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, und gebe Sie mir zu essen. Ich kanns nicht länger aushalten."

"Mein Sohn hat einige Bekannte mitgebracht, auch recht artige Leute, die – –"

Ich war des Geschwätzes mit der hässlichen alten Vettel satt, und drang, ohne auf sie zu hören, mit Gewalt in die stube. Eine verfluchte Hexe! Sie legt sich, glaube' ich, auf die Kunst, den Hunger durch Worte zu befriedigen!

Dieses Ausrufs wegen betrachtete mich die ganze honorable Gesellschaft aufmerksam. Sie bestand aus Kerlen, deren rauhe schreckliche Gesichtsbildungen mir noch mehr aufgefallen sein würden, wenn ich nicht so beschäftigt mit meinem Frühstück gewesen wäre. Als dieses verzehrt war, betrachtete ich sie noch einmal, und alle misfielen mir aufs höchste, einen jungen Menschen ausgenommen, der in einer Ecke sass, und eine edle, aber traurige Miene hatte. Ich wollte sogleich weiter gehen, weil es mir hier sehr misfiel, als einer von ihnen mich sehr höflich fragte, wo ich denn hinzureisen gedächte? Ich antwortete ihm: ich könnte den Ort nicht genau bestimmen, ich wollte Kriegsdienste suchen. (Es war auch mein Plan Mousquetier zu werden.)

"Ei, ein junger Mann von ihrem Ansehen sollte sich doch nicht todtschiessen lassen. Glauben Sie, mein Herr, das ist eine garstige Sache."

"Wem das Leben eine Last ist, dem kann es auch gleichviel sein, auf welche Art er es verliert!"

"In Ihrem Alter pflegt man doch sonst das Leben zu lieben."

"Ja, aber es kann Unglücksfälle geben, die uns das Gegenteil wünschen lassen. Doch dieses Reden macht Ihnen Langeweile, und mir nur unangenehme Erinnerungen. Leben Sie wohl, meine Herren!"

"Junger Mann, Sie flössen mir viel Teilnehmen an Ihrem Schicksal ein. Können Sie mir nicht mehr davon sagen?"

"Ersparen Sie mir eine Erzählung, die Ihnen und mir unangenehm sein würde. Ich muss gehen."

"hören Sie, mein Herr, ich fühle eine starke Neigung gegen Sie. Ihre Aussichten als Soldat sind ungewiss, Ihre Börse ist wahrscheinlich nicht im besten Zustande." (Diess musste er bemerkt haben, als ich meine Rechnung bezahlte.) "Bleiben Sie bei uns. Ich will für Ihren Unterhalt sorgen, und Sie werden sehen, dass Sie ein angenehmes Leben gewählt haben."

"Sie sind sehr gütig, aber darf ich fragen, worinn meine Beschäftigung bestehen sollte?"

"Das heisstsagte er lächelndwer wir sind? Wir sind Leute, die sich bemühen, die Glücksgüter, welche das Schicksal oft an den unrechten Mann gebracht hat, besser auszuteilen. Es versteht sich, dass wir uns selbst bei dieser Teilung nicht vergessen."

Schrecken und Abscheu erfüllten mich; denn ich sah nun, unter welchen Menschen ich mich befand. Ich wünschte mich weit entfernt. B r a n d , so hiess der Redner, schien meine Bestürzung zu merken:

"Sie haben gewiss auch das Vorurteil der Welt gegen uns, und doch sind wir verdienstliche Leute. Wir halten manche durch unsre Beraubung von einer schlechten Anwendung ihres Geldes ab. Wir bringen manchen Müssiggänger zur Arbeit zurück, und wahrhaftig, wir wissen sein Geld gut zu gebrauchen. Sagen Sie mir, handeln wir schlechter, als viele angesehene Männer, die sich durch List und Betrug ein grosses Vermögen sammlen? Ist es rechtmässiger, durch List, als durch Gewalt rauben? Nein, die Welt ist gewiss ungerecht, uns den Namen Diebe und Räuber zu geben, und jene grösseren Spitzbuben ruhig im Besitz ihres Vermögens zu lassen, und mit Ehre und Ansehen zu schmücken. – Sie schweigen, und schütteln den Kopf? hören Sie, junger Mensch, Sie werden hoffentlich selbst so klug sein, zu glauben, dass wir Sie, unsrer Sicherheit halber, nicht so können wiederum weggehen lassen, wie sie angekommen sind. Sie wissen unsre Geheimnisse, und das wäre für uns gefährlich."

"Ich verspreche bei meiner Ehre – –"

"Das Versprechen hilft uns nichts. Sie würden es bei der ersten gelegenheit wiederum brechen. – Wir schreiten ungern zu Gewalttätigkeiten, wenn wir unsern Zweck in Güte erreichen können; bei Ihnen aber wird es notwendig sein. Wählen Sie also: Entweder wir machen Sie durch den Verlust Ihrer Zunge und rechten Hand unfähig uns jemals zu verraten, und dann können Sie gehen, wohin Sie wollen, oder Sie schwören, uns treu zu bleiben. Es sollte mir leid tun, wenn das erste geschehen müssteeinen andern Ausweg erlaubt uns die Strenge unsers Gesetzes nichtdenn Sie scheinen mir ein beherzter Mann von gutem Kopf zu sein. Beides ist notwendig zu unserm Metier, und darum fiel meine Wahl gleich auf Sie. Nun, wie stehts? Bedenken Sie sich kurz."

Ich fühlte jetzt die ganze Strafe meines Verbrechens, die mir so schnell nachfolgte, da sie mich in die hände dieser Nichtswürdigen fallen liess. Ich, der ich mir immer so viel auf meinen Mut zu gute tat, zitterte vor Schrecken. Verstümmelt zu werden, welch ein grausames Schicksal! Und doch, Räuber! Dieb! das schallte fürchterlich in meinen Ohren. Aber es blieb mir ja immer noch die Hoffnung zu entwischen; ich war ja doch ein verlorner Mensch. Entlaufen, vom Vater enterbt, mein Name vielleicht als infam an die Ecken der Stadt geschlagen! Wie lächerlich, in meiner Lage von Gefühl der Ehre reden zu wollen