1784_Liebeskind_067_76.txt

. Du herrschest zu sehr in jedem meiner Gedanken; ich fühle es, dass meine Liebe zu dir nur mit meinem Leben sich endigen wird. Und auch selbst dann noch nicht. Meine Liebe zu dir war kein körperliches Gefühl, das mit dem Verlust unsrer Sinne zugleich schwindet. Es war eine feste überzeugung der Verschwistrung unsrer Seelen, und kann nie aufhören, so lange dieses unsterbliche Wesen lebt. Sie wird nur durch die Befreiung von unserm Körper geläutert, und so veredelt wird sie mir in die Ewigkeit folgen.

Das ist meine Beruhigung. Wenn es doch auch die Ihrige wäre! Wie bald sind nicht die wenigen Tage des Lebens vorüber, nur ein Augenblick gegen die Ewigkeit! Und um dieses Augenblicks willen wollten wir uns den reinen Genuss der zukünftigen Freuden verderben? wollten die schöne Beruhigung verscherzen, so gehandelt zu haben, wie uns Gott und Tugend befahl? Nein, E d u a r d , das sei fern von uns. Aber wir wollen auch nicht durch unbändigen Schmerz gegen die weise Fügung Gottes murren. Unter Ergebung in seinen heiligen Willen, und in stiller Wehmut fliesse unser übriges Leben hin. Wir wollen uns bemühen, unsern Nebenmenschen noch so gut und nützlich zu sein, als unsre schwachen Kräfte es erlauben.

Ich werde nicht aufhören zu beten, dass diese sanfte Beruhigung, welche Gott so gnädig mir schenkte, auch Ihnen zu teil werden möge. Und so, über Menschen und Unglück erhaben, wollen wir ohne Murren und ungeduldige Wünsche, mit stiller sehnsucht die selige Stunde ererwarten, in welcher uns Gott diesem irrdischen Schauplatz entrücken wird.

Marie.

Fortsetzung. Sophie an Julien.

Hätten Sie doch, meine J u l i e , die himmlische Ruhe gesehen, die von M a r i e n s Antlitz stralte, als sie diesen Brief geschrieben hatte! Sie schien mir schon eine selige Bewohnerinn des himmels zu sein.

"Ich danke dir, Gott, sprach sie, dass du meine Gebete erhörtest, und meinen lauten Kummer hinwegnahmst. O Allliebender! stärke auch seine Seele, dass sie nicht unterliege. Lass auch ihn den erquickenden Trost deiner Religion fühlen!"

Mit noch grösserm Ernst, als vorher, nimmt sie jetzt der Erziehung der Kinder und der Pflege der Kranken sich an. Zu ihrer Erquickung muss ich ihr dann zuweilen ein Lied von G e l l e r t singen, und ihre dankbare Rührung ist dann gewiss ein Lohn mehr für dich, seliger Mann, der du durch deine sanfte fromme Muse schon so manchen Trost in die Seele des Leidenden flösstest. – Ich muss aufhören. Leben Sie wohl, meine Julie!

Sophie.

Siebenundsiebzigster Brief

Bartold an Eduard

Aller Nachforschung ungeachtet, habe ich noch nicht entdecken können, wo F e r d i n a n d sich aufhält. Ich bin jetzt auf einer Reise, um ihn aufzusuchen, und folge von Postaus zu Postaus der Spur des briefes, den er Dir schickte. Ich bin jetzt nicht weit von der Gegend, in der du Dich aufhieltest; denn daher scheint mir der Brief gekommen zu sein. Man spricht auch wirklich von häufigen Diebstählen, die hier geschehen, und schliesst daraus, dass eine Diebesbande in der Nähe sein müsse. Ich werde mich eifrigst bemühen, ihren Aufentalt zu entdecken; denn ich fürchte, dass unser F e r d i n a n d verloren ist, wenn es nicht bald geschieht.

Ich habe in langer Zeit nichts von Dir gehört, E d u a r d . Sollte wohl ein Brief verloren gegangen sein? Mache nur die Addresse nach D**. Von dort lasse ich meine Briefe abholen. Ich bin sehr begierig etwas von Dir zu hören. Bist Du noch immer ein Raub des Kummers? O Freund, wenn Du Dich doch mehr fassen wolltest; wenn Du Dich ernstlich bemühtest, die Last des Schmerzens von Dir abzuschütteln! Dieser Schmerz verführt Dich zu Handlungen, die Deiner ganz unwert sind. – Du handeltest gar nicht gut, da Du den armen H e n r i c h zum Genossen Deines Kummers machtest. Der gute Mensch hätte sich vielleicht bald beruhigt, hätte seine Liebe einem andern Mädchen gewidmet, und wäre wieder der glückliche Bauer geworden, der er sonst war. Aber so zernichtest Du sein Glück, Du stärkst das Gefühl seines Leidens, welches der menschenfreundliche Geistliche zu dämpfen suchte; Du machst, dass er seinen Verlust nur noch mehr empfindet, und er ist nun vielleicht auf immer unfähig wieder das zu werden, was er vorher war. Lass ihn gehen, und die Gesellschaft seiner Bauern, die stete Arbeit, mit welcher er beschäftigt sein wird, werden seinen Kummer von selbst mildern. Nimm Du an seine Stelle einen muntern Menschen, der Dich aufzuheitern vermag; denn das solltest Du doch billig einsehen, dass es sträflich ist, alle Mittel von sich zu stossen, welche zu unsrer Erheiterung dienen könnten, und sich recht mit Vorsatz durch ununterbrochnes Trauern zu grund zu richten. Ist es eines Mannes, den Gott zu höhern Endzwecken schuf, wohl würdig, des Nachts wie ein Bettler vor der Tür seiner Geliebten zu liegen, und den Tag mit Wehklagen zu verseufzen?

Ermanne Dich, E d u a r d , und hebe Deine Seele unter dieser schimpflichen Bürde des Kummers wiederum hervor. Du selbst fühlst die Unanständigkeit und Sträflichkeit des Selbstmords. Ist es minder sträflich, sich durch unmässigen Kummer nach und nach aufzureiben, als mit einem male sein Leben zu endigen