küsste er mir die Hand: ich glaube, es kam von einer Bewegung des Wagens, dass er sie etwas drückte; ich fühlte aber doch, dass ich ein wenig rot wurde. Er bat sich die erlaubnis aus, sich morgen nach meinem Wohlsein erkundigen zu dürfen. Mich soll es Wunder nehmen, ob er kommt; vielleicht vergisst er es wohl. Ich bin vom Schreiben so müde, dass ich Ihnen heute nichts auf Ihren schönen Brief antworten kann. Schlafen Sie recht wohl, liebe M a r i e . Ewig die Ihrige
Sophie.
Vierter Brief
Marie an Sophien
Hätte ich doch nicht gedacht, dass meine Prophezeihung so bald bei Ihnen eintreffen würde! Ich glaube, Sie haben in Ihrem ganzen Leben von allen Mannspersonen, zusammen genommen, noch nicht so viel gutes gesagt, als Sie mir jetzt in einem Briefe von K a r l s h e i m schreihen. Eine grosse Ehre für ihn! Doch muss ich gestehen, dass es mir scheint, nach verschiednen Zügen zu urteilen, die Sie mir von ihm schreiben, als wenn er Ihres Beifalls vollkommen würdig ist. Ich beklage nur den armen Herrn S t e r n f e l d . In einem bogenlangen Briefe gedenkt S o p h i e seiner mit keinem Worte. Der arme Mann! Es ist aber doch ein sichres Zeichen, dass Ihr Geist und Herz ganz mit andern Dingen beschäftigt gewesen ist; sonst wäre doch wohl wenigstens sein Name einmal genannt worden. Quälen Sie ihn nur nicht lange, und geben ihm bald seinen Abschied, denn das haben Sie ja doch wohl beschlossen. Und alsdann wünsche ich, dass der kleine Liebesgott sein bald das Herz Ihres neuen Verehrers mit dem Ihrigen zusammen bringen möge. Aber nun auch ein Wörtchen im Ernst mit meiner Freundinn. Karlsheim scheint zwar ein liebenswürdiger Junge zu sein. Erkundigen Sie sich aber doch erst etwas näher nach seinem Charakter; suchen Sie zu erforschen, ob seine Liebe wirklich standhaft und zärtlich ist, oder ob sie nur ein vorübergehendes Gefühl, eine Aufwallung seines vielleicht zur Liebe geneigten Herzens war, damit Sie nicht nachher bereuen mögen, Ihre Liebe zu voreilig ihm geschenkt zu haben.
Verzeihen Sie diese Erinnerungen, meine Liebe. Sie scheinen Ihnen vielleicht eben so überflüssig, als sie es den meisten Mädchen zu sein scheinen, wenn sie lieben. Das junge Herz, zum erstenmal von den Eindrücken der Liebe bezaubert, hält diese für ewig. Ihr Geliebter widerlegt jeden Zweifel, der etwa bei ihr aufkeimen könnte, und schwört ihr die festesten Versichrungen immerdaurender Liebe. Vielleicht meint er es wirklich redlich, glaubt in diesem Augenblick, dass nie etwas fähig sein würde, seine Zärtlichkeit zu schwächen; aber ach! sein Herz, schwach und unerfahren, wird von einem andern gegenstand hingerissen; er verlässt die Erstgeliebte, und widmet die Neigungen, von deren ewiger Dauer sie so gewiss überzeugt zu sein glaubte, einer Andern. Ach S o p h i e , ich werde zu stark von diesem Bilde angegriffen. O Gott, warum musste diess auch meine geschichte sein? Doch, weg mit diesen Gedanken! Sie sind nicht mehr für mich. Ach! da höre ich meinen A l b r e c h t kommen, ich will mich bemühen, mich bei ihm zu zerstreuen. Schreiben Sie mir doch bald wieder, liebe S o p h i e . In Herzensangelenheiten müssen wir doch eine Vertraute haben. Und die werde ich doch bei Ihnen sein?
Marie.
Fünfter Brief
Sophie an Marien
liebes böses Weib, hätte ich doch nicht gedacht, dass Sie so schalkhaft sein könnten. Welch eine ganze Reihe von Schlüssen und Vermutungen folgern Sie aus einem unschuldigen Worte, das mir entfuhr, als wenn ich nicht so gut wie andere Leute einen Mann artig finden könnte. Brauche ich deswegen gleich in ihn verliebt zu sein? Aber warten Sie, M a r i e , ich werde mich schon an Ihnen rächen. Wässte ich nur gleich, wodurch! – Nun es wird sich chon einmal eine gelegenheit finden. Uebrigens will ich Ihnen, Ihrem Verlangen gemäss, recht viel von – K a r l s h e i m meinen Sie? o behüte! was geht der Sie und mich an? – nein, von dem braven Herrn S t e r n f e l d will ich Ihnen recht viel erzählen. Den andern Morgen nach unsrer Zurückkunft kam meine Tante. Sie sollen unser ganzes Gespräch hören.
D i e T a n t e . "Guten Morgen, liebes Fiekchen! wie haben Sie denn geschlafen?"
I c h . "Recht sehr gut, liebe Tante."
D i e T a n t e . "O, das ist kein Wunder, in in Ihren Umständen. Eine Braut schläft immer gut."
I c h . "Eine Braut? Damit werden Sie mich doch wohl nicht meinen? Ich wüsste wahrhaftig nichts Aehnliches zwischen mir und einer Braut."
D i e T a n t e "O Kind, was kann das Zieren helfen? Ihr jungen Dinger tut immer als wärs eine Schande, einen Bräutigam zu haben. Im grund ist es doch nur Verstellung. Ihr hört doch gern vom Heiraten sprechen."
I c h . "Das kann wohl sein, Frau Tante, es kommt aber drauf an, mit wem man uns verheiraten will. Und ich muss gestehen, dass Herr S t e r n f e