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verlangt ein reines Herz von uns, in welchem keine andern Götzen herrschen. Und ach! so war das meinige nicht. Ich klebte stärker an der Welt, an E d u a r d , als an meinem Gott! Schrecklicher Gedanke! O! ihr schuldlosen zeiten meiner Jugend, wo seid ihr hin? Damals hatte noch keine andre leidenschaft diesen Tempel der Unschuld entweiht. Alle Kräfte meiner Seele waren nur Gott gewidmet. Ihm trug ich mit stiller kindlicher Ergebung in seinen Willen, mit innigem Vertrauen auf seine Vatergüte, meine Bitten und Leiden vor; und der Erhörung versichert, fühlte mein Herz sich gestärkt und beruhigt. Wie bekümmerte mich jeder Fehler, den ich beging! Mit unruhigem Gewissen ging ich umher, bis ich mich im Gebet getröstet hatte. Und dann war mir so wohl! O ihr seligen Gefühle der reinsten Liebe zu Gott, werdet ihr nie wiederkehren?"

Nun stürzten Tränenströme aus ihren Augen auf ihre Brust herab. Unsre würdige Pastorinn beruhigte ihre leidende Seele, und flösste den sanften Trost der Religion ihr ein. Durch die herrlichen Worte unsers Erlösers: kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquickenmerklich getröstet, legte sie sich schlafen, und stand den andern Morgen etwas erheiterter auf.

Eine Stunde nachher kam ein Brief von E d u a r d . Sie wollte ihn unerbrochen weglegen.

"Aber wer weiss, was er mir zu sagen hat?" sprach sie bald hernach. "Es wäre hart und ungerecht, ihn gar nicht hören zu wollen. Er hat mich ja durch nichts beleidigt. Ich muss den Brief lesen."

Sie öffnete ihn, und nun schwammen ihre Tränen auf das Papier hin. Schweigend gab sie ihn mir. O J u l i e , wie erschütterte er auch mich! E d u a r d liebt sie noch mit gränzenloser Zärtlichkeit. Er wohnt hier in einem Bauernhause, um nur in ihrer Nähe zu leben; er hat die Nachricht von ihrer Scheidung erfahren, und nun scheinen die alten Hoffnungen wieder bei ihm aufgewacht zu sein. Er bittet in den rührendsten Ausdrücken nur um eine Zusammenkunft.

"Was sagt meine S o p h i e zu diesem Briefe?"

"Ich kann gar nichts dazu sagen, beste M a r i e , Ihr Herz muss ihn beantworten. Es muss bestimmen, ob Sie E d u a r d s treue Liebe noch belohnen wollen. Ich bin geneigt, A l b r e c h t s Scheidung von Ihnen als eine Fügung des himmels anzusehen, die vielleicht geschah, um zwei Herzen wieder zu vereinigen, die für einander geschaffen zu sein scheinen."

"Ach S o p h i e , Ihre Erklärung ist zwar süss, aber ein innres Gefühl lässt mich an ihrer Richtigkeit zweifeln. Es scheint mitbeste Frau Pastorinn, sagen Sie Ihre Meinung."

"Haben Sie durch wirkliche Untreue A l b r e c h t gelegenheit zur Scheidung gegeben?"

"Beste Frau, welche Frage!"

"Können Sie dieselbe mit N e i n beantworten?"

"Ja, Gott sei mein Zeuge, das kann ich mit dem grössten Gefühl der Wahrheit."

"Gut! kann denn eine Scheidung rechtmässig vor Gottes Augen sein, zu der keine gültige Ursache da war?"

(Wie schämte ich mich jetzt meines übereilten Urteils!)

"O Gott, nein, das ist sie nicht. Ich fühle mich jetzt lebhaft überzeugt, dass ich vor Gott und meinem Herzen noch eben so gesetzmässig A l b r e c h t s Weib bin, wie vorher. Ach! mein Herz, durch Leiden niedergebeugt, ist auch nicht mehr fähig, die Freuden der Liebe zu geniessen. Ich werde bald von der Bürde des Körpers bebefreiet werden. Ich fühle, dass eine sanfte Beruhigung in mein Herz dringt; möchte sie doch auch das deinige erfüllen, o E d u a r d !"

Sie glaubte nun stark genug zu sein, um an ihn zu schreiben. Hier lesen Sie selbst den Brief.

Sechsundsiebzigster Brief

Marie an Eduard

Nur vom Wahn der Liebe getäuscht, konnten Sie Ihren letzten Brief an mich schreiben. Ich kann und darf Ihren Vorschlag nicht annehmen. A l b r e c h t schied sich von mir, durch ungerechten Argwohn verleitet. Verbände ich mich mit Ihnen, so würde ich ihm und der ganzen Welt zeigen, dass sein Verdacht gegründet sei, dass ich wirklich die Treulose wäre, für die er mich hielt.

Nein, E d u a r d , wenn er auch seine Pflichten vergisst, so darf ich doch deswegen die meinigen nicht hintansetzen. Der Scheidungsbrief, den das Gericht ausfertigte, war ungerecht; also kann er nicht gültig sein; also kann ich nicht handeln, wie eine Geschiedne, da ich vor Gottes Augen noch verheiratet bin. Und wenn ich es auch ohne Sünde könnte; wenn es auch nicht so sträflicher Ehebruch wäre: so fühle ich doch zu lebhaft, dass Gott uns hier nicht für einander bestimmt hat. Mein Leben wird nicht lange mehr dauern; ich fühle mit jedem Tage die Abnahme meiner Kräfte. Ich will mich bemühen, mich vom Irrdischen loszureissen, und die wenigen Stunden, die ich noch hienieden wallen werde, bloss meinem Gott widmen.

Ach E d u a r d ! ich fühle, dass es meine Kräfte übersteigt, mich von dir loszureissen