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durch ihren Widerstand nur noch stärker entflammt. Der Sieg ist der süsseste, den man mit Mühe erkämpft. Hol es der Teufel, dass ich mich noch einige Wochen wenigstens ganz ruhig halten muss. Jetzt darf ich es noch nicht wagen, sie zu sehen; aller meiner Vorsicht ungeachtet, glaubt sie doch vielleicht, dass ich Schuld an der ganzen Sache sei, und dann würde auch A l b r e c h t selbst grosse Augen machen, wenn ich mit der Beute davon ginge. Ich muss also warten, bis Eure Hochzeit vorüber ist, und dann sollst du selbst es mir danken, meine M a r i e , dass ich dich von den beiden Pinseln entfernte, um dir einen gescheidten Kerl zum Mann zu geben.

Die Zeit bis dahin wird mir verwünscht lang dauren. Es soll mir also willkommen sein, wenn Sie mir eine kleine Zerstreuung unterdessen verschaffen wollen; denn ich hoffe doch, dass Sie ein hübsches Mädchen für mich auf dem Korn haben.

Wildberg.

Neunundsechzigster Brief

Sophie an Marien

Der Schmerz, mit welchem ich Sie verliess, meine M a r i e , geht über alle Beschreibung. Den ganzen Weg über war ich nicht fähig an etwas anders zu denken, als an Sie. Ich sah oft mit wehmütigem Verlangen nach Ihrem stillen dorf, und wünschte mich wieder in das Haus zurück, das die besten Menschen in sich fasst. Ich hoffe gewiss, dass unsre würdigen Freunde sich Ihrer auf alle Art annehmen werden. Die vortreffliche Pastorinn ist gewiss besser im stand, ihr krankes Herz aufzurichten, als ich Schwache! Doch hoffe ich auch bald wieder bei Ihnen zu sein; denn mein Onkel bessert sich sehr. Ich fand ihn wirklich viel schlimmer, als die zärtliche Julie mir geschrieben hatte.

Könnte ich Ihnen doch das liebe Weib mitbringen! Ihr sanftes Wesen würde gewiss Ihre Liebe gewinnen. Es ist eine rechte Wonne, die liebenswürdige Frau in ihrem haus zu sehen, wie die kleinsten weiblichen Geschäfte Anmut unter ihren Händen erhalten. Sie und ihre C h a r l o t t e mit ihren allerliebsten Kindern um sich zu sehen, das ist eine Freude, die sich nicht beschreiben lässt. Gewiss würden auch Sie durch diese liebenswürdigen Kinder erheitert werden, die, ihrer Lebhaftigkeit ungeachtet, doch fast gar nichts von Eigensinn oder Laune besitzen, und äusserst folgsam gegen die kleinsten Winke ihrer Mutter sind, die ich oft kaum bemerke.

Ich fühle es mit starker überzeugung, dass ich für K a r l s h e i m keine solche treffliche gattin gewesen wäre, wie sie ihm ist, und es war gewiss eine weise Fügung des himmels, dass er unsre Verbindung störte. Sein Charakter stimmt weit mehr mit J u l i e n s ihrem überein als mit dem meinigen. – Julie sowohl als er unterholten mich oft mit einem bedeutenden Wesen von W i l h e l m . Ich möchte wissen, was sie mit ihm wollen; er hat ja eine Braut, und auch ich werde nicht leicht wieder einen Mann lieben. Ich läugne zwar nicht, dass W i l h e l m – doch, was geht er mich an? Ich will es der Gebieterinn seines Herzens überlassen, ihm Lobreden zu halten. –

Möchte ich Sie doch ruhiger wissen, als Sie waren, da ich Sie verliess! Beste M a r i e , so lange ich Sie so in Kummer versenkt weiss, ist auch alle meine Munterkeit dahin, und keine Freude will mir mehr schmekken; denn in eben dem Augenblick, da sie sich mir darbeut, denke ich an meine teure Freundinn, und das Bild Ihres Leidens reisst auch mich zu ähnlichen Empfindungen hin. –

Sophie.

Siebzigster Brief

Marie an Sophien

Jede Zeile Ihres briefes atmet Güte und Liebe, zeigt mir das zärtliche Herz meiner Freundinn. Ach S o p h i e ! warum muss mein Kummer meinen Lieben solchen Schmerz verursachen? Ist es nicht genug, dass ich allein leide? O, dass mein Herz so schwach war, und den mächtigen Eindrücken der Liebe nicht zu widerstehen vermochte! Und noch lodert diess sträfliche Feuer in meinem Busen; noch immer ist er der einzige Punkt, um den alle meine Gedanken sich drehen, beim Schlafen und beim Erwachen! Des tages und des Nachts auf meinem Lager, von Tränen benetzt, steht er vor mir. Bei jeder Handlung, selbst bei den heiligsten der Religion, stört mich sein Andenken; in meine eifrigsten Gebete zu Gott mischen sich Wünsche für ihn. Ich kämpfe, mich zu besiegen; aber vergebens. Matt vom inneren Kampfe, von Seufzern und Klagen, stehe ich von meinem Knien auf, und ringe trostlos die hände. Ach, ich beleidigte meinen Gott dadurch, dass ich Anfangs dieser sträflichen Neigung nicht genug widerstand; er hat sich von der Sünderinn gewendet! Weh mir! für meine Seele wird kein Trost hienieden mehr sein! –

S o p h i e ! wenn E d u a r d auch so elend wäre als ich! Gott im Himmel, er ist ja unschuldig! Ich allein verdiene Vorwürfe. Warum hatte ich nicht ein eben so festes Vertrauen auf seine Liebe, wie er auf die meinige! Doch diese Betrachtungen dienen nicht, mich zu beruhigen. Ich will hoffen, dass seine Seelesie ist ja die Seele eines Mannes, vom stärkerm Stoff gebaut als ichsolchen Leiden nicht unterliegt wie die meinige.

Ach! dass ich fähig