Büchern, die den Geist und das Nachdenken schärfen, und unsern moralischen Charakter bilden; sehen Sie, das sind meiner Meinung nach Dinge, die auch für unser Geschlecht von grossem Nutzen sind, und ihm gelegenheit geben, die Zeit, die ihm von weiblichen Geschäften übrig bleibt, angenehm und nützlich anzuwenden. Nur muss ein Frauenzimmer diese Dinge nicht gegen jedermann auskramen, und sich nicht berechtigt glauben, Wettstreite mit Männern einzugehen, am wenigsten mit ihrem eignen Gatten. Er wird diese Vorzüge zeitig genug an ihr entdecken, und die Bescheidenheit seiner gattin wird ihren Wert verdoppeln. Die Mannspersonen haben einmal eine höhere Meinung von ihren Geisteskräften, als von den unsrigen. Sie sehen es also lieber, dass wir von ihnen zu lernen scheinen, als dass wir Miene machen, sie belehren zu wollen."
Diese liebenswürdige Frau sagte diess mit dem angenehmen Wesen, welches ihr so eigen ist, und wir setzten diese Unterhaltung noch eine Weile fort. Ich gehe jetzt mit doppeltem Vergnügen nach der Mühle, wo ich sie kennen lernte. Ihr Umgang ist mir mehr wert, als die Gesellschaft aller übrigen Damen unsrer Stadt. Um Ihrer Vaterstadt, liebe S o p h i e , kein Unrecht zu tun, gebe ich gern zu, dass noch viele vortreffliche Frauenzimmer hier sein können, die mir unbekannt sind, und die auch das Vorurteil, welches man hier gegen mich hat – (und auch wirklich gute Menschen, denen es nur an Zeit und gelegenheit mangelt, sich genauer von der Ungründlichkeit desselben zu überzeugen, können gegen mich eingenommen sein –) von meinem Umgang zurückhält. Aber im Ganzen stehen doch, wie Sie selbst mir oft sagten, Ihre Landsmänninnen nicht eben im besten Ruf. Ich kenne, wie Sie wissen, nur wenige. Einige Familien begegnen uns zwar mit vieler achtung, die andern aber rümpfen doch noch immer das vornehme Näschen, wenn sie mich sehen. Ich beruhige mich deswegen sehr leicht, und überlasse es der Zeit, sie billiger zu machen. Ich würde, wenn auch diese Hinderung nicht wäre, meinen Umgang doch nur auf eine kleine Anzahl einschränken. Ich bin nicht für grosse Gesellschaften, und sie würden mich auch nur in meinen häuslichen Geschäften und hauptsächlich an der Erziehung meines Kindes hindern, die doch meine erste Pflicht ist. Dieser liebe Knabe ist mir zu teuer, als dass ich ihn ohne wichtige Ursachen, bloss um meines Vergnügens willen, das im grund nicht einmal wahres Vergnügen ist, den Gefahren aussetzen sollte, die seinem Geist und Körper unter den Händen des Gesindes drohen. Ich begreife nicht, wie es möglich ist, dass Mütter von mehreren liebenswürdigen Kindern sie so ganz verwahrlosen können; wie es möglich ist, dass sie alle Tage ihren Vergnügungen nachhängen, und diese unschuldigen Kleinen dem unachtsamen Gesinde überlassen. Leuten, vor welchen sie sorgfältig geringere Schätze verschliessen, überlassen sie das, was ihnen der kostbarste Schatz sein sollte, ein Kind in dem Alter, wo die zarte Seele willig jeden Eindruck aufnimmt, und wo so vieles darauf ankömmt, gute Eindrücke in ihre Herzen einzuprägen, und sie vor den bösen zu hüten!
Doch ich vergesse, liebe S o p h i e , dass ich Ihnen einen Freundschaftsbrief, und keine moralische Abhandlung, schreiben wollte. Ueberdiess ist auch Ihr teilnehmendes Herz gewiss zu sehr mit dem Kummer Ihrer Freundinn beschäftigt, als dass Ihnen etwas anders interessant sein könnte. Es fällt mir schwer, Ihnen zu sagen, dass Sie Ihre liebe M a r i e auf einige Wochen verlassen müssen. Ihr Herr Onkel wünscht Ihre Gegenwart; er ist etwas unpass, und dringt darauf, Sie hier zu sehen. Ich kann mir vorstellen, wie sehr meine zärtliche S o p h i e dabei leiden wird, dass sie M a r i e n jetzt verlassen soll, da sie Ihres Beistandes so sehr bedarf. Indessen wird es zu Ihrer Beruhigung dienen, dass doch die wackere Frau Pastorinn ihr bleibt, und diese wird sich gewiss mit aller Sorgfalt der armen Leidenden annehmen. Morgen schon wird der Wagen kommen, um Sie abzuholen. Ich werde Sie also bald wirklich an mein Herz drücken, teuerste S o p h i e , und Ihnen selbst sagen, wie ich mit ganzer Seele bin
Ihre
zärtliche Freundinn,
Julie Karlsheim.
Sechsundsechzigster Brief
Wildberg an Amalien
Bei meiner Seele, A m a l i e , Sie sind eine Zauberinn. Sie haben Ihre Rolle meisterhaft gespielt. Fast hätte ich selbst geglaubt, Ihr Erröten, Ihre Verwirrung, die halbzurückgehaltne Träne in Ihrem schwarzen Auge bei A l b r e c h t s erstem Besuche, wäre Ernst gewesen. Der Kaltblütige wurde auch ganz davon hingerissen. Ich glaube, er hätte gern zu Ihren Füssen Sie um Verzeihung wegen des vermeinten Kummers angefleht, den er Ihnen gemacht zu haben glaubte. Aber es ist nicht genug, dass Sie ihn gefangen haben, Sie müssen jetzt alle Ihre Kräfte anwenden, ihn fest zu halten, und sein Herz gegen M a r i e n zu stählen.
Sie hat ihm einen Brief geschrieben, der fast mich selbst gerührt hätte – wenigstens sah ich daraus, dass es mit dem Briefe von E d u a r d , den ich fand, ganz anders zusammen hängt, und dass sie an seiner Ankunft unschuldig ist. Doch das will ich Ihnen mündlich erklären; genug, dass mir dieser Brief bei A l b r e c h t treffliche Dienste geleistet hat – dessen wirkung auf ihn