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Bedingung verliesse, die ihm verbiete, mich zu schlagen.

Mein Vater verweigerte es, und Herr T r e u w e r t h erklärte: wenn man ihm dieses Mittel, das einzige, welches noch wirksam bei mir sein würde, nicht gestatten könne, so müsse er um seinen Abschied bitten.

Mein Vater wollte ihn nicht gern verlieren; denn es war sichtbar, dass ich in der Zeit, die er da war, viel gelernt hatte. Er bat sich also Bedenkzeit aus. – Ich hatte sie behorcht, und wusste meine Mutter durch Schmeicheleien so sehr auf meine Seite zu bringen, dass sie alles anwandte, meinen Vater zu vermögen, T r e u w e r t h seinen Abschied zu geben. Er wollte aber durchaus nicht daran, und sie erhielt weiter nichts, als das Versprechen von ihm, dass er durchaus nicht gestatten wolle, dass ich geschlagen würde. Der Mittag kam, und T r e u w e r t h erschien bei Tische. Nun waren die Sticheleien und Grobheiten meiner Mutter gegen ihn so gross, und ich lachte so triumphirend dazu, dass er noch denselben Tag unser Haus verliess.

Seine Stelle bekam Herr G u t m a n n , die frömmste Seele, die man sich denken kann. Ich konnte bei ihm machen, was ich wollte, und er lachte immer herzlich mit, wenn ich ihm heimlich das Gesicht schwarz gemalt hatte, und er dann, durch das lachen der Bedienten aufmerksam gemacht, im Spiegel seine schöne Gestalt erblickte. Meine Fertigkeit in allerlei listigen Streichen nahm nun auch so sehr zu, dass meiner Eltern Geldschränke keinen Augenblick sicher vor mir waren. Mein Vater bemerkte den Verlust einer starken Summe. Er visitirte und fand einige auszeichnende Stücke bei mir. Beweis genug gegen mich. Zu dieser Entdeckung kamen noch allerlei andre hinzu, die ihn so aufbrachten, dass er michzum erstenmal in seinem Lebentüchtig ausprügelte. Ich wollte mich meiner Haut wehren; er sperrte mich also, weil das Schlagen nicht anging, auf mein Zimmer, und schickte mich ein paar Tage nachher, alles Sträubens von meiner Mutter ungeachtet, in eine Pension, mit der Bitte, mich äusserst strenge und in der genauesten Aufsicht zu halten.

Dieses kam mir sehr spanisch vor. Ich machte mehrmals Versuche zu entlaufen. Sie wurden aber immer vereitelt, und ich musste ein Jahr an diesem infamen Orte aushalten. Ich hatte in den Stunden, die mir vom Lernen übrig blieben, kein andres Amusement, als witzige Streiche auszusinnen, deren Ausübung ich auf eine günstigere Zeit verschieben musste. Endlich konnte ich die Strenge, mit welcher man mich zum Fleiss anhielt, nicht länger ausstehen. Ich schrieb also so bewegliche Briefe an meine Mutter, und so weisheitsvolle, mit den besten Versprechungen durchspickte an meinen Vater, dass dieser endlich einwilligte, mich auf die Universität zu schicken.

Ich kam nach haus, und fand meinen Vater auf dem Todbette. Seine letzten Ermahnungen drangen so auf mich ein, dass ich mit dem festesten Vorsatze, fleissig und ordentlich zu leben, nach Jena ging. Aber ich war schon zu lange auf dem ungebundensten Wege fortgegangen. Es war zu spät, um noch einen andern einzuschlagen. Das lustige Leben der Musensöhne gefiel mir zu sehr. Mein Vater war tot, und ich rechnete darauf, dass meine Mutter mich nie würde Mangel leiden lassen. Ich lebte also recht flott drauf los, folgte meinem Hange zu Mädchen, und zu Vergnügungen aller andern Art. Es studierte noch ein Mensch da, Namens S c h l i c h t b e r g , der eben die Art von Talent besass, die ich hatte. Wir führten auch solche witzige Einfälle auf der Universität aus, besonders an den Professoren und Pedellen, dass wir bald unter allen Burschen berühmt wurden.

So gingen zwei lustige Jahre hin; aber nun erfuhr ich, dass meine Mutter tot wäre, dass das übriggebliebne Vermögen lange nicht hinreichte, die vielen Schulden, die da wären, zu bezahlen, und dass ich also auf keinen Pfennig mehr zu rechnen hätte. Diese Nachricht machte mich zwar anfangs desperat, aber ich hatte das Vergnügen zu sehr geschmeckt, als dass ich meine Lage hätte verändern mögen. Ich liess also den Mut nicht sinken, und lebte auf Kredit eben so flott fort, wie vorher. Fehlte es mir an Gelde, so nahm ich bei dem einen Juden Uhren und dergleichen Kostbarkeiten aus, für die er mir doppelt so viel anschrieb, als sie wert waren, und verkaufte sie um ein Dritteil des Preises an einen andern. Auch trug das Spiel, welches ich aus dem grund verstand, viel dazu bei, meine Kasse in gutem stand zu erhalten.

Einst wurde ich von einem jungen Edelmann, der eine grosse Summe an mich verlorfreilich nicht ganz nach dem Laufe des Spielsöffentlich der Prellerei beschuldigt. Ich wurde hitzig, sagte ihm die gröbsten Schmähreden, und es kam zu einem Duell. Ich erstach ihn, und floh eilig davon, ehe die Sache ruchbar wurde. Unterwegs stiess ich auf eine truppe Komödianten, und bot mich bei ihnen zum Akteur an, denn ich dachte mir ihre Lebensart ganz passend für meinen Geschmack. Ich schien dem Direkteur nicht unfähig: er nahm mich an, und ich spielte auch wirklich mit grossem Beifall in komischen Rollen.

Unser Direkteur hatte ein junges niedliches Weib, und liebte siewider die Gewohnheit der Komödianten