geduldig ausbüssen, ohne zu murren. Dank dir, du Engel, dass du mein innres Toben so sanft stimmtest!
Fortsetzung.
Ich habe den gefährten meines Kummers gefunden. Ich kehrte, wie gewöhnlich, des Nachts von M a r i e n s Fenster zurück, und hörte eine winselnde stimme auf dem Kirchhofe. Ich ging hinzu, und sah im Mondenschimmer einen Jüngling auf einem grab sitzen und jammern.
"Wer bist du, Freund, der du in der schauerlichen Stunde der Nacht hier sitzest und wehklagst? Verlorst du eine Geliebte? Entriss man sie dir durch Gewalt oder Trug? Oeffne mir dein Herz. Ich will Balsam in deine Wunde giessen."
"Ja, Herr, ich verlor ein Mädchen, das schönste des Dorfs. Sie war so gut, so zärtlich. Jedermann beneidete mich um ihren Besitz."
"Und wer raubte sie dir?"
"Ihr eigner Vater. Er widersetzte sich unsrer Liebe, weil ich nicht reich genug war, und wollte sie zu einer andern Heirat zwingen. Ich ging des Nachts heimlich zu ihr. Er überfiel mich, als ich aus ihrem Fenster stieg, und schlug mich mit hülfe meines Nebenbuhlers halb tot. Er sperrte das Mädchen ein, begegnete ihr sehr hart, und wollte ihr mit Gewalt den andern aufdringen. Sie sträubt sich vergebens. Der Tag der Hochzeit wird angesetzt. Sie hat kein andres Mittel mehr als mit mir zu entfliehen. Sie eilt in dunkler Nacht aus ihrem haus, um zu mir zu gehen. Sie tritt fehl auf einem schmalen Stege, der über unsern Fluss führt, und ich selbst finde den andern Tag ihren toten Leichnam im wasser! Ich wollte ihr nachstürzen, aber man hielt mich zurück. Ich fiel in ein hitziges Fieber und rasete. Unser Herr Pfarrer brachte mich zur Vernunft zurück. Ich würde meine Hanne im Himmel wieder finden, und den würde ich verscherzen, wenn ich selbst Hand an mich legte, sagte er. Er ermahnte mich auch, wiederum eben so fleissig meine Arbeit zu treiben, wie vorher. Das tue ich auch am Tage, aber des Nachts sitze ich auf ihrem grab und weine."
Ich schluchzte laut: "Wie heissest du, Unglücklicher?"
"Ich heisse S c h w a r z e . Aber H e n r i c h höre ich lieber. So nannte mich meine Hanne."
"Hast du noch Eltern, H e n r i c h ?"
"Nein. Ich bin allein, und gehe auf Tagelohn."
"Nun, armer H e n r i c h , so geh mit mir. Ich will dich unterhalten. Du sollst mehr mein Freund als mein Diener sein. Ich hatte auch ein zärtliches Mädchen, das ich verlor. Komm mit mir, guter Junge! Wir wollen mit einander klagen und einer in des andern Jammer Trost finden."
Seitdem ist er bei mir. Jede Nacht gehen wir zusammen aus: er zu dem grab seiner Hanne, ich vor das Fenster meiner M a r i e . In schweigendem Tiefsinn kehren wir zurück, und so wird ein Tag nach dem andern dahin schleichen, bis endlich der so sehnlich gewünschte erscheint.
Eduard.
Vierundsechzigster Brief
Sophie an Julien
O Julie, was leidet mein Herz bei dem Kummer meiner M a r i e ! Der herrliche Umgang unsrer vortrefflichen Wirtinn hat zwar ihren Schmerz sanfter gemacht und gemildert, aber ihre Seele leidet doch noch immer sehr tief. Es ist ein rührender Anblick, zu sehen, wie sie in den Stunden die kleinen Kinder unterrichtet, wie ihre schwache stimme oft ausruhen muss, um weiter reden zu können.
Die Frau Pastorinn erlaubt ihr dieses Geschäft gern, ob es gleich ihre schwachen Kräfte angreift; denn sie glaubt, dass solche Beschäftigungen das kräftigste Gegengift ihres Kummers sind. M a r i e n s sanftes Herz macht auch, dass sie die Kinder liebt, und ungeachtet ihres inneren Leidens beträgt sie sich doch so gefällig und liebreich gegen diese Kleinen, dass sie ihr sehr anhängen. Oft, wenn sie ein solches Kind auf ihrem Schoosse hält und seine Wangen streichelt, überfällt sie ein so heftiger Schmerz, dass sie das Zimmer verlassen muss, um sich in der Einsamkeit zu erholen. Die liebenswürdige Pastorinn sucht sie auf alle mögliche Art zu beruhigen, und M a r i e erkennt dieses sehr dankbar.
– "Ich schätze, sagte sie gestern zu mir, mit äusserster Verehrung diese treffliche Matrone. Aber ach, sie kann sich wohl nicht ganz in meine Lage denken. Ihr Herz, von geheiligtern Empfindungen durchdrungen, fühlte gewiss nie die Schmerzen der Liebe."
Die Pastorinn selbst kam ins Zimmer, als M a r i e dieses sagte, und diese letzte verbarg ihr diesen Zweifel nicht.
"Sie irren, liebe Freundinn. Ich habe in Ihren Jahren auch viel gelitten, glaubte auch oft, ich würde nie wieder heiter werden, und doch geniesse ich jetzt ein glückliches Alter. Ich will Ihnen meine Jugendgeschichte erzählen; vielleicht finden Sie etwas Beruhigendes darin."
– Auch Ihnen, liebe J u l i e wird sie interessant sein; Sie lernten auch früh die Leiden kennen. –
"Ich bin von vortrefflichen Eltern geboren, die mein junges Herz schon früh zur Liebe Gottes, und zum Wohltun gegen meine Nebenmenschen gewöhnten. Oft zeigte mir mein Vater auf Spaziergängen die Schönheiten der natur, und machte mich auf ihren Schöpfer aufmerksam.