Krankheit.
Mein Vater liess mich nach haus holen. Er und der vortreffliche junge Prediger des benachbarten Dorfs wandten alles zu meiner Beruhigung an. Der letzte brachte die romantischen Hirngespinnste aus meinem Kopf, und lehrte mich meine Empfindungen auf der rechten Seite anwenden. Ich genas, und mit meinem Körper wurde auch meine Seele gesund. Ich bemühte mich, meinem nächsten so nützlich zu werden, als ich mich ehemals zu sein bestrebt hatte. Und nun glaubte der würdige Geistliche mit Sicherheit hoffen zu können, dass er in mir eine Frau finden würde, die ihm, seinen Wünschen gemäss, in der Ausführung seines Plans beistände, die Einwohner seines Dorfs zu guten und glücklichen Menschen zu machen. Er lehrte mich die vernünftige Liebe kennen, und ich lebe nun seit dreissig Jahren in der glücklichsten Ehe. Zwar hatte ich den Schmerz, mein einziges Kind an den Pocken sterben zu sehen, aber die feste überzeugung beruhigte mich, dass Gottes weise Vorsehung auch über die kleinsten Teile der Schöpfung waltet, dass er es mir entriss, damit ich es einst als einen Engel Gottes wiederfände! Seit diesem Zufall hat nichts mehr meine Ruhe stören können, und ich bemühe mich, jeden Abend mit der Beruhigung schlafen zu gehen, dass ich den Tag über mich bestrebet habe, meinen Nebenmenschen so gut und nützlich gewesen zu sein, als möglich."
M a r i e seufzte am Ende dieser Erzählung. Die Pastorinn umarmte sie, und sagte ihr noch viel Schönes zu ihrer Beruhigung. Sie glaubte auch, es wäre M a r i e n s Pflicht, an ihren Mann zu schreiben, und ihm den Argwohn zu benehmen, den er gegen sie gefasst hätte. M a r i e selbst glaubte die Verbindlichkeit dazu zu fühlen, und schrieb noch denselben Morgen an ihn. Hier haben Sie die Abschrift des rührenden briefes.1 Ich muss schliessen. Schreiben Sie mir doch bald, liebe J u l i e .
Sophie.
Fünfundsechzigster Brief
Julie an Sophien
Ich nehme so vielen Anteil an dem Leiden Ihrer Freundinn, dass ich selbst seit einiger Zeit ganz schwermütig geworden bin. Mein kleiner G u s t a v zerstreut indessen gewöhnlich meinen Tiefsinn durch seine kindischen Tändeleien. Der gute Knabe kennt noch keinen andern Kummer, als den, wenn seine Speise einmal zu lange ausbleibt! Wie glücklich sind diese kleinen Geschöpfe, deren Bedürfnisse noch so leicht zu befriedigen sind! Ach S o p h i e , dass doch dieses goldne Zeitalter, diese Jahre der schuldlosen Freude, nicht wiederkehren! Ach dass mit den zunehmenden Kenntnissen auch so viele neue Wünsche in uns aufwachen, die wir oft nicht erfüllen können, und die dann nur zu eben so vielen Quellen des bittern Jammers für uns werden!
Diese Betrachtungen rühren mein Herz, und erfüllen es mit lebhaftem Danke gegen Gott, der so bald meinen Kummer endigte, und meine Wünsche über meine Erwartung erfüllte! Ich lebe jetzt so glücklich, als es nur möglich ist. Das schwärmerische Heftige der Liebe ist nun bei uns gemildert, und wir lieben uns mit der zärtlichsten Freundschaft, die nur unter Eheleuten möglich ist. Wenn sich mein Mann von Geschäften ermüdet fühlt, so glaubt er eine angenehme Erholung im Umgang mit mir und meinem kind zu finden. Die Erziehung dieses lieben Knaben gibt uns Stoff genug zu angenehmen Unterhaltungen, und ich freue mich nicht wenig, wenn er meinen Meinungen in diesem Punkte beipflichtet. Zuweilen kommt auch wohl des Abends ein Freund zu uns, auch wohl meine liebe C h a r l o t t e mit ihren Kindern. Ich finde stets viel Nutzen und Vergnügen in ihrem Umgang, denn sie ist eine liebe Frau, von grossem verstand und mancherlei Kenntnissen, und dabei ganz ohne den falschen Stolz, der oft an Frauenzimmern die schönsten Vorzüge des Geistes verdunkelt. Sie ist sehr bescheiden, und kann in Gesellschaften gewöhnlicher Weiber eben so gut von Alltagssachen schwatzen wie diese, ohne nur durch ein Wörtchen die Ueberlegenheit ihres Geistes zu verraten. Auch in Gesellschaft von Mannspersonen mischt sie sich nicht in ihre gelehrten gespräche, und dringt ihnen nie Urteile über Bücher oder andre Sachen auf, die in das Fach der Wissenschaften gehören.
"Den meisten Männern – sagt sie oft – ist die so genannte Gelehrsamkeit an uns verhasst, weil sie glauben, dass unser Verstand nicht dazu bestimmt ist, um über schwere tiefsinnige Materien nachzudenken, und eine Halbgelehrte, voll Stolz und Einbildung auf ihr Bisschen Wissen, ist ihnen mit Recht ein unausstehliches geschöpf. Die ernstafte Miene des Philosophen passt nicht zu der angenehmen Grazie, die sie so gern immer bei uns finden möchten. Sie suchen in einer gattin keine starke Denkerinn, sondern ein holdes geschöpf, das ihnen die lästigen Sorgen der Haushaltung abnimmt, und durch gefälligen Scherz ihren Geist aufheitert, wenn er vom Nachdenken ermüdet ist."
"Aber eben dazu, meine Liebe, dünkt es mich doch gut, wenn die Frau ihren Geist etwas angebaut hat, damit sie ihren Mann doch auch von andern Dingen als von Putz und dergleichen unterhalten kann."
"Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, liebe J u l i e . Wenn ein Frauenzimmer Zeit und Anlage hat, so wird es für sie in vielem Betracht gut sein, ihren Geist mit Kenntnissen zu bereichern. Nur wünschte ich nicht, dass sie Dinge wählte, die bloss für Männer sind, und weiter gar keinen Nutzen für sie haben. Naturgeschichte, das Interessanteste der Historie, Musik, Malerei, Lektüre von solchen