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Mit Weisheit und Güte beantwortete er meine kindischen fragen von Gott, und pflanzte schon früh Liebe und Ehrfurcht gegen den Allmächtigen in meine zarte Seele.

Meine Mutter gewöhnte mich auch zum Wohltun. Sie lehrte mich früh den Gedanken fassen, dass wir nur Verwalter unsers Vermögens wären, und dass Gott den Reichen darum mehr Geld gegeben hätte, damit sie mehr Macht haben sollten, Gutes zu tun, und ihren armen Brüdern beizustehen. – Ich entzog mir oft ein neues Kleid oder so etwas, und gab das Geld einer Mutter, um ihr nacktes Kind vor Kälte und Hunger zu schützen. Meine Mutter lehrte mich den Dank und die Freudentränen der Armen mehr schätzen, als alle die Eitelkeiten, mit welchen man sonst den Kopf der kleinen Mädchen anfüllt.

Ich hatte einen Hang zur Schwärmerei, und diesen lenkten meine Eltern bloss auf das Gute und Tugendhafte; denn sie glaubten mit Recht, dass Gefühle und Begriffe von Tugend, wenn sie auch übertrieben wären, bald genug mit zunehmenden Jahren in der Welt herabgestimmt würden, und dass es also weit besser sei, zu viel als zu wenig Empfindungen für sie zu haben. Im zehnten Jahre verlor ich meine Mutter. Wie wurde ihr auf ihrem Todbette der Gedanke so schwer, mich in dem gefährlichsten Alter allein hier zurückzulassen! Mit welchen innigen heissen Gebeten empfahl sie mich der Fürsorge Gottes! Der gütige Vater erhörte auch ihr frommes Gebet. Er schickte zwar Prüfungen, aber nur um mich zu läutern!

Nach ihrem todstets werde ich wünschen, so selig, mit solcher Ergebung in den Willen Gottes zu sterben, wie sie starbmusste mein Vater seine Schwester zu sich nehmen, damit sie die Haushaltung versähe, und die Aufsicht über mich führte, zu der ihm seine überhäuften Geschäfte, die ihn auch oft auf ganze Wochen entfernten, keine Zeit mehr übrig liessen. Diese Tante war eine gute person, die sich aber durch beständiges Lesen der Ritterbücher und Romane den Kopf mit lauter überspannten Grillen angefüllt hatte. Sie hielt auch mich zu dieser Lektüre an. Mein Verstand war schon zu gut gebildet, als dass ich an den abgeschmacktesten derselben hätte Vergnügen finden können; aber desto mehr rissen mich diejenigen hin, deren Helden die Maske der Tugend und des Edelmuts hatten. Ich fand immer mehr Geschmack daran. Meine Einbildungskraft nahm warmen Anteil an den Schicksalen der so tugendhaft scheinenden Heldinnen. Sie schienen mir erhabne Muster zu sein, nach welchen ich mich bildete; sie erweckten in mir den Wunsch zu ähnlichen begebenheiten, und mein junges Herz sehnte sich bald nach einem gegenstand, dem es seine Liebe widmen könnte.

Der Fleiss in häusslichen Geschäften, die Wohltätigkeit gegen arme, die warme Liebe zu Gott, erkaltete nach und nach. Es schien mir zwar, dass ich alles weit lebhafter fühlte als sonst; aber ungeachtet ich von der Erzählung der Leiden eines andern bis zu Tränen gerührt werden konnte, so war ich doch im grund weit weniger tätig, ihm beizustehen, als sonst, es sei denn, dass er mir eben in dem Augenblick der Rührung erschienen wäre. Denn ob gleich meine Gefühle des Mitleids sehr lebhaft schienen, so waren sie doch nicht anhaltend genug, um mich zu vermögen, die gelegenheit zu tätigem Beistande aufzusuchen.

Geschäfte riefen meine Tante in die Stadt, und ich reiste mit ihr. Wir wurden zu einem Ball eingeladen; ich hatte heftige Begierde dahin, denn ich war noch nie auf einer öffentlichen Lustbarkeit gewesen. Meine Tante erfüllte meine Bitten, und ging mit mir hin. Unter den vielen jungen Leuten fiel mir besonders einer auf, der eine schöne Gestalt und bescheidne Miene hatte. Er nahte sich mir, und foderte mich zu einem Tanz auf. Sein sittsames Betragen reizte mich sehr, weil es so merklich gegen die Unverschämteit der andern abstach. Er begleitete uns nach haus und nahm so wohl mich als meine Tante durch seinen Verstand und sein angenehmes Wesen ein. Er suchte seit der Zeit alle gelegenheit auf, mich zu sehen, und betrug sich dabei so, dass meine Tante bald seine Neigung gegen mich merkte. Er war von Adel, und die Verbindung mit ihm, die sie für gewiss hielt, schmeichelte ihrem romanhaft gebildeten geist sehr.

Auch mir schienen seine Gefühle den meinigen so ähnlich, dass ich bald in ihm den Gegenstand zu finden glaubte, nach welchem ich mich schon so lange gesehnt hatte. Ich glaubte in ihm das höchste Ideal der Vollkommenheit, die meine Romane mir geschildert hatten, realisirt zu sehen. Einige Monate verflossen uns in unaussprechlicher Zärtlichkeit. Aber nun, denken Sie sich meinen Schmerz! erfuhr ich, dass mein angebeteter Liebhaberein nichtswürdiger Betrüger war. Er war schon lange verheiratet, aber ein eben so treuloser Gatte gegen seine entfernte gattin, als er sonst ein flatterhafter Liebhaber gegen jedes Mädchen gewesen war. Meine Jugend und Unschuld hatte ihn gereizt. Er machte den Plan, durch die Larve sittsamer Zärtlichkeit mich zu hintergehen, um die letzte zu grund zu richten, und mich dann zu seiner Buhlerinn zu machen, wenn er den Stolz meiner jungfräulichen Tugend zernichtet hätte. Er hatte mich gleich bei meiner Ankunft gesehen, und den Ball veranstaltet, um mit mir Bekanntschaft zu machen.

Schrecken und Abscheu machten mich erstarrend. Statt dass ich auf meinen Knien Gott hätte danken sollen, dass er mich so zu rechter Zeit aus den Händen des Bösewichts rettete, überliess ich mich einem unbändigen Kummer, verfiel endlich in eine melancholische Schwärmerei, und durch dieselbe in eine gefährliche