1784_Liebeskind_067_6.txt

gewiss nicht vergessen. Wenn ich nur wüsste, was ich Ihnen schicken sollte. Haben Sie den Wandsbecker Boten gelesen?"

F r . A m t m . (laut lachend) "Den hinkenden Boten? O ja, aber das ist schon lange."

K a r l s h . "Verzeihen Sie, den Wandsbecker Boten meine ich, der ist von etwas andrer Art, als der hinkende. Ist Ihnen der Name A s m u s mehr bekannt?"

L o t t e . "Ach Mama, ich besinne mich drauf, das ist der Mann, der mit seinen Kindern auf der Erde kroch, und blinde Kuh spielte. Es ist zum Todtlachen schnakisch."

F r ä u l e i n B . "Ach ja, zum lachen für den gemeinen Mann ist er wohl, aber auch zu weiter nichts. Es geht mir, wie den Leuten, die sich an starke Brühen und gewürzte Ragouts gewöhnt haben; denen schmeckt denn kein Milchbrei mehr. Ich überlasse den Wandsbecker Boten gemeinen Leuten. Für meinen Geist ist er zu simpel."

Nach diesem Ausspruch, den sie gewiss irgendwo entlehnt hatte, warf sie mit einer zufriednen Miene den Kopf zurück, als hätte sie den Ausspruch der Weisheit getan. K a r l s h e i m lächelte wieder und schwieg, ungeachtet sie ihn mit einem Beifall fordernden blick ansah. –

F r . A m t m . "Ach ja, es war nicht viel Rares daran, das erinnere ich mich auch noch wohl. Ich lobe mir dafür die geschichte des – –"

L o t t e . "Ich ja, das ist auch ein herrliches Buch. Es steht so viel vom lieben Mond darin, und von dem Blümlein "V e r g i ss m e i n n i c h t ," dass es einen recht rührt, und das ist so schön, wie Wilhelm sich zu den Füssen seiner Grausamen erstechen will. Es ward mir dabei im Herzen so bange, dass ich über eine Stunde weinte. Der arme Wilhelm! Ich war so begierig auf das Ende, dass ich drüber vergass in die Küche zu gehen, und da war der Braten ganz verbrannt, und das Gemüse hatte sich an den Topf gehängt. Der Papa keifte so sehr, aber meine Mama sagte, es wäre besser, dass ich ein empfindsames Herz hätte, als wenn ich nach der Küche sähe, sollten auch noch mehr Braten darüber verderben. Papa behauptete zwar, eine gute Mahlzeit sei für einen hungrigen Magen besser, als Empfindsamkeit, aber Mama belehrte ihn eines andery. Ach, Sie glauben gar nicht, wie weichherzig ich bin. Es geht mir so nahe, wenn ich ein Huhn schlachten sehe; ich möchte über das arme Tier weinen."

Ein alter gebrechlicher Mann unterbrach sie, und bat demütig um eine kleine Gabe. Ihr fauler Kerl, schrie L o t t e , könnt ihr nicht arbeiten? ihr seid ja noch ganz rüstig. – Ach Mamsell, wenn Sie meine Umstände wüssten, so würden Sie nicht so hart sein. – Was? ihr habt noch ein loses Maul dazu? Gleich packt euch vom hof, oder ich lasse die Hunde auf euch hetzen. – Der alte Mann blickte seufzend gegen Himmel, und schlich gebückt an seinem Stabe fort. Während dass L o t t e und ihre Mutter sich noch über das unverschämte Lumpenpack ereiferten, ging Karlsheim unter einem Vorwande hinaus.

M i n c h e n , das gute Kind, war vors Tor gesprungen, um dem Mann heimlich ein Stück Brod zu geben, und erzählte mir nachher, es hätte eine lahme Frau mit zwei Kindern vor dem Tore gesessen; das eine Kind wäre dem Alten entgegen gesprungen, und hätte gefragt, ob er viel Brod mitgebracht habe; der Mann hätte sehr betrübt geantwortet. Darauf sei K a r l s h e i m gekommen, und habe dem Alten einige grosse Stücke Geld gegeben, und wäre eilig weggegangen. Der alte Mann hätte mit gefaltnen Händen ausgerufen: O Gott! so gibt es doch noch barmherzige Menschen, vergieb mir, Vater, wenn ich eben gegen dich murrte! und darauf wären sie weiter gegangen.

Wir wurden stark genötigt, den Abend da zu bleiben. Mein Onkel aber, dem es auch sehr da misfiel, lehnte es ab, und wir fuhren weg. Ich wurde, von den Danksagungen der Amtmänninn für meinen angenehmen Besuch ganz betäubt, und von den Liebkosungen der Familie fast erstickt, in den Wagen geführt. M i n c h e n weinte, als ich wegfuhr; auch mir ging der Abschied von dem kleinen lieben Mädchen nahe. K a r l s h e i m fuhr mit uns zurück. Ich muss gestehen, ich erwartete, dass er nun viele spöttische Anmerkungen über die Familie, die wir verliessen, machen würde. Aber, wie wurde ich beschämt, als er gar nichts davon erwähnte, sondern uns auf die angenehmste Art von andern Dingen unterhielt! Er ist ein sehr angenehmer Mensch: schlank gewachsen, blondes Haar, blaue schöne Augen, die etwas Schmachtendes haben, und oft sehr viel sagen, einen allerliebsten Mund, eine griechische Nase und Stirn, eine sanfte, liebliche Sprache: kurz, er würde für jedes Mädchen ein gefährliches geschöpf sein, ausser für Ihre Sophie, deren unüberwindliches Herz Sie kennen. Beim Abschiede