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das bei M a r i e n dient, mit Gelde bestochen. Diese nun sagte mir, dass ihre Frau oft Papiere läse, und dann ganz tiefsinnig sässe und weinte. Ich versprach ihr einen Dukaten, wenn sie mir das Papier brächte. S u s a n n e ist ein listiges Mensch, und zog ihr einst des Morgens beim Anziehen ein Blatt aus der tasche, die sie ihr holen musste. Und nun denken Sie meine Wut, als ich es las. Es war der Schluss eines briefes, und lautete folgendermaassen: "Ich muss aufhören zu schreiben, Inniggeliebteste, und doch ist mein Herz noch so voll; ich sehe auch, dass es unmöglich ist, diesem Blatt das Feuer mitzuteilen, das für dich hier in meiner Brust lodert. O! warum kann ich nicht zu dir hinfliegen, und noch einmal zu deinen Füssen den Taumel der Wonne fühlen, in welchem meine Seele dahin floss? Lebe wohl, Abgott meines Herzens. Ewig werde ich dich so heiss, so unaussprechlich lieben, als jetzt. Ich fühle es, dass mein Geist geschaffen ward, um mit dem deinigen verbunden zu sein. Keine Zeit, selbst nicht die Ewigkeit, soll dein geliebtes Bild mir entreissen. Noch im Reiche der Schatten werde ich ganz so wie jetzt, nur noch mit veredelterer Liebewenn das möglich istder Deinige sein.

Eduard.

N. S. Melde mir doch, wenn ich dich sehen kann. Wäre es auch des Nachts. Du kennst ja meine Ehrfurcht gegen dich, Geliebte!" O! wie wohl ist mir es, dass ich dich habe, verdammtes Blatt! Du sollst ihr Verderben sein. Ich möchte nur wissen, auf welche Art sie unsre falsche Karte entdeckt haben. Doch davon wissen Sie nichts, Amalie! Aber ich weiss, dass Siegegen die Gewohnheit Ihres Als M a r i e n s Vater starb, wurde ihrem Onkel schon damals sehr in die Augen, und ich hatte schon so allerlei Absichten auf sie. Um desto mehr erschrack ich, denn ihre Amour mit E d u a r d war mir ganz unbekannt.

Ich stimmte also gleich darin ein, dass man die Verbindung mit E d u a r d zerstören müsste, aber wahrhaftig nicht um das schöne Mädchen dem alten Knaster zu teil werden zu lassen, sondern um sie zum Lohn für mich selbst davon zu tragen. Er war seit kurzem von hier abgereiset, und nun ging also unsre erste sorge dahin, seine Briefe unterzuschlagen. So liessen wir eine geraume Zeit verstreichen, ohne dass sie etwas von ihm hörte. Ich trug auch sorge zu verhindern, dass sie keine Briefe an ihn senden konnte. Meine genaue Bekanntschaft mit dem Postsekretair, und des Alten Geldes versteht sich, dass auch ich meinen Schnitt dabei machteerleichterten mir dieses.

Und welche Briefe waren das! Wie beneidete ich den Kerl um die Liebe eines solchen Mädchens! – Sehen Sie so sauer als Sie wollen. A m a l i e . M a r i e war damals die Krone unsrer Stadt. – Ich hätte mein Leben hingegeben, wenn einer ihrer Briefe an mich gerichtet gewesen wäre.

Mit wütender Eifersucht im Herzen lief ich wie unsinnig umher. Nach und nach fasste sie einige Zweifel gegen seine Liebe; oft hielt sie ihn auch für tot. Dieses letzte musste ihr Oheim widerlegen; ich liess ihn überhaupt ihre Zweifel künstlich nähren, und endlich durch falsch geschmiedete Briefe seine Untreue so gewiss beweisen, dass sie wider ihren Willen davon überzeugt wurde. Nun hätten Sie ihren Jammer sehen sollen. Ich musste ihren Anblick vermeiden, um nicht durch ihren Schmerz äusserst gerührt zu werden; denn damals war ich solcher Eindrücke noch nicht so gewohnt, und nicht so abgehärtet dagegen, wie jetzt.

Nach Verlauf eines Vierteljahrs starb ihr Onkel an einem Schlagfluss, ohne die Früchte seiner Bemühungen genossen zu haben. Sein Tod war sehr schwer. Er stammelte mit grossen Zeichen der Reue noch allerlei abgebrochne Worte, die aber zum Glück ausser mir niemand verstand. Ich wurde zwar etwas dadurch erschüttert, aber ich fasste mich bald wieder; denn ich hatte ihm schon lange vom grund meines Herzens eine glückliche Reise nach dem Ufer des Styres gewünscht, und freute mich sehr, dass er so gefällig war, gerade so zu rechter Zeit meine Wünsche zu erfüllen.

Nunmehr wollte ich allmälig zur weitern Ausführung meines Entwurfs schreiten, und sah mich schon in Gedankenungeachtet mir M a r i e immerfort mit einem Kaltsinn begegnete, der mich äusserst schmerzteim Besitz von ihr, als eine Erbschaft, die ich in der Ferne heben musste, mich abrief. Diese Botschaft war mir nur halb so willkommen, als sie es sonst gewesen sein würde; indessen hatte mein Geldbeutel eine solche Verstärkung zu nötig, als dass ich sie hätte können fahren lassen, und es ist nie meine Sache gewesen, bei wasser und Brod zu lieben. Bisher hatte mich des alten Onkels Geldkasse unterhalten, aber er starb, ohne mich im tod so reichlich, als im Leben, zu bedenken, und ich konnte kaum so viel erhaschen, als ich notwendig brauchte, um meine drückendsten Gläubiger zu bezahlen, und meine Ehre zu retten.

Ich musste also abreisen. Besondere Umstände hielten mich andertalb Jahr an dem Orte auf, an dem ich nur einige Monate bleiben wollte. Ich hatte zwar unterdessen allerlei Liebesgeschichten gehabt, die mich M a r i