wäre, etwas anders zu denken und zu schreiben, als von ihm! Kommen Sie doch wieder zu mir, meine S o p h i e . Mich dünkt, vor Ihnen schäme ich mich der Schwäche meines Herzens nicht so, wie vor unsrer Matrone. Wäre sie nicht so sanft und liebreich, ihr Herz nicht ein so herrlicher Tempel der edelsten Menschenliebe, so müsste sie mich verachten; aber so sieht sie mitleidig und gütig auf meine Schwäche, und sucht stets mich aufzurichten. Durch ihre Vorsorge gerührt, stelle ich mich oft erheitert, um sie nicht zu kränken; aber dieser Zwang kostet mich sehr viel.
Meine Schwäche gestattet mir nicht mehr zu schreiben. Leben Sie wohl, Teure, und grüssen Sie Ihre liebe Julie von mir.
Marie.
Einundsiebzigster Brief
Eduard an Bartold
Ein Strahl von Hoffnung erhellt die düstre Nacht, die mich umgiebt. Ich habe einen Kundschafter in der Stadt, der mir von allen Bewegungen A l b r e c h t s Nachricht geben muss, damit ich jede Gefahr sehe, die meiner M a r i e droht. Dieser nun schreibt mir, dass der Unwürdige mit einem Mädchen sehr vertraut umgeht, welches er schon vor seiner Heirat kannte, und dass er um die Scheidung von M a r i e n anhalten will.
Der unaussprechlich Nichtswürdige, der im stand ist, einen reinen Engel einer Buhlerinn aufzuopfern! Aber wenn er selbst das Band löset, in welches er sie wahrscheinlich durch Verräterei verwickelte, so ist sie wieder so frei, wie vorher, als noch jene glückliche Zeit war. B a r t h o l d ! wenn sie wiederkehrte, diese seligste Zeit meines Lebens! M a r i e , himmlisches Mädchen, wenn du noch mein würdest! Ich wollte an deinem Busen, dem Göttersitz der Liebe, alles vergessen, was ich um dich litt. Wie wollte ich durch unaussprechliche Zärtlichkeit dich für deinen Kummer trösten! Welches selige Gefühl, deine Tränen zu trocknen!
Aber wäre die Seligkeit nicht zu gross für mich? Ich fühle, dass ihre Seele weit über der meinigen steht. Doch mit himmlischer Güte würde sie mich zu sich hinauf ziehen, auf eine höhere Stufe mich heben. Willig würde ich dir folgen, du Engel! Meine Gedanken verwirren sich in dem süssen Taumel. Ich muss diesen Phantasien in der Einsamkeit nachhängen.
Eduard.
Zweiundsiebzigster Brief
Marie an Sophien
Wie hart straft der Himmel den Fehler, den ich beging, da ich mein Herz so verwahrloste! Ich bin verlassen, entehrt, der ganzen Welt als eine Lasterhafte zur Schau gestellt! Dieser letzte Schlag hat mein Leben getroffen.
Sie wissen, dass ich an A l b r e c h t schrieb, ihm die geschichte meines Fehlers erzählte, und ihn um Verzeihung wegen meiner Beleidigung bat. Meine Pflicht befahl mir diesen Schritt. Ich zitterte zwar vor dem Gedanken, ihn wieder zu sehen, und mit ihm vereinigt zu werden; aber ich hoffte doch, durch Sorgfalt und Aufmerksamkeit auf jeden seiner Wünsche den Mangel der Liebe zu ersetzen, die ich für ihn aus meinem Herzen nicht erzwingen konnte, und durch ein äusserst vorsichtiges gefälliges Betragen mir seine Neigung wieder zu erwerben. Da ich mich eben mit diesen Gedanken beschäftige, kommt ein Brief von ihm. Eine geheime Ahndung machte, dass ich zitterte; es war als weigerte sich meine Hand das Siegel zu erbrechen. Endlich öffnete ich ihn. – Ein Scheidungsurteil fiel mir entgegen, und ich sank sinnlos zur Erde nieder. Erschreckt durch meinen Fall, kam meine Wirtinn herauf. Sie brachte mich auf mein Bette, und es dauerte eine Stunde, ehe ich wieder zum Leben kam. Ich war noch sprachlos, und zeigte nur auf den Tisch hin, auf welchem das Papier lag.
Als ich wieder völlig zu mir selbst gekommen war, las ich den Brief: "Madam,
Ich bedaure, dass mir der Mangel der Zeit nicht verstattete, Ihre patetische, empfindsame Abhandlung, die wahrscheinlich aus irgend einem Roman – und ich liebe Romane dieser Art gar nicht – abgeschrieben war, völlig durchzulesen. Ueberhaupt wünsche ich, dass Sie mich in Zukunft mit ähnlichen Klagliedern verschonen. Richten Sie dieselben lieber an Leute, bei denen sie besser angebracht sind als bei mir. Dieses Scheidungsurteil gibt Ihnen dazu ungestörte Freiheit.
Madam,
Ich habe die Ehre zu sein
Ihr
gehorsamer Diener
A l b r e c h t ."
Gott, welch ein Brief! Einer feilen Buhlerinn kann man nicht schnöder schreiben. Diess hat meinen Kräften den letzten Stoss gegeben. Ich bin ein Baum, dem man nach und nach die besten Lebenszweige abgehauen hat, und der nun verstümmelt da steht, dem Auge der Vorübergehenden ein grauenvoller Anblick. O dass doch die wohltätige Hand des Zimmermanns den verstümmelten abgelebten Stamm ganz niederhauen möchte!
Marie.
Dreiundsiebzigster Brief
Sophie an Marien
Unglückliche Freundinn! Wie beweine ich Ihr Schicksal! O das Ungeheuer von Mann, der die beste würdigste Frau verstiess! Wenn ich es recht bedenke, meine M a r i e , so ist Ihr los nicht so unglücklich, als es gewesen sein würde, wenn Sie wieder zu dem Nichtswürdigen zurückgekehrt wären. Da Ihr rührender Brief, der das härteste Herz würde bewegt haben, seine unempfindliche Seele nur zum Spott reizte, so würde er auch gewiss gleichgültig gegen alle Sanftmut und gefälligkeit gewesen sein, die Ihr vortreffliches Herz ihm beweisen wollte. Sie sind gewiss weit glücklicher, von ihm entfernt, als bei