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zu packen, und einen Wagen bestellen zu lassen. Ich fuhr mit ihr und dem kleinen L i e s c h e n , welches sie durchaus mitnehmen wollte, nach meiner vortrefflichen Pastorinn zu, von der ich Ihnen neulich schrieb. Diese Frau, nur geschaffen um Gutes zu tun, nahm uns gern auf, und wurde sehr von M a r i e n s Unglück bewegt. Ist es noch möglich sie zu retten, so werden es gewiss diese vortrefflichen Leute vermögen; aber ich fürchte, dass sie alles dieses nicht lange überlebt. Ihr Körper ist sehr geschwächt.

Ich möchte nur wissen, wer A l b r e c h t so aufgebracht hat. M a r i e glaubt, dass vielleicht der nichtswürdige W i l d b e r g Anteil daran habe. Ach! sprach sie, gewiss ist er es auch, der E d u a r d von mir trennte. Das schreckliche Ende meines Onkels, und seine bisher unerklärbaren Worte, die er kurz vor seinem Hintritt in die Ewigkeit sprach, hellen sich mir auf: M a r i e – sprach er, als schon stimme und Augen sich brachenvergiebwildbergwirdUnd indem verliess ihn die Sprache. Er reichte noch immer nach seinem Schreibtisch, und bald daraufdoch ich will einen Vorhang über die schreckliche Scene seines Todes fallen lassen. Er war meiner Mutter Bruder! Ich vergebe ihm. O Gott! räche auch du nicht seine Missetat. Verzeih ihm um der Gerechten willen, die seine Schwester war! –

Gott, J u l i e ! Das Herz des Menschen ist so klein, und doch ein solcher Sammelplatz von List und Ränken! – Ich kann M a r i e n nicht verlassen. Bitten Sie doch meinen Onkel, dass er mir erlaubt, noch hier zu bleiben.

Sophie.

Sechzigster Brief

Ferdinand an Eduard

Wenn Du noch an einen Elenden denken magst, der mit jedem Augenblicke sich und sein verdammtes Schicksal verwünscht, so lies diesen Brief. Doch ich verdiene nicht, dass ein Rechtschaffner an mir teil nimmt. In der schändlichsten Verbindung, unter Leuten, die das Fünkchen Ehre, das noch bei mir übrig ist, mich verabscheuen lässt, an die aber mein unseliges Schicksal mich fest geschmiedet hat!

O dass ich den besten, treusten Rat verachtete, dass jener Nichtswürdige und seine verdammte Buhlerinn mich so fest in ihren Netzen hielten! Wie mögen sie über meine Einfalt gelacht haben! Tod und Verdammniss! Das Spiel solcher Elenden gewesen zu sein!

Ich wagte es nicht, einen Menschen anzusehen. Sogar vor der Wache und vor meiner Aufwärterinn schlug ich beschämt die Augen nieder. Es schien mir, als wäre ich sogar das Ziel des Spottes bei solchen Leuten geworden. Ein Brief meines Vaters brachte mich vollends zur Verzweiflung. Der arme Greis! Wenn er wüsste, was jetzt aus seinem Sohn geworden wäre! Doch vermutlich schreit schon sein entflohner Geist Rache über mich! Weh mir! Er schied, dem ungeratnen Sohne fluchend, aus der Welt! Die Haare steigen mir zu Berge! Weh mir!

Aber was soll das Winseln? Es schickt sich nur ein abgehärtetes Herz für mich Elenden. Ich will ununterbrochen weiter erzählen:

Ich stieg des Nachts aus meinem Kammerfenster auf das Dach eines Stalls; von da kam ich mit leichter Mühe herunter, und nun eilte ich unbemerkt über die Stadtmauer aus der Stadt. Nun ging ich mit starken Schritten auf einem mir unbekannten Wege fort. Es war mir gleichviel, wohin. Ich hatte ja keinen Vater, und kein Vaterland mehr! Gegen Mittag hatte ich, meiner Rechnung nach, wenigstens fünf Meilen gemacht. Furcht und Verzweiflung hatten mich keine Ermattung fühlen lassen. Aber nun wollten mich meine Füsse nicht weiter tragen. Aus Hunger und Müdigkeit schlief ich unter einem Baum im wald ein, und wachte erst des Abends spät wieder auf. Durch diesen Schlaf, den ersten, den ich seit einigen Tagen genoss, gestärkt, setzte ich meinen Weg fort, und ging die ganze Nacht durch. Am andern Morgen konnte ich das Schreien meines Magens nicht mehr ertragen; bisher hatte ich mich gefürchtet, einen Menschen anzureden, jetzt aber glaubte ich mich sicher, und eilte auf ein entlegnes Haus zu, das ich an einem einsamen Orte erblickte.

Ich pochte an. Nach langem Warten öffnete man mir die Tür. Ein altes Weibglaubte man noch an Hexen, so würde ich sie für die Oberste derselben gehalten habensah mich mit ihren triefenden Augen forschend an, und fragte: Was ich wollte, wo ich herkäme, und wer ich sei?

"Ich bitte um einen Bissen Brod, bin ein Reisender, und kann vor Hunger nicht weiter gehen."

Sie machte mich noch mit tausend fragen toll: wer denn meine Reisegefährten wären, wo ich mein Pferd hätte, und dergleichen mehr. Ich Ich sagte endlich höchst erbost:

"Ich bin nicht zum Examen hieher gekommen, sage Sie nur, ob Sie mir was zu essen geben will oder nicht; sonst geh ich weiter."

"O ja warum nicht? mein lieber Herr Baron, Diess Haus ist zwar kein Wirtshaus für jedermann, aber einem so hübschen jungen Herrn, als Sie, tut man wohl einen Gefallen. Ich bin immer sehr mitleidig gegen die hübschen Mannspersonen gewesen, und –"

"Das glaube ich gern. Aber sei Sie auch jetzt so mitleidig