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! Was ist es denn weiter? Eine Stufe niedriger als jetzt. Andre Entwürfe des Glücks sind doch für mich verloren. Der junge Mensch blickte mit einem äusserst rührenden Wesen auf mich. Alles das zusammen, und ich sagte: Ja. Nun erschallten Glückwünsche und Freudengeschrei von allen Seiten. Es wurde noch eine Schüssel auf den Mittag bestellt, und alle fassten den Vorsatz tapfer auf meine Gesundheit zu saufen. Nun war ich ein Genosse von Leuten, die der Auswurf der Menschheit sind. Bloss der Hauptmann B r a n d hatte noch einen kleinen Anstrich von ehemaliger guter Erziehung übrig behalten. Um meinen Kummer zu zerstreuen, erzählte er mir seine geschichte. Ich will sie auch Dir mitteilen, aber heute ist es mir unmöglich. Ich muss schliessen.

Fortsetzung.

In der Gesellschaft meiner Bundsgenossen verabscheue ich mich selbst. In der Einsamkeit foltern mich auch unaufhörliche Vorwürfe. Um meinen Schmerz zu verjagen, will ich des Hauptmanns Erzählung wiederholen:

"Eine sogenannte feine Erziehung habe ich freilich gehabt, und mein Vater dachte wohl nicht, dass ich einmal der Vorsteher einer so honorablen Gesellschaft werden würde; denn als ich ihm von der Wehmutter überreicht wurde, verdoppelte er bei der Nachricht von meiner Knabenschaft das Geschenk, welches er ihr machen wollte. Und von der Zeit an war ich sein Augapfel und meiner Mutter Herzblättchen. Beide erzogen mich mit der grössten Sorgfalt; das heisst: sie hatten alle mögliche Aufmerksamkeit, mir in allen Dingen meinen freien Willen zu lassen; denn meiner Mutter Hauptgrundsatz war: dass man die Kinder nie ärgern müsse, weil der Aerger der Gesundheit schade. Ihre Zärtlichkeit hatte denn auch so vortreffliche wirkung auf mich, dass ich noch vor dem vierten Jahre allgemein gefürchtet ward. Ich übte alle möglichen Tyranneien an meinen Geschwistern, Gesinde, Hunden und Katzen, ja zuweilen auch an meinen liebwertesten Eltern selbst aus. Diese freuten sich denn immer gewaltig über meine witzigen Einfälle, wie sie es nannten.

Ja, sagte mein Vater und nahm mich auf seinen Schooss, aus unserm kleinen Georg wird noch einmal ein ganzer Mann werden.

Wenn das liebe Kind nur leben bleibt, – erwiderte meine Grossmutter und schüttelte den Kopf, der ohnehin schon sehr stark auf dem Rumpfe wackeltees ist mir gar zu klug für sein Alter, und die Kinder, welche so früh klug werden, kommen selten auf. So sagt das Sprüchwort.

Sprüchwort hin, Sprüchwort her. Der Junge wird schon gross werden. Nicht wahr, Schorschen, aus dir wird noch einmal ein grosser Jurist?

Ei Gott behüte! Juristen, böse Christen. Ich will das auf Sie nicht gedeutet haben, Herr Sohnmein Vater war Justizrataber ein Advokat soll er nicht werden. Es wird gewiss einmal ein Superintendent aus ihm. Nicht wahr, Kind?

Ich hatte mich während der Hitze des Streits ganz sachte von meines Vaters Schooss unter der Grossmutter Stuhl geschlichen, und stach sie mit einer grossen Nadel auf eine schmerzhafte Art an einen empfindlichen Ort, der bei ihr nicht mehr mit vielem Fleisch überzogen war. Sie sprang, vor Schmerzen über den kleinen Superintendenten laut schreiend auf, und mein Vater lachte in seinem Stuhl, dass er mit beiden Händen seinen dicken Bauch halten musste.

Aehnliche Streiche spielte ich auch meinen Informatoren. Verstanden sie es unrecht und wollten mich bestrafen; so klagte ich es der Mama, und die machte sie denn für ihre Grobheit gar weidlich herunter. Auch mein Vater meinte, dass Strenge das Genie bei mir unterdrücken würde. Dadurch kam es denn so weit, dass kein Lehrer mehr in unser Haus ziehen wollte. Diess war mir gerade recht. Ich lief nun ungestört auf der Strasse herum, und wurde bald durch die feine Geschicklichkeit berühmt, mit der ich meinen Kameraden ihr Naschwerk wegzukapern wusste. Aber leider endigte sich diese Freude bald.

Herr T r e u w e r t h wurde meinem Vater von einem würdigen mann zum Hofmeister bei mir vorgeschlagen, und zog bei uns ein. Er betrug sich gegen mich immer sehr leutselig, aber mit einem gewissen ernsten Wesen, welches mich im Anfange scheu machte, meine dummen Streiche vor ihm auszuüben. Er hielt oft die rührendsten Ermahnungen an mich, die auch zuweilen wirklich Eindrücke machten. Aber die Gesellschaft des Gesindes, der Strassenbubendenn hievon versuchte er vergeblich mich zurückzuhaltenvertilgten diese Eindrücke bald wieder. Die Spöttereien der Bedienten, auch oft meine Mutter selbst – (in die Ungnade der letzten war er gefallen, weil er einmal behauptete, eine Mutter sei verbunden ihr Kind selbst zu stillen. Der gute Mann wusste nicht, dass sie bei uns allen Ammen gehabt hatte –) die ihn nur den Pedanten nannte, und der Zwang, den ich mir in seiner Gegenwart antun musste, machten ihn mir fatal.

Ich fing an, ihn durch Ungehorsam und allerlei Neckereien recht vorsätzlich zu ärgern, aber er wusste mich die erstenmale so ernstaft zu behandeln, dass mir der Mut zu ähnlichen Versuchen verging.

Aber meine böse natur brach bald durch. Und die Ratschläge der Bedienten, welchen er verhasst war, weil er nicht mit ihnen soff und Karten spielte, wie der letzte Informator getan hatte, trugen auch dazu bei, dass ich bald anfieng, ihn aufs neue durch allerlei Beleidigungen so oft und vorsätzlich zu ärgern, dass er es meinem Vater klagte, und ihn um erlaubnis bat, den Stock bei mir gebrauchen zu dürfen; denn er merke, dass ich mich zu sehr auf die