merkte, kam er näher zu mir.
"Mich dünkt, sagte er, ich sehe an Ihnen beständig so deutliche Zeichen eines geheimen Verdrusses, dass ich glaube, Sie sind eben so ungern in der Gesellschaft dieses Auswurfs der Menschheit als ich. Ich bin von gutem haus. Allerlei Umstände, deren Erzählung jetzt zu weitläuftig sein würde, brachten mich zu dem Entschlusse, mein väterliches Haus zu verlassen. Ich wurde nebst meinem gefährten von Brand und einigen andern im wald angehalten. Mein Gesellschafter wurde ermordet. Voller Angst flehte ich um mein Leben; meine Jugend schien Eindruck auf sie zu machen."
"Den Burschen könnten wir brauchen, sprach B r a n d : er ist schmächtig, und würde gut zum Einsteigen durch schmale Löcher zu brauchen sein. Höre, junger Mensch, willst du uns folgen, und dich zur Treue verpflichten, so sollst du es recht gut bei uns haben. Willst du aber nicht, so musst du sterben, wie dein Gefährte."
"Die Liebe zum Leben überwand meinen Abscheu gegen diese Mörder. Ich folgte ihnen, aber nur um so lange bei ihnen zu bleiben, bis sich mir eine gelegenheit zur Flucht zeigte. Vier Tage nach meiner Aufnahme kamen Sie zu uns. Bei Ihrem Anblick belebte mich eine gewisse süsse Hoffnung, die mich auch noch nicht verlassen hat. Wollen wir uns verbinden, einander zu retten, so bald wir können?"
"Ich bin es gern zufrieden; denn diese niedrige Lebensart ist mir verhasst."
"Aber wollen Sie mir auch versprechen, mich nach meines Vaters haus zu bringen? Wie mag der gute Alte wegen meines Schicksals in Sorgen sein! Ich bin sein einziges Kind, und er hat mir gewiss meinen Fehler vergeben, und seufzt nach meiner Zurückkunft. Sie sind alter und beherzter als ich, deswegen wäre mir Ihre Begleitung lieb; denn